Warum diese Aktualität?
In „Vor hundert Sommern“ erzählt Katharina Fuchs eine packende Geschichte, die durch allzu viel Gegenwart beeinträchtigt wird
Von Anne Amend-Söchting
Nachdem Katharina Fuchs in ihrem ersten Roman, Zwei Handvoll Leben (2019), die Geschichte ihrer beiden Großmütter erzählt und im zweiten, Neuleben (2020), die Biografien ihrer Mutter und ihrer Tante fiktionalisiert hat, widmet sie sich in ihrem jüngsten Roman dem Leben ihrer Großtante Clara, die 1925 einen Hundesalon in Berlin-Charlottenburg übernahm. Der Klappentext verspricht zudem ein „Wiedersehen mit Oma Anna“, eine der Protagonistinnen aus Zwei Handvoll Leben. Als Schwester von Claras Ehemann bleibt sie jedoch eine Nebenfigur.
Sowohl in ihren ersten beiden Romanen als auch in Lebenssekunden, der Geschichte einer Fotojournalistin und einer Leistungssportlerin, konstruiert Katharina Fuchs zwei Geschichten in chronologischer Parallelität. Vor hundert Sommern hingegen folgt einem anderen Prinzip: die zeitlich versetzten fiktionalen Ebenen alternieren in lockerer Abfolge zwischen 2024 und 1924 sowie den darauffolgenden Jahren.
Anjas 94-jährige Mutter Elisabeth zieht aus ihrer Berliner Wohnung in ein Pflegeheim in Hamburg, nicht weit von Anjas Familie entfernt. Lena, Anjas 19-jährige Tochter, die in Berlin Produktdesign studiert, bereitet mit ihrer Mutter Elisabeths Charlottenburger Wohnung für den Verkauf vor. Dabei trifft sie auf eine Reihe von rätselhaften Gegenständen, zum Beispiel eine Pistole und eine Nachricht von Clara an ihre Schwester Mathilde, dass sie ihr doch verzeihen möge.
Vor diesem Hintergrund fühlt sich Elisabeth bemüßigt, nach und nach die Geschichte ihrer Familie aufzudecken: 1924 arbeitet Clara, ihre Tante, mit einer Gruppe anderer junger Frauen, unter anderem der 15-jährigen Helene, als Flaschenspülerin in der Berliner Kindl-Brauerei. Sie wird entlassen, weil sie sich mit einer Petition für Helene und gegen den Vorarbeiter Pahlke einsetzt, der das Mädchen fast vergewaltigt hat. Die Kolleginnen konnten das Schlimmste verhindern, nicht jedoch, dass Pahlke später doch zu seinem Ziel gelangt.
Außerhalb der Brauerei arbeitet Clara als Hundesitterin, dann in einem der ersten Berliner Hundesalons, den sie einige Zeit später führt.
Clara heiratet Willy, einen Automechaniker, der sich ab 1933 um den Fuhrpark der Nazis kümmert. Als Claras ehemaliger Geliebter Aleksei, Exilrusse und Kommunist, wieder auftaucht, erlaubt sie ihm geheime nächtliche Treffen mit Gleichgesinnten in einem Hinterzimmer des Hundesalons. Just in dem Moment, als sich Claras Schwester Mathilde mit der dreijährigen Elisabeth dort befindet, taucht eine Gestapo-Gruppe auf, angeführt vom ehemaligen Vorarbeiter Pahlke. Dass er auf sie und ihren jüdischen Ehemann Jacob aufmerksam wird, lastet Mathilde ihrer Schwester an. Jacob wird verhaftet und deportiert. Mathilde lässt sich bereits 1934 von ihm scheiden, um ihre beiden Kinder und sich selbst zu schützen.
Hundert Sommer nach 1924 findet Lena einen „großen, räudigen Hund“, angebunden an einem Laternenpfahl. Finn, wie sie ihn tauft, wird fortan ihr Begleiter. Sie nimmt ihn mit in ihre Vorlesungen, mit denen sie nur halbwegs zurechtkommt, vor allem ab dem Moment nicht, als ihr Favoritendozent Avi Steinberg angeblich wegen pro-israelischer Social-Media-Kommentare suspendiert worden ist. Neben ihrem Studium arbeitet Lena bei einer Hundefriseurin. Im Rahmen eines Seminars entwirft sie eine elektrische Hundebürste. Um sie zu vermarkten, nimmt Lena ein Urlaubssemester, entwickelt ein Start-up und macht nebenbei eine Ausbildung in Hundegrooming.
