Kafkas Träume ließen ihn nicht schlafen

Isolde Schiffermüller versucht mit „Kafkas Träume oder ‚die Arbeit der langen Nacht’” einen neuen Blick

Von Thorsten SchulteRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thorsten Schulte

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Franz Kafka schlief nachts nicht. Am 21. Juli 1913 notierte er in seinem Tagebuch: „Ich kann nicht schlafen. Nur Träume, kein Schlaf.“ Die ganze Nacht verbringe er in einem Zustand, „in dem sich ein gesunder Mensch ein Weilchen lang vor dem eigentlichen Einschlafen befindet“, klagte er am 2. Oktober 1911. Diese Träume stehen am Beginn seines Schaffensprozesses. Kafka schrieb seine Träume auf, eine von ihm jahrelang geübte und exakte, quälende Selbstbeobachtung. Jede Traumerzählung besticht durch ihre deskriptive Klarheit. Er erzählte sich selbst detailliert in seinem Tagebuch, was ihm nachts begegnete. Briefe an Felice Bauer nutzte er außerdem, um über Träume und innere Zustände zu klagen, die als Hindernis seines Schreibens auftraten. Und zudem übertrugen sich Träume als Impulse in sein nächtliches, ekstatisches Schreiben.

Hier setzt Isolde Schiffermüller an. In ihrer als Band 974 in der Reihe der Epistemata, der Würzburger wissenschaftlichen Schriften, erschienenen Studie Kafkas Träume oder „die Arbeit der langen Nacht“ untersucht sie das kreative Potential der Träume und ihre Bedeutung für Kafkas Literatur. Schiffermüller stellt sich mit ihrer Studie in die lange Reihe derer, die feststellten, dass sich das Werk Kafkas nur erschließt, wenn die historischen Kontexte und der Autor in die Betrachtung eingeschlossen werden. Kafka-Forscher Thomas Anz betonte beispielsweise, dass es unmöglich sei, zwischen Kafkas autobiographischen Zeugnissen und seinem literarischen Werk strikte Grenzen zu ziehen. Tagebücher und Briefe seien in hohem Maße literarisch stilisiert, und Kafkas Erzählungen und Romane seien in hohem Maße autobiographisch. Schiffermüller erklärt nun, dass sich auch die in den Texten enthaltenen Traumaufzeichnungen nicht nur als biographische Zeugnisse lesen lassen, „sie stellen sich auch allgemeiner als kreatives Reservoir und als Dokument historischer Erfahrung dar“.

In der Forschung wurden Kafkas Traumnotate unterschiedlich klassifiziert. Fließend seien die Übergänge zwischen Halbschlafphantasien, Wachträumen und Kunstträumen wohl. Sie stellen jedoch stets ein subversives Gegenbild zur Realität dar. Sie lesen sich manchmal wie Erzählungen und manchmal wie Gleichnisse. Schiffermüller erkennt ihre narrative Kohärenz und Kohäsion an. Kafkas klare Traumbeschreibungen unterscheiden sich laut Schiffermüller von seiner Prosa, die mit „als ob“ und „wie wenn“-Vergleichen sowie wiederholten Negationen arbeite, „die das Unfassbare, das zur Mitteilung drängt, gedanklich gleichsam ex negativo einkreisen“, so die Autorin. Zugleich ähneln sie seiner Prosa in vielerlei Hinsicht: Die Traum-Topographie beleuchtet Schiffermüller genau: verwinkelte Gänge, unüberbrückbare Distanzen, Zeitverschiebungen und ähnlich Rätselhaftes – und verstörende Figuren, darunter Autoritätsfiguren wie Kafkas Vater oder Beamte einer bürokratischen Hierarchie. Auch umgekehrt ähneln viele von Kafkas Texte Träumen. Auch dies belegt Schiffermüller mit Beispielen, darunter die Bürgel-Episode als Traumerzählung im Roman Das Schloss. In jenem Traum kämpft K. mit einem nackten Sekretär, dessen Worte zu einem sinnentleerten Piepsen verkommen. Er stelle sein traumhaftes innerstes Leben dar, alles andere sei ins Nebensächliche gerückt, schrieb Kafka am 6. August 1914 in seinem Tagebuch.

