Das Leben – eine Versuchsstrecke, die Literatur – ein Probierfeld
Dieter Wellershoff zum 100. Geburtstag
Von Werner Jung
Was kann ich überhaupt noch sagen zu oder über Dieter Wellershoff, das ich nicht schon längst gesagt und irgendwo geschrieben habe? – Wir haben uns gut gekannt, einige Jahrzehnte, und wir haben zahllose Gespräche miteinander geführt, meist in Dieters Arbeitszimmer, überwiegend am späten Nachmittag und frühen Abend. Über Gott und die Welt, nein, präziser: über die Welt ja und wie man sie nicht nur begreifen, sondern darstellen kann, theoretisch ebenso wie sinnlich-plastisch, auf den Feldern der Wissenschaft wie auf denen von Kunst und Literatur. Wie man die Welt und die Menschen erzählen kann. Hier und heute. Eben jetzt, ganz gegenwärtig. Die Historie hat ihn zwar interessiert, klar, vor allem für ihn als Schriftsteller im Blick z. B. auf die Geschichte des Romans, aber als Vorlage für die eigene literarische Produktion – vielleicht im Sinne Theodor Fontanes, der vom historischen Roman als etwas gesprochen hat, das mindestens zwei Generationen zurückliegen müsse – nein, gar nicht. Vielleicht liegt das an der historischen Zäsur von 1945, an der Niederlage des NS-Faschismus und dem Geschenk der Wiedergeburt, als die Wellershoff und zahlreiche andere Generationsgefährten das Kriegsende erlebt haben. Der 8. Mai 1945 als Tag, an dem ein zweites Leben beginnt. Jetzt geht es um den Neuanfang, um neue Orientierungen, ein anderes Denken und einen anderen Ausdruck. Es winken die verlockenden Kirschen der Freiheit – scheinbar grenzenlose Möglichkeiten. Aber auch die dunklen Kehrseiten scheinen immer wieder auf: weniger in Gestalt der Ewiggestrigen, die es natürlich auch weiterhin gibt, heute leider mehr denn je, Verbohrte, die den Verlust des Absoluten nicht verschmerzen können, sondern hinsichtlich der großen Menge, die die Chancen einer Befreiung – auch zur persönlichen Entfaltung – nicht wahrnehmen kann. Die vielmehr ängstlich vor der Orientierungslosigkeit kapituliert und – soziologisch gesprochen – den ‚Kontingenzschock‘ nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht zu ertragen in der Lage ist.
Ich habe seine Bücher rezensiert, Aufsätze, Vorträge und Reden verfasst, eine Festschrift verantwortet, bei der Werkausgabe mitgewirkt und – vielleicht als Summe meiner Überlegungen – die Monographie Im Dunkel des gelebten Augenblicks (2000) vorgelegt, deren sprechender Titel pointiert bündelt, worin ich das schriftstellerische Bemühen Dieter Wellershoffs über die Jahrzehnte hinweg erkenne: im literarischen Text die Vielfältigkeit des Lebens über sich selbst allererst (nun muss die Formulierung doch fallen) ‚aufzuklären‘. „Literatur, die etwas taugt, ist gefährlich“, schreibt Dieter Wellershoff an einer Stelle seines Buches Der verstörte Eros. Zur Literatur des Begehrens (2001), „denn sie rührt an die Sprengsätze der menschlichen Existenz. Sie kann gefährlich sein für den Leser, weil sie ihn mit Erfahrungen konfrontiert, die er in den Routinen und Begrenzungen seines alltäglichen Lebens gewöhnlich zu vermeiden versucht. Und sie ist vor allem gefährlich für den Autor, der sich […] in ihrem Dienst auf eine Höllenfahrt begibt, dabei allerdings in ihr einen mächtigen Schutz genießt. Denn in ihr verwandelt er auch die Irrtümer, Niederlagen und Verletzungen seines Lebens in eine Erfahrung der Kompetenz.“ Literatur ist für alle, die sie betrifft, gefährlich – wenn auch auf unterschiedliche Weise, wenn auch in verschiedenen Intensitäten. Es geht schließlich um die Existenz. Der Autor schreibt um sein Leben, und dem Leser geht dabei möglicherweise ein Licht auf: Ach, so ist das – so könnte man die Dinge auch betrachten. Literatur, darauf hat Dieter Wellershoff schon früh in poetologischen Reflexionen hingewiesen und mit Nachdruck insistiert, stellt so etwas wie einen ‚Simulationsraum‘ oder eine ‚Probebühne‘ dar, auf der lebenswichtige, noch radikaler: überlebensnotwendige Probleme und Konstellationen verhandelt werden. Das gilt für all seine literarischen Texte, für die Erzählungen, Novellen und Romane ebenso wie für die Hörspiele, Fernsehspiele und Filme. Es lässt sich eine Linie vom frühen Hörspiel Die Sekretärin (1958) ziehen, worin von Schwierigkeiten und Nöten, auch den Illusionen einer jungen, alleinlebenden Angestellten aus der Hochzeit im Wirtschaftswunderland der Bundesrepublik am Ende der 50er Jahre die Rede ist, über alle großen Romane – um hier nur einmal drei zu nennen: Ein schöner Tag (1966), Der Sieger nimmt alles (1983) und Der Liebeswunsch (2000, verfilmt 2006) – bis zu den letzten Erzähltexten, die allesamt um die Altersproblematik – das Altwerden – kreisen und im Band Das normale Leben (2005) zusammengefasst sind.