Lenas Mutter Anja pendelt währenddessen zwischen Berlin, Hamburg und Bremen. Als ihr die Gesamtleitung der „Hochschulbibliothek Bremen“, wo sie seit langer Zeit in einer Führungsposition tätig ist, angeboten wird, überlegt sie lange, bevor sie vorläufig zusagt. Umso enttäuschter ist sie, als die Personaler sich für einen anderen Bewerber entscheiden. Sie übernimmt eine Buchhandlung in Hamburg und inszeniert mit ihrer älteren Tochter Anabel, von „Beruf“ Influencerin, einen grandiosen Instagram-Auftritt.
Katharina Fuchs hat Vor hundert Sommern so wie ihre vorhergehenden Romane konstruiert: die einzelnen Kapitel sind mit den Namen der Protagonistinnen überschrieben – Anja, Lena, Clara und Elisabeth. Trotz unterschiedlicher Fokalisierung bleiben alle Erzählstimmen heterodiegetisch. Die Treffen mit Elisabeth geben dem Text einen soliden Rahmen, indem sie ihn mit Dialogen und Kommentaren zu den vergangenen Ereignissen interpunktieren. Nach langen Jahren des Schweigens über die jüdischen Wurzeln der Familie beginnt die Mutter und Großmutter, zunächst widerwillig, zu erzählen. Warum genau sie ihre Nachkommen nie über die Kriegs- und Nachkriegszeit informiert hat, bleibt im Dunkeln. Hat sich die Scham ihrer Mutter über die Trennung von ihrem jüdischen Ehemann – wenn auch von ihm dazu aufgefordert – transgenerational vermittelt? Oder ist es das „Schweigen zwischen den beiden Schwestern, dieses Ungesagte“, das Elisabeth nach dem Krieg spürte und das sie selbst zum Geheimhalten motivierte? Ihre Mutter habe Clara nie verzeihen können, für sie jedoch sei Clara eine Art Ersatzmutter gewesen, mit der sie nach dem Krieg lange Gespräche geführt habe. Die Geschichte ihrer Familie habe sie nun gegen das Vergessen weitervermittelt – mehr wolle sie nicht. Wenige Wochen danach stirbt Elisabeth.
Auch Vor hundert Sommern kann mit einem kraftvollen narrativen Impetus und einer unprätentiösen, nicht angestrengt ästhetisierenden oder nach Verklausulierungen heischenden Schreibweise punkten. Doch in dem Roman ist viel, allzu viel, los. Wenn die Jetztzeit mit Elisabeths Nachkommen im Zentrum steht, drängen sich die Stereotypen: Anja, Stefan, Annabel und Lena – für die jeweiligen Generationen könnten die Namen nicht repräsentativer wirken. Mit ihren 57 Jahren befindet sich Anja in einer Sandwich-Position zwischen den Generationen. Sich aufreibend zwischen Beruf und Care-Arbeit, hat sie immerhin das (aktuell „gehypte“) morgendliche Eisbaden für sich entdeckt, mit dem sie ihren Mental Load etwas abmildern kann. Ihre beiden Töchter haben sich unterschiedlich entwickelt. Während Lena unter den Mobbing-Erfahrungen ihrer Jugend und dem immerwährenden Gefühl, ausgeschlossen zu sein, leidet, ist Annabel zu einer „Insta-Berühmtheit“ aufgestiegen. Lena ist psychisch angeschlagen, Annabel physisch, hat sie sich doch durch dauerhaftes starres Handyhalten ein Kubitaltunnelsyndrom und eine adhäsive Kapsulitis zugezogen. Deshalb lässt sie sich von Mama aus der Kölner Wohnung abholen, um eine Zeitlang zuhause versorgt zu werden. Annabel folgt Mode und Mainstream, Lena ist in Second Hand-Läden unterwegs, setzt auf Nachhaltigkeit und ernährt sich natürlich nicht allein vegetarisch, sondern vegan.
Kaum ein Plot funktioniert ohne Kontingenz und Koinzidenz. Wenn die Zufälle und die Zusammentreffen aber überhandnehmen und ihre Notwendigkeit für den Plot allzu offensichtlich wird, mindert sich die Qualität der Fiktion. Lena findet den ausgesetzten Hund, in ihrem Studiengang unterrichtet ein jüdischer Dozent, in der Hochschulbibliothek arbeitet ihre Mutter mit einer jüdischen Kollegin zusammen. Just in dem Moment, als Anja die Absage aus Bremen erhält, steht sie mit Stefan in der Buchhandlung, die sie später als „Anjas Seitenreich“ weiterführen wird.
