Zwischen zwei Welten
Auch in Andreas Pflügers aktuellem Thriller „Kälter“ dominiert wieder eine starke Frau
Von Dietmar Jacobsen
Luzy Morgenroth sorgt als Polizistin auf Amrum für Ruhe und Ordnung. Ihr Arbeitspensum hält sich in Grenzen. Mit dem einzigen Kollegen, der mit ihr über die Sommermonate die Insel hütet, kommt sie bestens aus. Bei den Inselbewohnern ist sie beliebt. Keine, die nervt, sondern auch mal eine Kleinigkeit durchgehen lässt. Aber es gibt noch eine andere Seite von Luzy, die niemand hier kennt, geschweige denn in dieser Frau vermutet. Sie ist eine Kämpferin, gut ausgebildet, unerschrocken und kaltblütig. Eine Agentin, die beim israelischen Inlandsgeheimdienst in die Schule gegangen ist. Die gelernt hat zu töten, um sich und andere zu retten. Und die erneut töten wird, wenn es irgendwann notwendig sein sollte.
Mit Luzy Morgenroth setzt Andreas Pflüger (Jahrgang 1957) die Reihe der starken Heldinnen in seinen Romanen fort. Vorausgegangen sind die erblindete Elitepolizistin Jenny Aaron (Endgültig, 2016, Niemals, 2017, sowie Geblendet, 2019), das Ritchie Girl (2021) Paula Bloom und zuletzt die aus dem Schreibtischjob einer Analystin in München-Pullach von jetzt auf gleich ins operative Geschäft des deutschen Auslandsgeheimdienstes versetzte Analystin Nina Winter (Wie sterben geht, 2023). Pflüger, der sich seine Meriten als Dokumentarfilmer, Hörspiel- und Drehbuchautor – unter anderem schrieb er die Skripte für zahlreiche ARD-Tatorte, zuletzt gemeinsam mit Murmel Clausen für acht in Weimar spielende Teile der traditionsreichen TV-Reihe – verdient hat, entwickelte sich im Laufe des letzten Jahrzehnts zu einem der innovativsten, sprachmächtigsten und ideenreichsten Autoren im Bereich der deutschsprachigen Spannungsliteratur. Und mit Kälter tritt er nun den Beweis an, dass sämtliche Qualitäten, die Kritik und Publikum diesem Ausnahmeautor bisher zuerkannten, noch steigerbar sind.
Dabei beginnt Kälter durchaus andantino, um es musikalisch auszudrücken: nicht verschlafen langsam, aber der aktuellen Situation der Ex-Mordermittlerin, Ex-Personenschützerin und Ex-Agentin Luzy Morgenroth angepasst. Die lebt seit acht Jahren auf der Nordseeinsel Amrum, um den Geistern ihrer bewegten Vergangenheit zu entkommen. Allein die Ruhe auf den ersten fünfzig Seiten seines neuen Romans kann nicht lange darüber hinwegtäuschen, dass Pflüger auch auf einer ebenso übersichtlichen wie in der Regel friedlichen Insel jederzeit die Hölle losbrechen lassen kann. Dazu braucht es nicht einmal einen mörderischen Sturm – aber wenn der dazukommt: umso besser! Und wenn dann mit ihrem Polizeikollegen Jörgen Quedens ein Mensch getötet wird, den Luy Morgenroth in der „Welt der Anderen“ – wir würden diese Welt wohl als „Normalität“ bezeichnen – schätzt wie keinen Zweiten, weckt das in ihr Rachegedanken, die sie fortan durch einen furiosen, fast 500-seitigen Roman tragen.
Denn wieder einmal ist sie auf die Spuren eines Mannes gestoßen, von dem sie eigentlich glaubte, er wäre nicht mehr am Leben. Hagen List beschäftigt die (west-) deutschen Geheimdienste schon seit Jahren. Dem Mann, der zeitgleich für die ostdeutschen Staatssicherheitsorgane und deren sowjetische Pendants arbeitet, ein Mann, der inzwischen – man schreibt das Wendejahr 1989 – als der gefährlichste Terrorist der Welt gilt, ein Carlos 2.0, gejagt von mehr als 2.000 Agenten unterschiedlichster Dienste weltweit und doch seinen Verfolgern immer wieder entkommend, begegnet Luzy auf Amrum schon zum zweiten Mal.