Dass Dieter Wellershoff geprägt worden ist von einem kleinbürgerlich-saturierten Umfeld, in dem Literatur, Kunst und Kultur nur wenig, dafür aber Ruhe, Behaglichkeit und ein moderater Wohlstand umso mehr bedeutet haben, das hat er selbst in den kurzen Prosaskizzen verdeutlicht, die sich mit seiner Kindheit und frühen Jugend beschäftigen. Und dass die unstillbare Sehnsucht nach Abenteuer und einer Verschärfung der eigenen existenziellen Lage dann für den Kriegsdienst den jungen Mann geradezu zwangsläufig bestimmt hat, wissen wir ebenfalls aus einer ganzen Reihe von Texten, allen anderen voran Wellershoffs Buch über den Zweiten Weltkrieg, Der Ernstfall (1995). Darin wird nachvollziehbar beschrieben, wie aus anfänglicher Abenteuerlust zunächst Distanz, schließlich Skepsis und Ablehnung wachsen. Dann das Ende des Faschismus, die Befreiung; und es eröffnet sich ein gigantisches Feld an Möglichkeiten: das Studium querbeet durch die philosophische Fakultät an der Bonner Universität, die Begegnung mit Maria von Thadden, seiner späteren Frau, Familienplanung, Schreibexperimente und das Erproben von journalistischen ebenso wie literarischen Formen. Auch dazu hat sich Dieter Wellershoff mehrfach geäußert, insbesondere im umfangreichen biographischen Essay Wohnungen, Umgebungen (1984). Der Titel allein schon muss aufhorchen lassen, denn Dieter Wellershoff hebt auf den Gedanken des Raums ab, auf die – nicht nur für den Schriftsteller – lebensnotwendige Konstruktion eines eigenen Raums, eines Rückzugsraums, der als pièce de résistance gedacht ist, von dem aus allererst schriftstellerische wie intellektuelle Arbeit möglich ist. Theodor W. Adornos Diktum aus den Minima Moralia zum Trotz, der unter dem Titel Asyl für Obdachlose davon gesprochen hat, dass man nach den Verheerungen des Krieges und den Zerstörungen der Städte eigentlich nicht mehr wohnen könne, beharrt Wellershoff darauf, einen Privatraum zu schaffen und ein Privatleben zu führen, in dem der Familie ein zentraler Platz zukommt. Ohne Verklärung und christliche Überhöhung, nicht im konservativen Sinne, wonach der Unbehaustheit der Menschen im Nachkriegsdeutschland ein neu-altes Refugium entgegengehalten werden müsse, sondern durchaus im Verständnis der modernen Psychologie und Soziologie, die die Nachkriegsgesellschaft des Westens als dynamische und rasant wachsende beschreiben. In einem umfangreichen Zeitungsbeitrag (Väter und Söhne, 1954) hat Dieter Wellershoff die Entwicklung der 50er Jahre hellsichtig charakterisiert:
Arbeitsmethoden veralten rasch, die Bedürfnisse werden durch die Methoden der modernen Werbung beinahe beliebig verändert und fortlaufend durch neue ergänzt, der Wechsel der Moden, die ja nicht nur den Kleidungsstil bestimmen, sondern sich auch auf das Handeln, Urteilen und Erleben spürbar auswirken, hat ein verwirrendes Tempo. Der moderne Mensch lebt also in einer Umwelt, die sich dauernd verändert, und man braucht gar nicht an so katastrophenartige Veränderungen wie Krieg, Vertreibung und Geldentwertung zu denken, um zu verstehen, daß ihm die Ausbildung stabiler Verhaltensweisen und Wertvorstellungen oder gar ausgeprägter generationseigentümlicher Lebensstile kaum möglich ist, ja daß sie nicht einmal mehr sinnvoll erscheint.