Romane, die laut Sartre oder Adorno engagiert sind, haben „einen sekundären Modus des Handelns“ gewählt, zeigen die Komplexität aktueller intra- und internationaler Gemengelagen auf, ohne eine direkte Stellung zu beziehen. Die Positionalität ihrer Autor:innen lässt sich spüren, ohne dass sich ihre Position offenbart. Davon unterscheidet sich Tendenzliteratur, mit der Probleme nicht nur benannt werden, sondern in der sich die ideologische Richtung der Autor:innen manifestiert. Bezogen auf Vor hundert Sommern: alle Diskussionen über politisch Aktuelles sind deplatziert, von ihrem „Stammtischniveau“ ganz zu schweigen. Wenn man auch vielem ohne Umschweife zustimmen würde – zum Beispiel, dass es verabscheuungswürdig ist und strafbar sein müsste, rechtsextreme parteipolitische Parolen auf Social-Media-Plattformen zu verbreiten –, ist es kein kluger Schachzug, tagespolitische Auseinandersetzungen unverblümt in einen Roman zu integrieren. Ähnlich lässt sich hier die Parallelmontage unterschiedlicher Epochen beurteilen. Auf einer sehr simplistischen Ebene ist nicht auszuschließen, dass dieses Verfahren Leser:innen dazu einlädt, nicht nur mit den Gräueltaten der Hamas, sondern auch mit dem Holocaust die aktuelle israelische Politik zu legitimieren und Proteste dagegen als Antisemitismus zu diffamieren. Dass jede Form davon, jeder offen oder versteckt daherkommende antijüdische Hasskommentar, verwerflich ist, versteht sich von selbst. Dasselbe gilt für jeden Modus antipalästinensischen Rassismus. Krieg und Gewalt, egal von welcher Seite, sind menschenunwürdig. Eine solche Sichtweise ist dem Roman alles andere als fremd. Aber: über lange Textstrecken hinweg meint man, dass sich Fuchs ganz eindeutig pro Israel und die Maßnahmen seines Staatsoberhaupts ausspricht. In einer kurzen Leser:innenansprache zum Schluss bekommt sie gerade noch so die Kurve, als sie „die humanitäre Katastrophe im Gazastreifen durch den Gegenschlag Netanjahus“ erwähnt. Die Multidimensionalität der Problematik und alle ihr immanenten tragischen Zwickmühlensituationen klingen nur sehr oberflächlich an. Dabei bietet der Stoff viele Ansatzpunkte zum Vertiefen grundsätzlicher ethisch-moralischer Dilemmata – jener, die sich in den meisten Fällen jenseits der großen öffentlichen Bühnen abspielen, sie aber widerspiegeln.
So hätte die Frage danach, inwieweit es legitim ist, sich für erlittene Traumata zu rächen, für die Geschichte aus der Vergangenheit noch einiges an Potenzial geboten. Helene, die fast an Pahlkes zweiter Attacke verstarb, der sie damit lebenslang schwer beeinträchtigte, ermordete ihren Peiniger schon 1936 – mit der Pistole, die Lena knapp 100 Jahre später entdeckt. Und: wie kommen Clara und die Frauen aus ihrer Familie dazu, dass sie die Schändung durch russische Soldaten als legitimen Racheakt ansehen? Die Behandlung dieser Fragen hätte man sich insgesamt komplexer wünschen dürfen – plastischer und pointierter, so dass sich damit die prinzipielle Unabgeschlossenheit möglicher Diskussionen vermitteln kann.
Andere lose Enden zeigen sich, so etwa: was machte es mit Clara, dass sie einige Fehlgeburten hintereinander erlitt und sich in einem Terror-Regime behaupten musste, das Frauen wesentlich über ihre Mutterschaften definierte? Wie gelang es Mathilde nach der Scheidung, ihre beiden halbjüdischen Kinder zu schützen? Wie erging es ihr? Vieles ist nicht auserzählt und vieles bietet Anlass für eine nicht tendenzielle Positionierung, eine, mit der Voraussetzungen zum Weiterdenken und Transferieren geschaffen werden könnten.
Vor hundert Sommern ist der bislang schwächste Roman von Katharina Fuchs. Und dennoch: er ist genauso kurzweilig und spannend zu lesen wie alle vorhergehenden.
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