Destruktion und Archivierung
In ihrem lesenswerten Roman „Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft“ erzählt Fiona Sironic von dem schwierigen Unterfangen, Räume des Privaten zurückzuerobern
Von Anne Amend-Söchting
Was passiert, wenn die niedlichen Babys und Kleinkinder, deren Schreien, Lallen und Sabbern, deren erste Worte und erste Schritte von ihren Momfluencerinnen akribisch auf Instagram oder anderen Social-Media-Channels dokumentiert wurden, so herangewachsen sind, dass sie diesen Content eigenständig rezipieren? Vielleicht ist er ihnen einfach nur peinlich und sie bitten ihre Mütter, das Posten zu unterlassen. Vielleicht aber reagieren sie mit unbändiger Wut und machen sich auf, all ihre digitalen Spuren nachhaltig zu löschen – so wie Maja und ihre jüngere Schwester Merle, die jeden Samstag in den Wald gehen, um dort die alten Festplatten in die Luft zu sprengen, auf denen ihre Mütter das Foto- und Videomaterial zweier veröffentlichter Kindheiten aufbewahren. Auf einem Kanal namens FOAMO, ein Kofferwort, das „die Angst zu verpassen mit dem Schaum“ kombiniert (das englische „foam“ (zu deutsch: Schaum), kombiniert mit dem Akronym Fear Of Missing Out), streamen sie ihr Tun. Eine ihrer Zuschauerinnen ist die knapp 16-jährige Era, Ich-Erzählerin des Roman-Erstlings von Fiona Sironic.
Era empfindet von Anfang an einen „Crush“, ein „Begehren“, für Maja, sodass sie ihr Kinderzimmer verlässt und versucht, die beiden Schwestern ganz analog im Wald zu beobachten – was sich als nicht allzu einfach herausstellt, weil das Tun der Mädchen illegal ist und sie ihre Zünd- und Sprengplätze wechseln. Schließlich treffen sich Era und die knapp 18-jährige Maja auf dem Schulhof, sie freunden sich an und verlieben sich ineinander.
Era, die mit ihrer Mutter, einer Wissenschaftlerin, im Wald lebt, beginnt, an den Aktivitäten der Schwestern zu partizipieren. Sie hilft ihnen, ihre Spuren zu verwischen und neue „magische“ Orte zu finden, um Sachen in die Luft zu jagen. Außerdem lernt sie Majas und Merles Mütter Alice und Emily kennen, die als Momfluencerinnen A & E große Berühmtheit erlangt haben, in einer prunkvollen Villa residieren und ihrer großen Fangemeinde nach wie vor Content liefern.
Während eines Waldbrands, den Löschhubschrauber nicht in den Griff bekommen, wird das Tiny House von Era und ihrer Mutter zerstört. Zu dieser Zeit verschwindet Maja. Nachdem sie Monate später wieder aufgetaucht ist, zieht sie mit Era in eine gemeinsame Wohnung, so dass diese das Gewächshaus, in dem sie nach dem Brand mit ihrer Mutter untergekommen ist, verlassen kann. Maja entwickelt mehr und mehr Freude am Kaputtmachen. Obwohl sie und Merle FOAMO aufgegeben haben, interessieren sich viele Mädchen für das Archiv des Channels. Sie beginnen, überall Sachen in die Luft zu jagen und die Stadt zu erobern.
Als Era entdeckt, dass Maja für den großen Waldbrand verantwortlich ist, kehrt sie zu ihrer Mutter und ihrer Tante, Schwester der Mutter, zurück. Maja intensiviert ihre Sprengungen im Bewusstsein, dass die Zerstörung von Archiven nicht ausreicht.
Fiona Sironics Roman stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2025. Zu Recht, denn Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft ist ein „Befreiungsschlag“, mit dem man, so wie die Jurysprecherin Laura de Weck für alle Titel auf der Shortlist behauptet, „in psychologische, gesellschaftliche und politische Abgründe“ blicke (22.10.2025).
Neben dem psychologischen Abgrund ist es bei Sironic in erster Linie ein ökologischer. Für den Text insgesamt würde das Etikett Dystopie zu kurz greifen, zumal Bemerkungen über die staatliche Organisation im Allusiven bleiben. Mit den Szenarien der Ödnis, die Sironic modelliert, offenbart sich eine prononcierte Klima-Dystopie. Zwar ist der Roman in einer Zukunft angesiedelt, die nur wenige Jahre von unserer entfernt ist, dennoch ist das Setting u-chronisch und u-topisch beziehungsweise dys-topisch. Die Orte sind nahezu märchenhaft vage konturiert, nur als Stadt und Wald deklariert. Vor allem die Stadtbewohner:innen müssen sich mit wenig Wohnraum zufriedengeben, weil Fluten oder Brände Großteile der Landschaft zerstört haben. Oft können sich Menschen kaum zurückziehen, noch nicht einmal ihren rein geometrischen privaten Raum beanspruchen. Wegen der Hitze fallen manche, wie etwa einige Jahre zuvor Eras Großvater, tot um, Atemschutzmasken sind wegen der Schadstoffbelastung an der Tagesordnung. „Die Schattierungen/ Die Lichtverhältnisse haben sich verändert. Die Atmo: Die Sonne ist ein fetter roter Ball, die Luft verdünnter Rauch“. Und: „Die Kessellage“ der Stadt „und die umliegenden Waldbrände führen dazu, dass die Luft dick wird“.