Umso interessanter ist, dass Kafkas Traumaufzeichnungen, welche in seinen Tagebüchern und Briefen enthalten sind, erst lange nach seinem Tod separat gesammelt und zuerst 1990 in italienischer Übersetzung veröffentlicht und genau kommentiert wurden, erklärt die Autorin. Schiffermüller, die als Professorin für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Verona lehrt, hat auch die in Italien publizierte Forschung im Blick. Mit ausführlichen Fußnoten lädt sie zur weiteren Lektüre ein. Auf neunzehn Seiten wird der Untersuchung ein Katalog von Forschungsliteratur hintangestellt. Aufschlussreich ist allerdings, welche Werke fehlen. Denn Andreas Kilchers Forschung, insbesondere zu Kafka und der Psychoanalyse, hat beispielsweise keinen Einzug in den Katalog gefunden – was als Hinweis auf ein Problem gewertet werden darf. Schiffermüller räumt zwar ein, dass Sigmund Freuds Psychoanalyse „insofern relevant“ sei, als sie den „Blick geschärft hat für die Bilderschrift des Traums“, aber hilfreicher als Methoden der Traumdeutung könne für die Textlektüre „das Instrumentarium der Literaturwissenschaft“ sein. Sie müht sich daher, immer am Text zu bleiben. Schiffermüller trennt Kafkas Reflexionen zur Traumerfahrung, wie sie in seinen Texten enthalten sind, von Bezügen zu Freud und der Zeitgenossenschaft ab. Könnte dies ein Fehler sein? Eine Engführung von Kafkas Texten mit der Psychoanalyse ließe weit mehr Bezüge erkennen. Andreas Kilcher hat Kafkas Haltung gegenüber der Psychoanalyse, seine Ambivalenz von Neugier und Abwehr, belegt und gezeigt, dass Kafka mit Begriffen und Theoremen der Psychoanalyse spielte. Diese ist damit Ausdruck seiner Textverarbeitung und charakteristisch für die Arbeitsweise des Autors. Der Akt des Schreibens ist bei Franz Kafka ein Geflecht aus Lesen und Schreiben. Das ist bedeutsam. Traumerzählungen gewinnen bei Kilcher die Funktion als psychoanalytischer Resonanzkörper.

Kafka konnte nicht schlafen, er wollte aber nachts auch nicht schlafen. Er rechtfertigte seine luzide Nachtwache damit, dass er nur nachts schreiben könne, sonst bliebe ihm keine Zeit. Im Büro gelang es ihm meist trotz der nachtaktiven Schreibarbeit, einen angepassten und freundlichen Eindruck zu erwecken. Seine Vorgesetzten lobten ihn als beflissenen und kompetenten Beamten. Kafka wollte seine Aufgaben nach bestem Gewissen erledigen. Ins Bett legte er sich nachmittags und kurz vor dem Weg ins Büro am frühen Morgen. Das Bett trennte somit seine kräftezehrende Nachtwache von der ebenso kräftezehrenden, ihn zermahlenden Mühle eines Verwaltungsapparates, von dem es im Roman Das Schloss heißt, dass Nebel und Finsternis ihn umgaben. In der Erwartung der nächsten Aufgaben – ob im bürokratischen Räderwerk des Büros oder am Schreibtisch daheim – peinigten ihn auch im Bett Angstzustände und Schlaflosigkeit. „Wieder war es die Kraft meiner Träume, die schon ins Wachsein vor dem Einschlafen strahlen, die mich nicht schlafen ließ“, heißt es im Tagebuch. Diese Aspekte werden von Schiffermüller allenfalls gestreift, sie stehen nicht im Fokus ihrer Studie, obgleich sie für die Bilderfabrik des Traums wichtig sein dürften.

Sehr gelungen hingegen scheint Isolde Schiffermüllers Darstellung des Schreibprozesses. Sie beschreibt Kafkas Stil als nicht kontemplativ, sondern geradezu ekstatisch und getrieben  und führt als Beleg den Tagebucheintrag zur Entstehung der Erzählung Das Urteil an. Der ideale Schreibprozess entwickele sich „mit traumanaloger innerer Notwendigkeit gleichsam in einem Zug“. Mit „überwachem Bewusstsein“ verfolgte Kafka den Prozess seines Schreibens, so formuliert es Schiffermüller. Das Wachen über die Träume und der Schreibprozess unterscheiden sich bei ihm „klar vom eigentlichen Erwachen und vom Durchdenken der Träume, von dem er sich absichtlich fern“ gehalten habe. In jedem Fall beschäftigen Kafkas sprachliche Spiele der Verschiebung, Verdichtung und Umkehr bereits Generationen von Forschenden, und sie werden auch nach Schiffermüllers Studie zweifellos nicht müde werden, seinen faszinierenden Rätseln mit wachem Blick gegenüberzutreten.

Titelbild

Isolde Schiffermüller: Kafkas Träume oder „die Arbeit der langen Nacht“. Tagebuchaufzeichnungen, Briefe und literarische Prosa.
Königshausen & Neumann, Würzburg 2024.
143 Seiten, 28,00 EUR.
ISBN-13: 9783826088865

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