Nicht von Angesicht zu Angesicht diesmal, sondern in Form einer Stasi-Aktennotiz, die nicht nur beweist, dass der für tot Gehaltene lebt, sondern dass er auch der Mann ist, der unter dem Namen „Babel“ in den letzten zehn Jahren mit seinen Anschlägen auf Flugzeuge, Militärbasen, westliche Botschaften und Konsulate in aller Welt sowie Entführungen Schuld am Tod von Tausenden von Menschen auf sich geladen hat. Als sie sich das letzte Mal gegenüberstanden, Luzy als Personenschützerin des Bundeswirtschaftsministers, List als Anführer eines KGB-Killerkommandos, das es auf einen in Israel lebenden deutschen Waffenhändler abgesehen hatte, hätte er sie töten können. Allein List beschränkte sich darauf, die Frau, die zuvor viele seiner Männer getötet hatte, leben zu lassen. Doch den Aufschub, den er ihr damit großspurig gab, will Luzy nach dem Tod ihres Amrumer Freundes Jörgen dazu nutzen, den Terroristen im Alleingang aufzuspüren, um einen Traum wahr werden zu lassen, in dem List zu ihr sagte: „Vielleicht begegnen wir uns wieder und finden dann heraus, wer von uns beiden kälter ist. Was meinen Sie: Sind Sie kälter als ich?“
Bis zum endgültigen Showdown – Andreas Pflüger hat offenkundig viel Spaß daran, gleich mehrere retardierende Momente der endgültigen Katastrophe vorauszuschicken, verpackt in Actionsequenzen, die, ähnlich der Sprengung der Glienicker Brücke am Ende seines letzten Romans Wie sterben geht (2023), enorm ins Geld gehen würden, wären sie real statt fiktiv – fließt freilich noch viel Wasser nicht nur die Spree, sondern schließlich auch die Donau hinunter. Luzy lernt einen sowjetischen Kraftprotz kennen, schätzen, lieben und wieder verlieren. Nebenfiguren tauchen auf und wieder unter, die man bereits aus anderen Pflüger-Romanen kennt – etwa der BKA-Präsident Richard Wolf, in dem Pflüger seinem Freund und Berater Hans-Ludwig Zachert ein Denkmal gesetzt hat, aber auch Rem Kukura und Nina Winter, die beiden Hauptfiguren seines letzten Romans, und, nicht zu vergessen, Jenny Aaron als achtjähriges Kind. Deutlich werden darüber hinaus auch Pflügers Liebe zu Israel, alten und neueren Filmen sowie seine überbordende Lust am Sprachlichen, die sich in so vielen zitablen Sentenzen niedergeschlagen hat, dass eine hier anzuführen allen anderen Unrecht täte.
Die Action-Szenen des Romans hat der Autor übrigens als bleierne Ballette choreographiert, als „9-mm-Märchen“ mit blutigem Ausgang. Töten sieht Luzy Morgenroth gelegentlich als „angewandte Geometrie“. Etwas sprachlich ähnlich rhythmisiert Explosives sucht man in der gegenwärtigen deutschen Spannungsliteratur vergeblich. Mehr über den Gang der Dinge soll an dieser Stelle allerdings nicht verraten werden. Wer Andreas Pflügers taffe Frauen aus seinen vorhergehenden Romanen kennt, ahnt ohnehin, wer schließlich – lädiert, aber triumphierend – den Schauplatz der finalen Auseinandersetzung lebend verlässt. Dass das Buch auf Amrum nicht nur beginnt, sondern auch endet, versteht sich dabei fast von selbst.
Luzys Sehnsucht nach der „Welt der Anderen“ – „Es gibt dort Lachen und Langeweile. Und etwas absolut Irres, nennt sich Vertrauen.“ – hat übrigens ein Pendant im historischen Hintergrund, vor dem Pflüger einen Teil seiner Geschichte spielen lässt. Denn just als die Berliner Mauer fällt, ist seine Heldin vor Ort. Schabowski findet Erwähnung – „ein schlaffwangiger Mann, der [Luzy] nichts sagt“ –, Pflügers Heldin begegnet Heiner Müller in einer Berliner Kneipe und in der Nacht der Grenzöffnung, der beginnenden „Hadsch nach Westen“, wie es im Buch heißt, geht ihr Kurzbesuch in der berüchtigten Normannenstraße beinahe nach hinten los. Die „dünne Stimme“, die vor dem Mauerfall der allgemeinen Parole „Wir sind das Volk.“ ein „Aber ich bin Volker.“ anhängt, könnte von Volker Braun stammen, der den Satz in eines seiner Wendegedichte eingebaut hat. Alles in allem ist die Haltung von Pflügers Figur zu dem, was nach der Friedlichen Revolution auf die Deutschen in West und Ost zukommt, aber durchaus ambivalent. Denn am Ende steht die Frage: „Was wird dort lauern? Die Wut von fast drei Jahrzehnten? Oder ist die Revolution nur ein Novemberpicknick?“
Kälter ist Andreas Pflügers bisher bester Roman. Die Sprache glasklar, die Action genial, das Verhältnis von Wahrheit und Dichtung beeindruckend. Wie immer leitet der Autor die Geschichte, die er erzählt, mit einem Gedicht ein. Dessen Kernzeilen lauten „Doch wie ich/ weiterleben konnte,/ atmen, träumen,/ weiß ich nicht.“ Danach folgt sofort der erste von etlichen Hammersätzen: „Wahre Macht über Leben und Tod hast du nur, wenn du dann und wann jemandem erlaubst, fürs Erste weiterzuatmen“. Luzy Morgenroth hat ihn von Hagen List, ihrem Erzfeind, in den Momenten gehört, als der die Chance hatte, sie zu töten. Inzwischen ist er zu ihrem Mantra geworden. Sie träumt den Satz und weiß beim Aufwachen: In ihrem Verständnis beinhaltet er eine andere Wahrheit. Denn List mag eiskalt seinen Weg verfolgen – sie ist kälter.
Von seiner Aufmachung her ähnelt der Pflügers Roman seinem Vorgänger. Erneut hat der Autor auch den Satz des Buches selbst übernommen. Wie sterben geht erhielt im Jahr seines Erscheinens den Deutschen Krimipreis. Wer um alles in der Welt soll Pflüger den 2025 streitig machen?
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