Zwischen Mah-Jongg und Mao
In „Blume Vollmond“ erzählt die chinesische Autorin Fang Fang erneut von der Wirkung gesellschaftlicher Umbrüche auf den Einzelnen
Von Dietmar Jacobsen
Hua Manyue heißt „Blume Vollmond“ auf Deutsch. In Fang Fangs nun erstmals im deutschsprachigen Raum erschienenen Roman ist es der Name der zentralen Figur. Und die wird, wenn das Buch einsetzt, von einer einzigen großen Leidenschaft beherrscht, dem Mah-Jongg-Spiel. So besessen ist sie davon, dass sie, Tochter eines wohlhabenden Kaufmanns und Großgrundbesitzers, beim Einmarsch der Volksbefreiungsarmee in ihre kleine südchinesische Heimatstadt vergisst, sich in Sicherheit zu bringen. Und während Eltern und Geschwistern die Flucht vor den Kommunisten nach Taiwan gelingt, wird alles ihr bisher Vertraute Hua Manyue plötzlich fremd und sie findet sich in Verhältnissen wieder, die sie zwingen, ihre wahre Identität zu verschleiern und unter einem neuen Namen auch ein neues, sich von ihrem unbeschwerten Dasein als älteste Tochter einer angesehenen Familie komplett unterscheidendes Leben zu beginnen.
Die Kunst der chinesischen Autorin Fang Fang – die hierzulande mit ihrem aus einem Internet-Blog hervorgegangenen Wuhan Diary: Tagebuch aus einer gesperrten Stadt (2020) bekannt wurde, in dem sie ebenso schonungslos wie ehrlich und sich allen staatlichen Schweigegeboten widersetzend das Leben in ihrer Heimatstadt während der im Zuge der Corona-Pandemie verhängten dreimonatigen kompletten Abriegelung beschrieb – besteht darin, die großen Fragestellungen ihrer Zeit und Welt in den Lebensgeschichten von in der Regel einfachen Menschen transparent werden zu lassen.
Das macht der 1955 in Nanjing geborenen und seit 1957 im mittelchinesischen Wuhan lebenden Schriftstellerin alles andere als Freunde unter jenen, die in ihrem Land den Ton angeben. Kein Wunder deshalb, dass ihr neuestes Buch das Licht der Welt zuerst nicht in China, sondern im deutschsprachigen Raum erblickt hat. In ihrer Heimat konnte der Roman wegen eines „faktischen, gegen sie verhängten Publikationsverbots“, wie der Herausgeber und Übersetzer von Blume Vollmond, der Sinologe und Gründungsdirektor des Pekinger Goethe-Instituts Michael Kahn-Ackermann betont, bisher nicht erscheinen.
Von Glänzende Aussicht (1987, auf Deutsch erstmals 2024) – jenem Frühwerk, mit dem Fang Fang die Aufbruchsstimmung der achtziger Jahre in die chinesische Literatur übertrug, wobei sie einen neuen, realistischen Stil kreierte, der zugleich bedingungslos ehrlich in der Wiedergabe der harten Lebensbedingungen der einfachen Menschen und leichter rezipierbar als die bis dahin dominierenden avantgardistischen Experimente war – unterscheidet Blume Vollmond zunächst die Wahl der Hauptfigur. Hua Manyue wird den Leserinnen und Lesern als eine verwöhnte, das Dienstpersonal ihrer reichen Familie herablassend behandelnde junge Frau vorgestellt, deren gesellschaftliche Stellung es ihr erlaubt, völlig sorglos in den Tag hineinzuleben und sich ganz ihrer Leidenschaft, dem Mah-Jongg-Spiel, hinzugeben. Erst als sich die Verhältnisse in China Ende der 1940er Jahre ändern, aus der Republik die Volksrepublik wird und die Kommunistische Partei unter ihrem Führer Mao Zedong die Entwicklungsrichtung des wirtschaftlich rückständigen Landes vorzugeben beginnt, ändern sich auch die Lebensumstände von Fang Fangs Heldin.
Die Flucht ihrer Familie „verschläft“ sie am Mah-Jongg-Tisch. Und nur indem sich zwei ehemalige Bedienstete, der Koch A Gui und der Rikschafahrer Wang Vier, vor den neuen Herren für sie einsetzen, bleibt sie als „Angehörige geflüchteter Konterrevolutionäre“ vor Schlimmerem bewahrt. Eine neue Unterkunft findet sie im Hause des ehemaligen Rikschafahrers, der, nachdem es keine „Herrschaften“ mehr zu befördern gibt, eine Anstellung als Lastenfahrer gefunden hat.