Der Sitzplatz des Autors, des Schriftstellers und Intellektuellen ist kein aparter, sondern mittendrin – nicht im Abseits als sicherem Ort, sondern zu Hause, wobei dieses – das Privatleben, der Privatraum, am Ende auch der urbane Raum Kölns – den Kreuzungspunkt gesellschaftlicher und sozialer Zusammenhänge darstellt. Raum und Privatheit gehören zusammen, bedingen einander; im Privatraum der Familie und ihrer Beziehungsmuster und -strukturen kommt zusammen, was der Schriftsteller Dieter Wellershoff in jahrzehntelangem Schaffensprozess beschrieben, womit er sich erzählerisch, in der Lyrik, in seinen Medienarbeiten, aber auch essayistisch beschäftigt hat. In scheinbarer Paradoxie hat Wellershoff einmal in einem frühen kleinen Essay unter dem Titel Zu privat (1969) davon gesprochen, dass nichts ‚zu privat‘ sei, weil in all Diesem auch das Gesellschaftlich-Politisch-Historische – wie gebrochen auch immer – gespiegelt werde. Und der (kritische) Schriftsteller, für den dieses nur scheinbar Private Anlass, Vorwurf und Reflexionsgegenstand bilden, schafft mit jedem neuen Buch, wie es einmal an entlegener Stelle im (geplanten) Vorwort für einen (nicht realisierten) Bildband von 2004 heißt: Wege ins Ungebahnte (dieser kleine Text erscheint neben einer Vielzahl anderer aus Wellershoffs Nachlass samt diverser bislang unpublizierter Briefe demnächst in einem Dossier innerhalb der Zeitschrift Juni (Bielefeld, Aisthesis, Ende 2025)).
Pünktlich zu Dieter Wellershoffs 100. Geburtstag hat der frühere Kölner Journalist Markus Schwering, der fürs Feuilleton des Kölner Stadt-Anzeigers das Werk Wellershoffs über viele Jahre rezensierend begleitet hat, eine Monographie über den Schriftsteller vorgelegt. Auf bestechende Weise hat Schwering dabei die zentralen Begriffe des Wellershoffschen Werks, von dessen Poetik und Ästhetik erfasst und entlang solcher Begriffe wie – neben Krise und Utopie – Eros, Tod, Mythos, Traum, Existenz alle Texte durchmustert. Der Mehrwert, der in einem solchen systematischen Verfahren liegt, wird freilich wieder ein wenig durch vielfache Redundanzen getrübt. Allerdings empfiehlt sich die Lektüre von Schwerings Monographie, die darüber hinaus auch die gesamte Wellershoff-Philologie passend auszuwerten versteht, schon deshalb, weil mit ihr – nach langer Zeit – wieder eine Deutung des Gesamtwerks des Schriftstellers, Medienautors und Essayisten Wellershoff vorliegt.
Anders das schmale Büchlein des Schriftstellers und Erzählers Peter Henning, der während der letzten fünf Lebensjahre Wellershoffs dessen enger Vertrauter und Freund gewesen ist. Wenn der Leser auch vergleichsweise wenig über das Werk erfährt, so hält er doch eine anrührende Erzählung über die Geschichte einer Autorenfreundschaft in Händen. In Wellershoff erkennt Henning einen Wahlverwandten, dessen Ansporn zum Schreiben er weitgehend teilt. Auf langen Spaziergängen, bei Cafébesuchen, vor allem aber während vieler Stunden, die sie gemeinsam in Wellershoffs Arbeitszimmer verbracht haben, schält sich das Bild eines tief vom Existenzialismus beeinflussten Schriftstellers heraus, der – wie sich Henning ausdrückt – die „Gefährlichkeit der Welt“ und transzendental unbehauste Menschen schildert. Insgesamt versteht Henning den Schriftsteller Wellershoff – völlig zu Recht – als einen skeptischen Aufklärer, dessen Literatur bis zuletzt „einen grundsätzlichen Umgang mit Extremsituationen“ vorgeführt hat, „die seine Geschöpfe durchleben müssen, um sie als Selbstprüfungen zu gestalten, an denen sie wachsen können.“
Hingewiesen sei an dieser Stelle noch auf das im Düsseldorfer Lilienfeld-Verlag erschienene Buch Die Stadt ist wie ein ungeheures Buch, in dem verschiedene Texte Wellershoffs zu und über seine (Wahl-)Heimat Köln zum Wiederabdruck kommen. Dabei handelt es sich ebenso um Erzähltexte, autobiographische Schriften wie auch Essays (freilich in hybrider Form, wie sie Wellershoff häufiger verfasst hat). Einschränkend muss allerdings gesagt werden, dass dieser Band nichts Neues enthält – sämtliche Texte finden sich auch schon in der Werkausgabe (bei Kiepenheuer & Witsch) –, und leider verzichtet die Herausgeberin beim Wiederabdruck von Wellershoffs erstem Köln-Buch, das unter dem Titel Pan und die Engel (1990) erschienen ist und den größten Umfang von Die Stadt ist wie ein ungeheures Buch einnimmt, auf die damals dort beigefügten Zeichnungen von Dieter Wellershoff, was eine spannende Korrespondenz mit und zu den Texten ergab.
Drei große Fragezeichen müssen schließlich noch hinter das Verhalten von Wellershoff-Hausverlag Kiepenheuer & Witsch gesetzt werden, der es nicht für nötig befunden hat, mit Wiederabdrucken einzelner Titel aus Wellershoffs Œeuvre zum 100. Geburtstag produktiv zur Verbreitung des Werks beizutragen.
Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen
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