Blinde Flecken ausgeleuchtet
In „Nachbilder“ offenbart Matthias N. Lorenz eindrücklich die Defizite der Erinnerung an das rassistische Pogrom in Rostock-Lichtenhagen 1992
Von Nils Gudat
Vom 22. bis zum 25. August 1992 kam es in Rostock-Lichtenhagen zu einem rassistischen Pogrom, welches die Basiserzählung der Bundesrepublik, aus der Zeit des Nationalsozialismus gelernt und entsprechendes Gedankengut überwunden zu haben, ins Wanken brachte. Das könnte man zumindest meinen. In Nachbilder zeigt der Literaturwissenschaftler Matthias N. Lorenz eindrücklich, wie das wiedervereinigte Deutschland tatsächlich mit dem Pogrom umgegangen ist: Die Bevölkerung unterstützte die Täter:innen vor Ort, sie leugnete und verdrängte den Rassismus-Vorwurf, dazu prägten mangelhafte Aufarbeitung und Erinnerung die Folgejahre.
Lorenz beleuchtet in fünf zusammenhängenden Essays die verschiedenen Facetten der defizitären Erinnerung. Anhand von Fotografien, die im Kontext des Pogroms entstanden sind, macht er den Nachholbedarf im Umgang mit der rechten Gewalt der 1990er Jahre sichtbar. Der von ihm gewählte Titelbegriff Nachbilder entstammt der Biologie und verdeutlicht: Die Bilder des damaligen Pogroms verblassen nicht, sie wirken bis heute nach.
Ausgangspunkt der Gesamtargumentation sind zwei Fotografien, die fast zeitgleich aufgenommen worden sind und dieselben Personen abbilden. Ein Betrunkener, Deutschlandtrikot und eingenässte Jogginghose tragend, zeigt den Hitlergruß. Daneben steht ein Mann in Lederjacke, der sich darüber zu amüsieren scheint. Eine der beiden Aufnahmen dieser Szene wurde zur „fragwürdige[n] Ikone des Hasses“ und ist Anlass für Lorenz, die Folgen für den Diskurs über Rassismus in der wiedervereinigten Republik darzustellen. Treffend erläutert er den Zusammenhang mit der Basiserzählung der Bundesrepublik von der erfolgreichen Bewältigung der NS-Vergangenheit. Gesellschaftlich akzeptierter Rassismus, wie er im Pogrom offenbar wurde, steht mit dieser Basiserzählung in einem unlösbaren Konflikt. Das ikonisch gewordene Bild fungierte daher als Mittel der Verdrängung: Die Schuld der Mehrheitsgesellschaft, deren Beteiligung am Pogrom Lorenz rekonstruiert, wurde mittels der Fotografie des „hässlichen Deutschen“ verleugnet und „das Problem rechter Gewalt externalisiert“. Besonders erhellend ist die vergleichende Interpretation der beiden Fotografien, mit der Lorenz die Ikonisierung der einen und das Desinteresse für die andere erklärt.
Dass sich die Mehrheitsgesellschaft an einem rassistischen Pogrom beteiligt, mag man eigentlich kaum glauben. Deshalb rekonstruiert Lorenz zunächst die Bedingungen, die zu dieser Beteiligung geführt haben. Er stellt pointiert dar, wie eine wirtschaftliche Krise, daraus folgende Massenarbeitslosigkeit sowie der Verlust von Anerkennung eine negative Grundstimmung erzeugt haben. „In diese Gemengelage […] platzierte das Land Mecklenburg-Vorpommern die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber (ZASt)“, mit zu geringen Kapazitäten und ohne sanitäre Anlagen für die unfreiwillig im Umfeld campierenden Menschen. Lorenz führt aus, dass die Verantwortung für diese Missstände den Asylbewerber:innen selbst zugeschrieben wurde. Er deutet den Versuch der Bevölkerung, im Gefühl des Kontrollverlusts eine scheinbare Normalität zu wahren, als ein Bemühen um „diffuse Selbstwirksamkeit“.
Wie perfide dieses Vorgehen war, zeigt Lorenz treffend am Beispiel einer Imbissbude, die anlässlich des Pogroms aufgestellt wurde und Täter:innen sowie Unterstützer:innen trotz fehlender Zulassung mit Bier und Wurst versorgte. Von dort aus wurden Angriffe bejubelt, während sich Polizei und Ordnungsamt die Verantwortung für eine etwaige Schließung des Imbisses hin- und herschoben. Plausibel ist daher Lorenz’ Wahrnehmung einer „neue[n] Qualität rassistischer Gewalt“: Die Mehrheitsgesellschaft beteiligt sich an einem Pogrom, die Behörden lassen sie weitgehend gewähren und für das leibliche Wohl ist gesorgt. Der Rassismus wird entweder geleugnet oder durch Entmenschlichung gerechtfertigt, etwa durch den Imbissbudenbetreiber „Api“: „Das sind ja keine Menschen, die Zigeuner, das sind Schweine.“
Anhand einer von Aktivist:innen angebrachten Gedenktafel stellt Lorenz dar, wie die Erinnerung an das Pogrom lange verhindert und ignoriert wurde. Die Tafel wurde im Oktober 1992 am Rostocker Rathaus angebracht und stellte eine klare Verbindung zwischen den Ereignissen im August und dem Nationalsozialismus her. Lorenz hebt hervor, dass die Opfergruppen auf der Tafel gezielt benannt wurden und deutliche Kritik an der politischen Reaktion auf das Pogrom geübt wurde. Denn statt Aufarbeitung und Unterstützung für die Opfer anzustreben, wurde in erster Linie über eine Verschärfung des Asylrechts gesprochen. Erschreckend ist an dieser Stelle der Verweis darauf, dass die rassistische Gewalt nicht nur von Teilen der Bevölkerung, sondern auch auf höchster politischer Ebene verleugnet wurde. Bundeskanzler Helmut Kohl „behauptete allen Ernstes, die Ausschreitungen seien von der Stasi inszeniert worden“, der Ministerpräsident Mecklenburg-Vorpommerns vermutete „die Täter im linken Spektrum der Autonomen, Hausbesetzer und Atomkraftgegner“. Erst 2023 wurde vonseiten der Stadtverwaltung eine neue Infotafel am Protestort angebracht, durch die dieser blinden Fleck der Erinnerung Lorenz zufolge beseitigt wurde.
