Schreiben, bevor es zu spät ist

Linde Unrein verhandelt in ihrem ersten Roman „Arabeskenwerk. Späte Bekenntnisse“ Fragen, die uns alle berühren

Von Katharina WinterhalterRSS-Newsfeed neuer Artikel von Katharina Winterhalter

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Kein einfaches Leben, wenn man, wie die Protagonistin und – so viel kann verraten werden – auch die Autorin so viele Begabungen hat und den unbändigen Wunsch, sie alle auszuleben. Und das nicht nur irgendwie, sondern in höchst befriedigendem Maße. Wenn also dieses eine Leben viel zu kurz erscheint und man dann, mit fast 80, auch noch den ersten Roman schreiben will. Einen Roman, der ohne das Gerüst eines spannenden Plots trägt:

Ich muss es fertigbringen, darzustellen, dass die innere Welt der Gedanken, der Vorstellungen und Affekte, ungeordnet und mehrdeutig, ein ebenso lebendiges und aufregendes Drama bieten wie die anschauliche Wirklichkeit der Dinge.

Ein hohes Ziel, gerade für ein Erstlingswerk, das sich die Autorin Linde Unrein, aka Dr. Gerlinde Unrein und ihre Hauptfigur Dr. Alwine Frey gesteckt und erfüllt haben. Arabeskenwerk. Späte Bekenntnisse ist ein stark autobiografisch geprägtes Buch. Beeindruckend klug und fesselnd.

Die Ich-Erzählerin Alwine hat sich bereit erklärt, während der Osterferien das von Tochter und Schwiegersohn erst kürzlich erworbene Reihenhaus am Rande einer nicht näher beschriebenen Großstadt zu hüten. Samt Katze. Vermutlich aus schlechtem Gewissen, weil sie glaubt, als Mutter nur unzureichend gut gewesen zu sein. Ein paar Pläne hat sie: einen Vortrag, eine Ausstellung, eine Freundin besuchen, an einer Lesung ihrer Autorinnengruppe teilnehmen. Vor allem aber will sie die Zeit nutzen, um an einer ersten Fassung ihres Romans zu arbeiten. Dieses Buch muss geschrieben werden, bevor es zu spät dafür ist. Keine Zeit mehr für Kompromisse. Die Geschichte spielt in diesen 14 Tagen über Ostern. Jeder Tag und jeder Abend mit Nacht ein Kapitel. Denn, auch wenn es überraschend erscheint, auch in den Nächten geschieht einiges. Alwine kommt nach anfänglichem Stocken gut mit dem Schreiben voran, sie hat unerwartete Begegnungen, führt intensive Gespräche mit ihren Nachbarn, rettet eine Frau vor dem wütenden Ehemann und bietet einem kleinen Mädchen für ein paar Stunden Asyl.

Doch: Nichts treibt diese Geschichte voran. Wie wohltuend, dieses Stehenbleiben, genaue Hinschauen und Hinhören, das detaillierte Beschreiben von Menschen, Situationen, Räumen. Dieser Blick auf Nebensächlichkeiten, auf das Verhalten einer Kassiererin im Supermarkt, auf Reisende am Bahnsteig – ein Blick, der uns ebenso viel über Alwine und ihre Art, die Welt wahrzunehmen, erzählt, wie über die beobachtete Situation.

Wie gesagt, die Psychiaterin und Künstlerin Linde Unrein und ihr Alter Ego sind mit beeindruckenden Fähigkeiten gesegnet: einem wachen, wissenshungrigen, analytischen Geist, dem unbedingten Willen und den Fähigkeiten, sich durchs Malen und Schreiben auszudrücken. Die Malerin Linde/Alwine zeigt sich schon bald, wenn sie bei einem Spaziergang am Himmel „sattblaue Lücken zwischen dunkler grauen Wolkenbändern mit erdnahem Übergehen in Ocker“ entdeckt. Als beschreibe sie ein Landschaftsgemälde, wohl wissend, dass „solche Farben nur schwer in den Pinsel zu bringen sind“. Nur wenige Seiten später taucht auch die Psychiaterin auf, die schon bei der ersten Begegnung den Nachbarn scannt, sein Äußeres taxiert, einordnet, diagnostiziert, um sich dann gleich selbst zu zügeln: „Fang bloß nicht an, Alwine, dich zu verstricken. Du musst nicht die individuellen Pathologien in der Nachbarschaft kartografieren.“ Die Poetin schließlich erhebt den Glutpunkt einer Zigarette im Dunkeln zur „unberechenbaren Planetenbahn im Grenzbereich der Grundstücke“.

Wir kommen der alternden Frau sehr nahe. Ihrer Unlust an alltäglichen Verrichtungen, einkaufen, kochen, Haushalt, selbst das Anziehen lästig. Das Paradies erscheint ihr als ein Zustand ohne Alltag. Schonungslos beschreibt sie ihr Äußeres. Ihren Unwillen, sich für andere schön zu machen, die müden Knochen, das schlaffe Fleisch und am vorletzten Tag, als ihr Mann Georg sie abholt, die Versuche der beiden, sich körperlich nahe zu kommen. Noch einmal ekstatische Lust zu spüren. Was bleibt: „Der gute Wille und die Erinnerung“. Die Unverhohlenheit, mit der Alwine in Gedanken über andere herzieht, den Spott, den sie für „abgestandenes Ewigweibliches mit rotem, langem und lockigem Haar und sanften opferbereiten Gesichtszügen“ übrighat, schockiert zunächst – bis wir uns eingestehen, wie oft wir so oder ähnlich selbst von anderen gedacht haben.

