Beim Häuten des Œuvres
Das „Günter Grass Handbuch“ von Christoph Jürgensen und Michael Scheffel erschließt Leben, Werk und Wirkung des Nobelpreisträgers mit philologischer Präzision und Vollständigkeit
Von Ulrich Klappstein
Die Anforderungen an ein Günter Grass Handbuch unterscheiden sich deutlich von denen, die an frühere Biographien oder Untersuchungen über das Werk zu stellen waren. Dieses erste umfassende Referenzwerk zur Person und zum Werk von Günter Grass wurde in der literaturwissenschaftlichen Forschung breit rezipiert und galt seither als ein Standardwerk der Grass-Forschung. Seit dem Tod des Autors im Jahr 2015 und durch die Erschließung des Nachlasses haben sich neue theoretische Perspektiven ergeben (Erinnerungskultur, Ökologie, Postkolonialität, Intermedialität und anderes), die eine Neubewertung seiner Rezeption im In- und Ausland erforderlich scheinen lassen. Nun ist im selben Verlag eine grundlegend erweiterte und aktualisierte Fassung des Handbuchs erschienen, die den Entwicklungen der letzten zwei Jahrzehnte Rechnung trägt.
Günter Grass war ein umstrittener Künstler und Zeitgenosse, zählt jedoch zu den wirkmächtigsten deutschsprachigen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Auch im Ausland wird er als einer der wichtigsten Autoren der Nachkriegsliteratur in Deutschland angesehen. Bestätigt wurde seine herausragende Position im Jahr 1999 mit der Verleihung des Nobelpreises.
Das Handbuch erschließt mit seinen nun 795 Seiten alle biographischen Phasen und die vielen Facetten der Arbeit des gattungsübergreifend produktiven Schriftstellers, bildenden Künstlers und engagierten Zeitgenossen. Mit Hilfe dieses Kompendiums „lässt sich Deutschlands Entwicklung von den Kriegs- und Nachkriegsjahren bis hinein ins 21. Jahrhundert verfolgen, vielleicht sogar besser begreifen“, urteilen die beiden Herausgeber des Handbuchs, der Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Michael Scheffel (Bergische Universität Wuppertal) und Prof. Dr. Christoph Jürgensen (Universität Bamberg). Deshalb richtet sich das Handbuch auch an eine breite Öffentlichkeit. Es bietet rund einhundert Artikel, die von sechzig Autoren und Autorinnen aus dem In- und Ausland verfasst wurden, und einen aktuellen, klar gegliederten Zugang zu einem außergewöhnlichen Gesamtwerk bieten. Zugleich will es neue Perspektiven auf den Autor, seine einzelnen Werke und deren Rezeption eröffnen. „Und in jedem Fall möchte es zur lebendigen Auseinandersetzung mit dem Künstler und allzeit unbequemen Zeitgenossen Grass beitragen“, so die Herausgeber.
Das Handbuch fasst Leben, Werk, Bildende Kunst und Zeitgenossenschaft zusammen und bietet systematisch daran anknüpfende Beiträge. Es eignet sich sowohl als Überblickswerk als auch als Nachschlagewerk für Spezialfragen. Die breit gefächerte Gliederung (Biographie; Werk einschl. der Autobiographik und der Text-Bild-Werke; Essays und Reden; Briefe und Briefwechsel; Gespräche; Grass als bildender Künstler; Strukturen, Schreibweisen, Themen; Grass als Zeitgenosse; Rezeption in Deutschland; Internationale Rezeption; Verfilmungen) erlaubt es, sich gezielt in einzelnen Werke oder Themen einzulesen. Das überarbeitete Kompendium folgt den Prinzipien von Interdisziplinarität und Multiperspektivität, insofern auch Grass’ künstlerisches Oeuvre neben seiner literarischen Arbeit und seinem öffentlichen Engagement berücksichtigt wird. Die Einzelbeiträge eröffnen viele wissenschaftliche Zugangsweisen (historisch, literarisch, ästhetisch, kulturwissenschaftlich, erinnerungspolitisch) und gestatten somit einen differenzierten Blick auf das Lebenswerk. Die Beiträge zur Wirkung Grass’ im deutschen wie im internationalen Kontext sind gut fundiert und runden das Bild einer durchaus kontroversen Zeitzeugenschaft, zeigen den Autor aber auch als Impulsgeber der deutschen Nachkriegsliteratur.
