Schubs in der Schublade und Troll als Trost

In „Malte & Oßkar und der Lauf der Dinge“ erzählen Amia von Arenberg und Malte Zierden von der Reise ins Hundeparadies

Von Anne Amend-SöchtingRSS-Newsfeed neuer Artikel von Anne Amend-Söchting

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In der Schreibweise mit „ß“ ist der Name Oßkar einzigartig – genauso wie die Taube, die diesen Namen trug und am 13. Juni 2025 starb. Sie lebte in Hamburg, zuerst als gewöhnliche Stadttaube, dann als Begleiterin des Tierschützers und Influencers Malte Zierden, dessen Reichweite sich mit ihr potenzierte. Vielleicht hat Oßkar seine Flügel im Spiel gehabt, als es die Untere Naturschutzbehörde des Landkreises Limburg-Weilburg Ende Juni ablehnte, dem Einfangen von 200 Limburger Stadttauben und ihrem Töten durch Genickbruch per Ausnahmegenehmigung zuzustimmen.

Mit der Biologin und Illustratorin Amia von Arenberg veröffentlichte Zierden im Juli 2024 sein erstes autofiktional grundiertes Bilderbuch mit einer Oßkar-Geschichte. Drei Wochen danach führte Malte & Oßkar und das Glück, Pech zu haben die Bilderbuch-Bestsellerliste an.

In der ersten Geschichte reisen Malte & Oßkar zu Timeo, zur personifizierten Angst. Wenn Timeo „vom Angsthaben und Mutfassen, vom Einsamsein und Loslassen, von Schwere und von Leichtigkeit“ erzählt, geht Malte allmählich „ein Licht auf“. Er habe „das seltene Glück, Pech zu haben“ und er müsse seiner Angst in die Augen schauen. So wie diese Expositionstherapie im Schnelldurchgang basiert auch Malte & Oßkar und der Lauf der Dinge auf dem Motiv der fantastischen Reise. Die Handlung um Malte & Oßkar wird gerahmt vom Zusammentreffen mit Phia. Im ersten Bilderbuch erstreckt sich die erzählte Zeit über eine Nacht (von 20:31 bis 8:31 Uhr), im zweiten – nach einem Resümee iterativer Routine – über einen Tag (von 8:31 bis 20:31 Uhr).

Jeden Morgen und jeden Abend tauschen Malte und Phia kleine Briefchen aus, mit denen sie sich begrüßen und sich eine gute Nacht wünschen. Sie übermitteln Zettelchen in einem Korb, der über ein Band zwischen ihren beiden Häusern gespannt ist. Als Malte eines Morgens einen kleinen selbstgezogenen Kaktus zu Phia schicken möchte, stolpert er mit der Pflanze, von der sich einige Dornen in Oßkars Gefieder festsetzen. Malte fühlt sich klein und er wird klein, setzt sich mit Oßkar in den Korb und gleitet zu Phia. Obwohl sie die Dornen entfernen kann, fürchtet Malte um Oßkars Leben. Phia teilt seine Angst, betonend, dass jede:r einmal sterben müsse. Wenig später reisen Malte & Oßkar in einer „wundersamen Schublade“ in eine Alternativwelt. Dort bringt sie die Hündin Mathilda zu einem „unendlich großen Wesen“, das sagt, dass es der Trost sei. Mit ihm auf seinem Boot, wo er mit Mützen und Decken wohlige Wärme spendet, reisen Malte & Oßkar an einen magischen Ort, an dem sie auch Phias verstorbene Hündin Milla treffen. Mit vielen anderen Hunden ist sie dort glücklich. Maltes Angst ist kleiner geworden. Mit Oßkar kehrt er zu Phia zurück.

Beide Bilderbücher um Malte & Oßkar speisen sich aus den Motiven der Verwandlung und der fantastischen Reise. Wenn Malte von Ängsten heimgesucht wird, weichen die Farben aus seiner Welt. Alles um ihn herum wird schwarz. Die Dunkelheit ist unschwer als Metapher für seine Gefühle der Ohnmacht zu lesen, das folgende Schrumpfen als eine Art psychisch bedingte Mikrosomatognosie. In diesem Zustand fühlt Malte, dass die Schublade ruckelt und sich in Bewegung setzt. Während die Kinder in C. S. Lewis‘ Die Chroniken von Narnia durch den Wandschrank schlüpfen, um nach und nach die multiversale Parallelwelt dahinter zu erkunden, ist es bei Malte und Oßkar die Schublade, die den Übergang von der menschlichen Sinnenwelt in ein nicht wahrnehmbares Universum markiert und die heilsame Konfrontation mit Ängsten einleitet.