Eine Verbindung zwischen dem Pogrom von Rostock-Lichtenhagen und den Verbrechen des Nationalsozialismus hatte nicht nur die Gedenktafel hergestellt. Einschlägig ist hier auch der Konflikt zwischen Ignatz Bubis, dem damals frisch gewählten Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, und dem Schriftsteller Martin Walser, zu dessen Judendarstellung Lorenz bereits 2005 eine so breit wie kontrovers wahrgenommene Monographie publiziert hat. Bubis, der im November 1992 Rostock-Lichtenhagen besuchte, wurde emotional und verwies damit indirekt auf antisemitische Pogrome der Vergangenheit. Lorenz betont, dass dies die Basiserzählung der Bundesrepublik provozierte; Bubis’ „emotionale Solidarisierung“ habe die Erzählung von der deutsch-jüdischen Versöhnung infrage gestellt. Er betont, dass Walser Bubis subtil vorgeworfen habe, die deutsche Schuld im Sinne der Erinnerungskultur zu instrumentalisieren. Damit habe er diesen bisher an „namenlose ‚smarte Intellektuelle[]‘ und das Fernsehen“ gerichteten Vorwurf auf eine neue Ebene gehoben und den Ausschluss der Jüdinnen und Juden aus dem deutschen Erinnerungskollektiv betrieben.
Lorenz schenkt nicht nur Täter:innen und stillschweigenden Unterstützer:innen auf der einen Seite sowie Einzelnen und kleinen Gruppen in ihrem Kampf um Erinnerung auf der anderen Seite Aufmerksamkeit, er möchte auch die Betroffenen des Pogroms stärker als üblich in den Blick nehmen. Beeindruckend ist in diesem Kontext der interdisziplinäre Aufwand, den Lorenz betreibt. So macht die Rekonstruktion der Erinnerungsgeschichte auch den Rückgriff auf geschichtswissenschaftliche Methoden notwendig: Lorenz hat für Nachbilder ein breites Spektrum an Quellen ausgewertet, Teile davon sind gar nicht (mehr) zugänglich. Hauptsächlich anhand von Tagespresse und verschiedenen Formen von Videoaufnahmen rekonstruiert er das Pogrom und seine Folgen. Für den Essay Jetzt können Sie einpacken hat er zudem die auf dem als Ausgangspunkt dienenden Foto abgebildete Frau ermitteln können, eine Romni, die mit ihren zwei Kindern auf dem Gehweg hockt und ihr Hab und Gut in einer Tüte mit der titelgebenden, zynisch wirkenden Aufschrift bei sich trägt. Über Interviews mit der Familie und Aussagen weiterer Zeitzeug:innen gelingt Lorenz die Rekonstruktion eines bisher nur lückenhaft aufgearbeiteten Teils des Pogroms, des Angriffs auf die Unterkunft für Rom:nja in der Nacht vom 22. auf den 23. August 1992. Während der Angriff auf die Vietnames:innen durch Filmaufnahmen aus dem Inneren der Unterkunft gut dokumentiert ist und dementsprechend Aufmerksamkeit fand, wurde diese dem Angriff auf die Rom:nja verwehrt, sogar von behördlicher Seite gab es kaum Aufarbeitung.
Die Ereignisse und ihre Nachwirkungen verortet Lorenz nicht allein im historischen Kontext der 1990er Jahre; er zeichnet Kontinuitäten nach und benennt bis heute fortwirkende Probleme. Die Leugnung und Verdrängung von Rassismus in der Bundesrepublik bezieht er auch auf die Mordserie des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrunds. An dieser Stelle verweist er auf die Relevanz „migrantisch situierten Wissens“, denn die Betroffenen haben schon Jahre vor den Behörden auf Zusammenhänge der einzelnen Taten und das offenbar rassistische Motiv hingewiesen. Schließlich warnt Lorenz in Bezug auf gegenwärtige populistische und menschenfeindliche Politik vor dem „Schulterschluss der bürgerlichen Mitte mit dem rechten Extremismus“. Denn schon 1992 reagierte die Politik auf das Pogrom mit einer Verschärfung des Asylrechts, anstatt Betroffene in Schutz zu nehmen und gegen Rassismus vorzugehen.
Lorenz liefert mit Nachbilder erhellende Essays über die mangelnde Aufarbeitung des Pogroms von Rostock-Lichtenhagen 1992. Besonders überzeugt sein interdisziplinärer Ansatz, der vielen bislang wenig beachteten Facetten der Erinnerungsproblematik Aufmerksamkeit zukommen lässt. Nachbilder stellt die Perspektive der Betroffenen in den Vordergrund und regt dazu an, über den aktuellen Umgang der Gesellschaft mit Rassismus zu reflektieren.
Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen
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