Ein wichtiges Puzzleteil für die Expressionismus-Forschung

„Streichhölzer“ enthüllt die Person hinter dem Pseudonym El Hor / El Ha

Von Linda GöttnerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Linda Göttner

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der Band El Hor /El Ha: Streichhölzer. Prosaskizzen, Erzählungen und andere Texte, herausgegeben von Claus Zittel unter Mitarbeit von Lea Schober, deckt nach umfangreicher Recherche das Pseudonym einer Autorin auf, die als eine der maßgebenden unter den wenigen Expressionistinnen angesehen werden kann. Hinter den Pseudonymen El Hor und El Ha verbirgt sich die Österreicherin Else Onno. Damit löst Zittel nicht nur ein seit längerem diskutiertes Rätsel in der Expressionismusforschung, sondern präsentiert durch die Edition von Texten aus den Jahren 1908–1923 auch einen bislang unterschätzten Werkkontext der Schriftstellerin. Im Literaturbetrieb erlangte Onno zeitgenössisch durch kürzere Prosatexte, vor allem in expressionistischen Zeitschriften wie SaturnDer Friede oder Pan, aber auch theaterkritische Beiträge und Betrachtungen in Tageszeitungen, eine gewisse Bekanntheit. Wer sich hinter dem Pseudonym verbarg, wurde zeitlebens jedoch nie für die breite Öffentlichkeit gelüftet. Der bislang kaum konturierten Autorin gibt der Band nun endlich ein Gesicht.

Besonders interessant ist nachzuvollziehen, wie der Herausgeber den spärlichen Spuren Else Onnos gefolgt ist, die ihn in Bibliotheken und Archive in Wien, Berlin und Prag führten. Für Interessierte wird hieran die Detailgenauigkeit solch literaturarchäologischer Arbeiten deutlich, die Forschende unternehmen, um vergessene Autor:innen der Literaturgeschichte aufzudecken. Es ist das große Verdienst des Herausgebers, das Œuvre von Else Onno in seiner Breite zusammengetragen und zugänglich gemacht zu haben, sodass weitere Recherchen darauf aufbauen können. Treffend erscheint in Anbetracht der verhältnismäßig kurzlebigen Schaffensphase Onnos auch der Titel des Bandes „Streichhölzer“, der ursprünglich für den ersten Sammelband unter ihrem Pseudonym El Hor vorgesehen war, der dann jedoch „Die Schaukel“ genannt wurde. Sich selbst verschlingend und nur für einen kurzen Augenblick leuchtend, wie Streichhölzer, muten auch die Texte der Autorin an.

Wie dem Nachwort des Herausgebers zu entnehmen ist, wuchs die in Paris geborene Onno in Wien auf und siedelte 1903 nach Berlin über, wo sie sporadisch in avantgardistischen Kreisen verkehrte, was Zeitzeugen wie der Schriftsteller Paul Leppin belegen. Eine weitere Lebensstation in Prag (1906–1910) erklärt ihre zahlreichen, bis in die 1920er-Jahre hinein reichenden Veröffentlichungen von Kurzprosa im Prager Tageblatt, der Bohemia und der Prager Presse. Dem Theater-Engagement ihres Ehemannes, dem Schauspieler Ferdinand Onno, folgend, kehrte die Familie 1910 schließlich nach Wien zurück. Hier kam die Literaturproduktion Else Onnos – so legen es die Nachforschungen Zittels nahe – 1923 zum Erliegen und die besonders in ihrer ‚expressionistischen Phase‘ von Zeitgenossen wie Kurt Pinthus und Leppin gelobte Autorin geriet alsbald in Vergessenheit. Auch ihr Nachlass, so ist dem Band zu entnehmen, konnte bisher nicht ausfindig gemacht werden.

Dieser würde ein weiteres Desiderat in der Expressionismus-Forschung darstellen, in der seit einigen Jahren vermehrt Autorinnen als Partizipierende der Strömung erschlossen werden. Auch zu El Hor / El Ha sind mittlerweile einige literaturwissenschaftliche Beiträge entstanden, die sie als eine der der produktivsten unter den wenigen Frauen der Bewegung würdigen.Wenngleich Onnos Œuvre kein umfangreiches Prosawerk enthält, ist doch die Breite an Veröffentlichungen in unterschiedlichen Zusammenhängen erstaunlich, was nicht zuletzt darauf schließen lässt, dass die Autorin ihre Netzwerke sorgfältig gepflegt haben muss. Dass der Band chronologisch nach den Publikationsphasen der Schriftstellerin gegliedert ist, die unter den jeweils wechselnden Namen Else Onno (1908–1912), El Hor (1913–1918), L. v. Böheim (1918) und schließlich El Ha (1917–1923) firmierten, ermöglicht eine Übersicht über die Entwicklung ihres Werks.