Die Angst bzw. Timeo im Glück, Pech zu haben, und der Trost im Lauf der Dinge sind beide als freundliche trollartige Wesen dargestellt. Ihre Größe entspricht der Tragweite der von ihnen verkörperten Affekte – Angst bei Timeo und Gefühle der Zuversicht bei der Figur des Trostes. Sie fügen sich ein in die gleichermaßen komplexe und kindgerechte narrative Illustrationswelt von Amia von Arenberg, die hervorragend mit Zierdens Text interagiert und ihn erweitert. So etwa hat die Hündin Mathilda, „die schnellste und mutigste Hündin der Welt“, nur zwei Beine. Ihre rollenden Gehhilfen, die den Verlust der beiden anderen kompensieren, werden im Text nicht benannt. Der „bunte Ort“, an den Malte und Oßkar mit ihr gelangen, ein Ort „voller Gedanken und Erinnerungen“, ist vermutlich das Hundeparadies. Seine Darstellung kommt mit wenig Text aus und weist gerade mit dieser Lakonie in besonderem Maße auf Zierdens Engagement im Tierschutz hin. Die Freundschaft zu Oßkar stand am Anfang großartiger und bewundernswerter Projekte. Dazu zählt unter anderem der Bau eines Tierheims in der Ukraine mit dem Team von Notpfote Animal Rescue.

In beiden Bilderbüchern ist auf den Illustrationen sehr viel zu entdecken. Sie laden ein, genau hinzuschauen und Kleinigkeiten zu würdigen, die auf den ersten Blick verborgen bleiben. Farblich ergänzen sich die beiden aufs vorzüglichste. Die Rot-Orange-Gelb-Töne aus dem Glück, Pech zu haben machen im Lauf der Dinge Platz für die Dominanz von Lila und Türkis mit ausgeprägten Lichtakzenten dazwischen. Beide Bücher zusammen scheinen in ihrer Farbenpracht das Lichtspektrum eines Regenbogens zu beschreiben.

Das Vorsatzpapier ist jeweils mit Landkarten gestaltet – im vorderen wird jeweils mit wechselnder Akzentuierung „die Welt da draußen“ präsentiert, im hinteren zum einen „Timeos Welt“ und zum anderen die „Trostinsel“.

Malte Zierden und Amia von Arenberg gestalten den Text mit unterschiedlichen Schriftarten und -größen. Onomatopoetika werden mitunter graphisch gestaltet, so etwa Oßkars sich zu Schmerzenslauten steigerndes „Gurr…Gurr…Gurrrr!“, als er von Dornen getroffen wird. All diese Elemente tragen zur Attraktivität der Bücher bei, die laut Verlag „in keine Schublade passen“ und für Kinder ab fünf Jahren geeignet seien. Kinder im Vorschulalter werden in der Tat Freude an der Geschichte haben. Und so ganz nebenbei tragen der Text und die hohe Qualität der Illustrationen zur Förderung narrativer und ästhetischer Kompetenzen bei.

Für unhinterfragtes klassisches Vorlesen eignet sich Malte & Oßkar und der Lauf der Dinge indessen nur bedingt, treten doch zu den poetisch glitzernden und klingenden Passagen manchmal leider solche, die sehr stark von aktueller Umgangssprache durchsetzt sind. Diese passt wiederum zu allen Settings dialogischen und diskursiven (Vor-)Lesens, in denen Eltern oder Pädagog:innen im direkten mündlichen Austausch mit den Kindern stehen. Sie könnten dann auch lange darüber sprechen, warum Malte ausgerechnet einen Kaktus zu Phia schicken möchte.

In erster Linie ist Malte & Oßkar und der Lauf der Dinge, genauso wie zuvor Malte & Oßkar und das Glück, Pech zu haben, ein Bilderbuch für alle Alter – für Kinder sowie jene, die, so wie die beiden, die die Bücher gemacht haben, im Herzen Kinder geblieben sind und sich aus dieser Leichtigkeit heraus mit der Diskussion ontologischer Problematiken herausfordern wollen.

Titelbild

Amia von Arenberg / Malte Zierden: Malte & Oßkar und der Lauf der Dinge.
Oetinger Verlag, Hamburg 2025.
64 Seiten , 18,00 EUR.
ISBN-13: 9783751207294

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