Haben die beiden Helfer Hua Manyues darauf gesetzt, dass sich die Verhältnisse schnell wieder in ihr Gegenteil verkehren, die alte Herrschaft zurückkommen und sie für die Rettung der Tocher des Hauses reichlich belohnt werden würden, so erweist sich das mit der Zeit als Illusion. Und so müssen alle, die mitgeholfen haben, die Identität Hua Manyues zu verschleiern, indem sie ihr einen neuen Namen, Yue Manhua, gaben und sie schließlich sogar dazu brachten, Wang Vier zu heiraten und mit ihm einen Sohn großzuziehen, der sich später allerdings von seiner Mutter abwendet und erst wieder in Erscheinung tritt, als es nach ihrem Tod etwas zu erben gibt, fortan in der Angst leben, eines Tages mit ihrem Betrug aufzufliegen und dafür zu büßen.
Der bereits für die Übersetzung der vier bisher auf Deutsch vorliegenden Bücher der Autorin verantwortliche Michael Kahn-Ackermann betont in seinem kenntnisreichen Nachwort zu Blume Vollmond, dass es „die beiden wichtigsten psychologischen Triebkräfte“ der chinesischen Gesellschaft zwischen 1949 und der unmittelbaren Gegenwart sind, die auch das Leben sämtlicher Personen in Fang Fangs aktuellem Roman sowohl auf individueller wie auch auf sozialer Ebene beherrschen: Angst und Leidenschaft.
So korrespondiert Hua Manyues Faible für das Mah-Jongg-Spiel auf der persönlichen Ebene einerseits mit der Leidenschaft jener gesellschaftlichen Kräfte, die sich nach dem Regimewechsel bemühen, China auf einen neuen, fortschrittlichen Weg zu führen, und dabei vor allem diejenigen einzubeziehen, deren Stimmen bis dato keine Bedeutung zugemessen wurde. Andererseits entspricht die Furcht der jungen Frau und ihrer Helfershelfer, entdeckt und für ihren Betrug bestraft zu werden, jener Angst, mit der die neuen Herren von Anfang an dafür Sorge trugen, dass niemand die staatlich vorgegebenen Linien verließ. Wer ständig damit rechnen musste, als Volksfeind denunziert zu werden oder in den zahlreichen Kampagnen der Partei von der Bodenreform der ersten Jahre bis zur Kulturrevolution des Jahrzehnts zwischen 1966 und 1976 unter die jeweils geltenden Feindbilder zu fallen, konnte nicht angstfrei leben, sondern war gezwungen, sich den Verhältnissen anzupassen oder seiner Heimat den Rücken zu kehren.
Fang Fangs Roman bildet diese Situation ab, indem er es keiner einzigen seiner handelnden Personen gestattet, Mitmenschlichkeit und Empathie zu zeigen. Wenn niemand die unter falschem Namen lebende Grundbesitzerstochter verrät, dann nicht aus Sympathie mit ihr, sondern weil er fürchten muss, als Nebenwirkung seiner Denunziation selbst in das potentiell tödliche Räderwerk zu geraten, das sich immer wieder neue Opfer suchen muss, will es nicht kollabieren. Allein das Mah-Jongg-Spiel, das für die einst sorglos Lebende zur Ursache ihres gesellschaftlichen Abstiegs wurde, weil sie darüber ihre Flucht vergaß, vermag ihr Jahrzehnte später, als sie es wiederentdeckt und zunächst jahrelang mit sich selbst spielt, ehe die Öffnung der chinesischen Gesellschaft in den 1990er Jahren dazu führt, dass sich Hua Manyue nicht nur wieder zu ihrer Leidenschaft, sondern auch zu sich selbst und ihrem Herkommen bekennen kann, eine Art Rettungsanker zu sein.
Blume Vollmond ist nicht Fang Fangs bester, aber ein typischer Roman dieser in ihrer Heimat mit Publikationsverboten, Beschimpfungen und Verleumdungen lebenden Autorin. Wieder steht im Vordergrund ein Einzelschicksal, hinter dem sich mehr als ein halbes Jahrhundert chinesischer Geschichte abspielt. Zugleich ist, wie Michael Kahn-Ackermann hervorhebt, auch dieser neue Roman wie alle seine Vorgänger „ein Versuch, gegen das Vergessen und das gezielte Verzerren und Verleugnen von für die Herrschenden unangenehmen historischen Ereignissen anzuschreiben.“ Das ist Fang Fang wohl gelungen, obwohl in ihrer Heimat bisher niemand dieses Buch lesen durfte.
|
||