Herausgeber und Verlag ist eine umfassende Ausstattung des Bandes gelungen: Die Editionsgeschichte weist alle Einzel- und Werkausgaben nach, ergänzt um die Nachweise der mittlerweile zahlreichen Grass-Archive. Der Anhang bietet eine Zeittafel, listet wissenschaftliche Hilfsmittel auf und gibt einen umfangreichen, aktualisierten Überblick der Forschungsliteratur. Das Verzeichnis der Beiträgerinnen und Beiträger sowie ein Personen- und Werkregister beschließen den Band und zeugen von der gewohnt hohen de-Gruyter-Referenzbuchqualität. Mit einem Preis von knapp 200 Euro für die Druckausgabe und einem sogar noch höheren Preis für das e-Book richtet sich das Handbuch primär an wissenschaftliche Bibliotheken oder Institutionen, für Studierende oder interessierte Privatpersonen dürfte das jedoch eine hohe Zugangshürde darstellen. Obwohl das Handbuch in der Breite überzeugt, bleiben einige Beiträge eher einführend oder summarisch: so wird das Romanwerk in vierzehn Kapiteln gründlich erschlossen, die Kurzprosa wird auf nur sieben Seiten relativ knapp behandelt, dies gilt besonders für die auch in der Forschung noch unterbewerteten Artur-Knoff-Geschichten in ihrer Bedeutung für das sonstige Prosawerk. Zugestanden werden muss den Herausgebern jedoch, dass bei einer so umfangreichen Präsenz des Autors und einer Fülle von Themen jede Auswahl notwendigerweise selektiv sein muss. Mehr argumentative Kontroversen wären allerdings wünschenswert gewesen: Wie stehen die Verfasserinnen und Verfasser etwa zu Grass’ Umgang mit Schuld und Erinnerungsverdrängung und wie spiegelt sich das in den sich gerade entwickelnden Felder der Grass-Forschung? Insgesamt gesehen ergänzt und übertrifft das Handbuch in mancher Hinsicht frühere Gesamtwerk-Darstellungen (zum Beispiel Monographien zu Grass’ literarischem Werk, wie etwa die Biographien von Volker Neuhaus), indem es modularer und thematisch differenzierter vorgehen kann. Es bietet schon vom Ansatz her mehr Fachvielfalt als die älteren Werke, die mehr biographisch fokussiert sind. Festzuhalten bleibt: Das Günter Grass Handbuch markiert einen neuen Standard in der Grass-Forschung. Es macht das Gesamtwerk in seiner vollen Komplexität transparent. Für Lehre und Forschung bietet es ein wichtiges Fundament, nicht nur weil viele Beiträge die neuesten Forschungsergebnisse bündeln, sondern auch weil es zugleich als Impulsgeber fungieren kann, um neue Fragestellungen zur Rezeption, zu interkulturellen Kontexten und zum Bereich der Gedächtnis-/Erinnerungskulturen zu erschließen. Es erfüllt alle Ansprüche an ein modernes Autorenhandbuch: wissenschaftlich solide, aktuell, multiperspektivisch und sowohl für Spezialisten als auch für Einsteiger nützlich. Der hohe Preis und gelegentliche Unterschiede in der Tiefe einzelner Beiträge stellen gewisse Einschränkungen dar, die jedoch den insgesamt hohen Gebrauchswert nicht schmälern.
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