Aristoteles als Schlüssel zur Wirklichkeit
In „Das Sein zurückgewinnen” zeigt der Philosoph Gerhard Stamer nachvollziehbar, wie überraschend aktuell die Meta-Physik des Aristoteles für die Bewusstwerdung von Erkenntnisgewinnung ist
Von Sebastian Meißner
Sein zuletzt erschienenes Buch Die Kritik des lebendigen Verstandes von 2021 – ein erkenntnistheoretischer Entwurf zu einer Theorie der Einheit von Geist und Leben – beendete Gerhard Stamer mit der These, dass nicht die Naturwissenschaft die menschliche Existenz in Gänze erfassen könne, sondern dass dies einzig der Philosophie möglich sei. Ein Befund, für dessen Erklärung ihm schnell die Meta-Physik des Aristoteles in Erinnerung kam, wie der Autor in der Einführung zu diesem Buch schreibt. Denn die Metaphysik erscheint bei Aristoteles als die Wissenschaft vom ὂν ᾗ ὄν – vom ‚Seienden als Seiendem‘. Ihr Erkenntnisinteresse richtet sich auf die Grundbedeutung von Existenz überhaupt sowie auf die kategoriale Erschließung der vielfältigen Modi des Seienden.
Einseitigkeit mit exakten Belegen
In Das Sein zurückgewinnen. Was das Studium der Meta-Physik von Aristoteles erbringt komplettiert Stamer nun also seine eingeschlagene Argumentation aus vorheriger Arbeit. Statt einer Textexegese wählt er (ganz transparent kommuniziert) den Weg einer einseitigen Interpretation von Aristoteles zu seinen Gunsten, natürlich aber mit dem Versprechen, „exakte Belege“ für die eigenen Auffassungen anzuführen. Zu diesem Zwecke holt Stamer zunächst etwas aus, beginnt mit der Einordnung des Ausdrucks Meta-Physik als ursprünglich lediglich editionstechnischen und erst später inhaltlichen Begriff für die 14 Bücher umfassende Textsammlung des Aristoteles. So begründet er auch seine eigene Schreibweise des Begriffs mit Bindestrich.
Drei Leitmotive
Es sind genau solche Detailgenauigkeiten, die Stamers Argumentation so nachvollziehbar und letztlich auch unangreifbar machen. Seine profunde Vertrautheit mit der Materie gerät zu keinem Zeitpunkt seiner Ausführungen zum ornamentalen Selbstzweck, sondern entfaltet sich als intellektuell produktive Methode: Er stellt nicht allein seine Leser, sondern auch sich selbst vor argumentative Herausforderungen, dringt in die Tiefenschichten des Gegenstands vor und vermag auf diese Weise, Aristoteles’ Denken in einer für die Gegenwart frappierend überzeugenden Klarheit zur Geltung zu bringen. Ausgehend von drei leitenden Motiven – vergleichbar den perspektivischen Variationen mehrerer Romanfiguren auf ein identisches narratives Geschehen – entfaltet er (1) die epistemologische Dimension des Wissenschaftsbegriffs, (2) die ontologische Grundkategorie des Seienden sowie (3) den Prinzipienbegriff des „unbewegten Bewegers“.
Charakteristisch für Stamers Vorgehensweise ist eine bemerkenswerte methodische Sorgfalt, die sich in der konsequenten Durchdringung selbst kleinster terminologischer und argumentativer Details niederschlägt. Seine Analyse operiert nicht mit bloßen Oberflächenphänomenen des Textes, sondern sucht systematisch die begrifflichen Tiefenstrukturen des aristotelischen Denkens freizulegen. Dabei wird deutlich, dass Stamer eine außerordentliche philologische Präzision mit einer philosophisch geschärften Fragestellung verbindet: Jeder terminus technicus wird historisch kontextualisiert, semantisch differenziert und in seiner systematischen Funktion analysiert. Diese konsequente Kleinarbeit ist keineswegs Selbstzweck, sondern Ausdruck eines epistemischen Ethos, das sich jeder verkürzenden Interpretation verweigert. Vielmehr ist es gerade diese Beharrlichkeit im Umgang mit den Details, die es Stamer ermöglicht, eine kohärente und zugleich originäre Lesart der aristotelischen Meta-Physik zu entwickeln – eine Lesart, die sich durch argumentative Konsistenz ebenso auszeichnet wie durch konzeptionelle Tiefenschärfe.
Im Kopf des Autors
Die auf eine Fülle von Originalzitaten aus dem aristotelischen Corpus gestützte Argumentation Stamers generiert nicht nur den eigentlichen Erkenntnisgewinn, sondern evoziert zugleich eine quasi unmittelbare Partizipation der Lesenden an der Textur des Originals; der Rezipient sieht sich in eine Situation versetzt, die dem performativen Mitvollzug von Stamers eigenem Lektüre- und Denkprozess gleichkommt. In der Konklusion dieses Buches nennt der Autor die Meta-Physik eine „Wirklichkeitswissenschaft, die auf mehr als auf Ausschnitte der Wirklichkeit abzielt“ und auch eine „Fundamentaltheorie über das Verhältnis des Menschen zur Wirklichkeit, die ihn umgibt und zu der er selbst auch gehört.“ So vollendet Stamer sein Ursprungsvorhaben, den Beweis für die Alleinstellung der Philosophie als Erklärungsoption für das Ganze zu erbringen, letztlich erfolgreich.
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