Den leisen Rhythmus des Textes prägen die stetigen Wechsel zwischen dem Erlebten, der äußeren Realität und Alwines innerer Welt. Ihren Gedankenströmen, denen zu folgen nicht immer einfach ist. Aber die Aufmerksamkeit beim Lesen und eventuell notwendigen noch einmal Lesen einzelner Passagen wird belohnt. Denn, wer kennt sie nicht, die existentiellen Fragen, die wir uns in stillen Stunden selbst stellen. Nach dem eigenen Platz auf dieser Welt. Wofür wir schreiben, malen oder was immer uns wichtig erscheint. Wozu wir dem Leben noch etwas abringen wollen, was wir bisher nicht zustande gebracht haben? Ob wir gescheitert sind: als Kind, als Eltern, im Beruf, in der Beziehung. Was ein gelingendes Leben letztendlich ausmacht? Auf Alwines Frage, ob es die Unvernunft braucht, um Kunst zu schaffen, möchte man ihr zurufen: Ja, unbedingt. Schließlich die Zweifel, ob die eigene Begabung ausreicht. Auszuhalten, dass all diese Fragen nicht beantwortet werden können und trotzdem weiterzumachen. All das gesteht sich die alternde Alwine ein und das mag der Grund sein, warum sich viele Leserinnen und Leser der Späten Bekenntnisse getröstet fühlen, wie die Autorin in einem Interview in der Main-Post erzählte.

Immer wieder verbinden sich Rückblenden in die eigene Kindheit mit Gedanken über die Beziehung zu den Töchtern, die – das wird schmerzlich oft erwähnt – unter ihren Fähigkeiten arbeiten. Gleichzeitig plagt, wie erwähnt, das schlechte Gewissen, als Mutter nur eben hinreichend gut gewesen zu sein: „Vielleicht ist all mein therapeutisches Hüpfen ja ein Stellvertretereinsatz für die mir nicht mögliche Hilfe an den Kindern“.

Kein Satz in diesem Buch plätschert nur einfach so dahin, nichts bleibt an der Oberfläche. Hier schreibt eine belesene Frau. Alles will gesehen, aufmerksam beobachtet, eingeordnet, reflektiert, Bezüge zu aktuellen und historischen gesellschafts- und kulturpolitischen Entwicklungen hergestellt werden. Das fordert, kann hin und wieder etwas anstrengen. Uns Leserinnen und Leser und auch die Protagonistin selbst. Aber, das sei noch einmal betont, die Mühe lohnt.

Linde Unrein drückt sich wunderbar gewählt aus – um diesen etwas antiquierten Begriff zu verwenden. Angenehm ihre Zurückhaltung bei der Verwendung von Verben und Hilfsverben. Witzig die Flapsigkeit, mit der sie die Protagonistin manchmal mit sich selbst sprechen lässt: „Das ist schon kalter Kaffee. Darüber brauchst du dich nicht mehr aufzuregen, Alwine“. Wörtliche Reden und Zitate sind kursiv gesetzt, ohne Anführungszeichen. Das erschließt sich schnell, verleiht dem Text etwas Fließendes. Auch einzelne Sätze oder Satzfragmente des inneren Monologs sind kursiv, als wollte die Autorin ihre Bedeutung unterstreichen.

Als Lyrikerin, Zeichnerin und Malerin gibt Linde Unrein ihrem Begehren, sich künstlerisch einem Thema zu nähern, schon seit vielen Jahren nach. Sie nutzt sie als Werkzeuge, um ihre Gedanken, auch die flüchtigen, festzuhalten. Um sich ihrer zu vergewissern. Auch das Schreiben dieses Romans war ein solches Werkzeug, ein neuer Aspekt in ihrem umfangreichen Schaffen. Wie eng verknüpft das Schreiben, Zeichnen und Malen ist, beweisen die Gedichte und Zeichnungen, die die Künstlerin abwechselnd vor jedes Kapitel stellt. In den Flächen und Mustern der Zeichnungen lassen sich Menschlein erkennen, die kopfüber nach unten fallen oder purzeln, wie der Titel der Serie (Das große Gepurzel) suggeriert. Und die Gedichte? Da lässt sich vieles entdecken: Leicht-Schwebendes, Schwerer-Fassbares, Trauriges und Tröstliches:

je mehr der jahre

mein atem wird schwerer
je mehr jahre
meine sinne fassen
von meinem lachen
sind andere kaum
noch entzückt

seit ich keinem mehr
so gefalle dass er
mich besitzen will
bin ich stärker mit
allem verbunden
freundschaftlich schon

mit meiner einsamkeit

Titelbild

Linde Unrein: Arabeskenwerk. Späte Bekenntnisse.
Königshausen & Neumann, Würzburg 2024.
330 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783826088155

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