Die zunächst unter bürgerlichen Namen publizierten Texte wie Reiseimpressionen und moderne Märchen, aber auch die typenhaften Titelfiguren wie „Der Künstler“ oder „Der Landstreicher“ eröffnen Themen und Motive, die sich durch das gesamte Werk Onnos ziehen. Weitere Texte wie „Probe“ oder „Pantomime“ (beide in Die Schaubühne erschienen) deuten auf Onnos Einblicke in die Theaterwelt hin. In den 1910er-Jahren scheint Onno dann den Höhepunkt ihres Schreibens zu erreichen, weil sie thematisch den Zeitgeist trifft. Hervorzuheben sind die kurze Prosaerzählung Die Närrin, die 1914 erstmals in der Zeitschrift Saturn erschien. Ihre Darstellung des für den Expressionismus topischen Geschlechterkampfes sticht – nicht zuletzt durch die weibliche Ich-Erzählerin – in der literarischen Strömung besonders hervor. Eine aus dem Gefängnis heraus erzählende Frau berichtet hierin von dem Mord an ihrem Geliebten. Für Aufsehen im avantgardistischen Literaturbetrieb hatte bereits 1913 El Hors selbstständige Veröffentlichung Die Schaukel. Skizzen, erschienen im Verlag Hermann Meister, gesorgt. Auch hierin kollidieren Frau und Mann in brutalen Spielarten, wie etwa in „Das Abenteuer“, in dem ein Theaterzuschauer einer Frau die Kehle durchbeißt. Besonders kennzeichnend für ihre ‚expressionistische Phase‘ sind zeitgenössisch produktive Themen wie der Wahnsinn und Erlösungsfantasien vor dem Hintergrund einer zunehmend als fragmentiert erfahrenen Welt, die Onno in der für sie charakteristischen kurzen Erzählform konzentriert. Neben den formal komprimierten, meist skizzenhaften Texten, die sich durch bildreiche, aber dennoch reduzierte Sprache auszeichnen, sind es die drastischen, brutalen und unerbittlichen Charakterzüge, mit denen Onno ihre Figuren ausstattet. Ohne zu psychologisieren, lässt sie diese morden, manipulieren und die Gefahr suchen. Zittel sieht hierin vor allem eine Verachtung des bürgerlichen Lebensstils. Damit schlägt Onno nicht nur in die Kerbe der Expressionist:innen, sondern gestaltet auch eine für die 1910er-Jahre eigenständig emanzipierte, oftmals weibliche Perspektive in ihren Texten.

Für den Lesefluss des Bandes Streichhölzer wäre es hilfreich gewesen, den Erzählungen Angaben wie Publikationsdatum und -ort beziehungsweise Entstehungsjahr beizufügen, um den notwendigen Kontext zu liefern und ein Springen in die angehängte Bibliografie zu vermeiden. Nützlich erscheint ein ergänzendes Materialkonvolut von Verlagsanzeigen, etwa des Saturn-Verlags, Briefen an Redaktionen und Verleger sowie Rezensionen zu den Texten Onnos. Hierdurch wird nachvollziehbar, dass die Autorin ihre Texte zum Teil in abgewandelter Form für unterschiedliche Abdrucke verwertet, zudem erhalten die Lesenden einen Überblick über ihre zeitgenössische Rezeption.

Insgesamt ist der Expressionismus-Forschung ein wichtiges Puzzleteil hinzugefügt worden, um Frauen in der literarischen Strömung einzuordnen. Relevante Anknüpfungspunkte stellen beispielsweise Onnos Rolle als Expressionistin in einer männlich dominierten Avantgarde-Bewegung dar. Wie Zittel richtig herausstellt, lässt sich die Nicht-Kanonisierung El Hor / El Has als Expressionistin und Autorin der literarischen Moderne wohl auf das Fehlen eines größeren Werkes sowie auf ihre verschleierte Identität zurückführen. Zu Lebzeiten vermutete Kurt Pinthus gar einen Mann hinter dem Band Die Schaukel – eine komische Anekdote, die aber relevante Fragen nach der Repräsentation von Frauen im Expressionismus eröffnet. Denn bei der Marginalisierung Onnos handelt es sich nicht um einen Einzelfall: Auch Autorinnen wie Henriette Hardenberg, Maria Lazar oder Sophie van Leer, die nur am Rande wahrgenommen wurden, werden nach wie vor von der Forschung erst erschlossen und erweitern allmählich das Epochenbild, indem bislang kaum eine andere Autorin als Else Lasker-Schüler honoriert wurde. Neu edierte Ausgaben wie Streichhölzer füllen Lücken in der Literaturgeschichte, die nicht allein, aber auch aufgrund bislang fehlender Textausgaben der Werke von Frauen, ohne sie fortgeschrieben wurde. Mit der zunehmenden Entdeckung von Autorinnen der 1910er-Jahre zeigt sich außerdem, dass die prominenteren Autorinnen der Neuen Sachlichkeit wie Irmgard Keun, Marieluise Fleißer oder Gabriele Tergit nicht so voraussetzungslos in den Literaturbetrieb eintreten, wie bisher angenommen, sondern auf Vorbildern schreibender Frauen wie Else Onno aufbauen. Es bleibt eine spannende literarische Entdeckungsarbeit, die sich nach verschlafenen Jahrzehnten nun beinahe rasant entwickelt.

Titelbild

El Hor El Ha: Streichhölzer. Prosaskizzen, Erzählungen und andere Texte.
Herausgegeben von Claus Zittel unter Mitarbeit von Lea Schober.
C. W. Leske, Düsseldorf 2025.
368 Seiten , 28,00 EUR.
ISBN-13: 9783946595472

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