Der einzige Hinweis auf ein wahrscheinlich totalitäres Regime ist die manchmal kursorisch dahingeworfene Differenzierung in „Internet vor den Konzernen“ und danach. Im Internet danach haben sich die Channels multipliziert. In einer vollends durchdigitalisierten Gesellschaft laufen Streams von morgens bis abends und es bedarf großer Anstrengungen, Privates zu bewahren oder gar anonym zu bleiben. Indem sie das Konkurrenzverhältnis zwischen dem Bemühen, die Privatsphäre erhalten zu wollen und der Schwerkraft der Öffentlichkeit darstellt, treibt Sironic eine bereits sehr aktuelle Problematik zum Paroxysmus. Zur Sprache kommt dabei unter anderem auch eine inflationäre Achtsamkeitskultur, dazu dienend, die Aufmerksamkeit, an der es grundsätzlich mangelt, auf Biegen und Brechen durchzusetzen und eine Art Flow herbeizuführen.
Im Spannungsfeld zwischen Privatem und Öffentlichem, Analogem und Digitalem, entwickelt sich Eras und Majas Liebe. Im Text indessen wird nur ein leichtes „Innamorato“ spürbar, die Geschichte der Liebe insgesamt bleibt sekundär, denn vielmehr erweisen sich die beiden Akteurinnen als Symbolfiguren – einerseits für Wut und Destruktion, andererseits für Besonnenheit und Restauration. Maja habe „schon immer geschäumt“, aber ihre Wut habe sich verändert, so konstatiert Era. Am Ende geht Maja dazu über, Eras Videodokumentationsmaterial zu zerschmettern, Eras seit der Kindheit präsenten Archivierungswillen zu attackieren. Er begann mit selbstgeklebten Alben, später kamen Videos hinzu und außergewöhnliche Gegenstände, so etwa ein „Plüsch-T-Rex mit weichem Federkleid“, den ihr die Tante schenkte, und Exponate präparierter Vögel, die der Großvater vor Jahren aus dem Naturkundemuseum mit nach Hause brachte. Eras Tätigkeit als „Hobby-Paläontologin“ konkretisiert sich mit dem Safe, der ihr zum 16. Geburtstag überreicht wird. Ihr Berufswunsch ist „Paläo-Artistin“. Der Habitus des Analogen macht sie genauso zur Außenseiterin wie ihre aus der Zeit gefallene Liebe zu Pokémon-Figuren und insbesondere zu Pikachu. Nach Einschätzung der Tante ist sie kurz davor, zur Soziallegasthenikerin zu mutieren, so wie ihre Mutter. Maja pflege im Gegensatz zu ihr, so Era, „oberflächliche Freund*innenschaften“ und bekomme „simple soziale Interaktionen als Teenager auf die Reihe“. In sozialen Situationen entwickle sie hingegen sehr häufig Bauchkrämpfe und sie spreche sehr schnell, nur Maja könne sie noch verstehen. Ihre Neigung zum Analogen zieht Maja an: Sie beginnt, in eine papierne Kladde Tagebuch zu schreiben und entdeckt das Stricken und Häkeln für sich. Die Mädchen treffen sich in der Beobachtung des Aussterbens und Vergehens – bei Era sind es die Vögel, bei Maja ein Fotoalbum in einem Stream des FOAMO-Zweitkanals, „das von Tag zu Tag, der Witterung ausgesetzt, weiter verlotterte“.
Was darüber hinaus Wut und Besonnenheit vereint, ist zum einen eine generalisierte und diffuse Angst vor dräuenden Klimakatastrophen, zum anderen bei Era die Angst vor ihren Mitmenschen. Bei Maja avanciert die Angst zur Kraft der Wut und zur Furcht, bei ihren Destruktionsexkursionen entdeckt zu werden.
Die Liebe entwickelt sich zunächst als Komplizinnenschaft, dann zu einem progressiven Auseinanderdriften, weil die beiden diametral einander entgegengesetzten Impetus des Zerstörens und Bewahrens nur bedingt kompatibel sind, und sich die Welt mit ihrem Modus Vivendi des Fragmentarisierten und Uneigentlichen, das kaum emotionale Tiefe zulässt, weder für das eine noch das andere eignet. „Heute ist alles fragmentierter. Es ist kaum noch möglich, eine Kanalgröße zu erreichen, die zur Monetarisierung taugt.“ Eine solche Bemerkung beantwortet die Frage nach dem zukünftigen Entwicklungspotenzial des in den 2020er Jahren existierenden, „alten“, Internets. Sironics Kritik zielt auf den real möglichen, im Roman bereits vollzogenen Übergang zum jenseits liegenden, „zersprengten“, Netz und die Folgen dieser Phase:
Erst waren es emotionale Zusammenbrüche, Depressionen, Burn-out, Panikattacken, alles hing irgendwie zusammen, eine Diagnose, die zusammengefasst wird als Contentbedingtes Stress-Syndrom, ähnlich präzise wie seinerzeit die Hysterie, nur dass kein hanebüchen wanderndes Organ in Sicht war.
Solche Krisen hätten A & E nicht betroffen, von ihnen habe es keine „Mental-Illness-Confession-Videos“ gegeben. Obwohl die „Vermarktbarkeit der Achtsamkeitsrituale damals“ stark zugenommen habe, herrschte ein Mangel an „psychotherapeutischer Hilfe durch eine Person, deren Ausbildung umfangreicher“ war „als ihr Social-Media-Background“. Diese Diagnose stellt Eras Mutter, die wissenschaftsbasiert im „Archiv des vergessenen Internets“ surft.
Fast alle Figuren in Sironics Roman sind weiblich zu lesen. Ausnahmen bilden allein der Großvater und Miri, der Freund der Tante. Beide agieren nicht, von ihnen wird nur erzählt. Leider lassen die Akteur:innen im Umfeld der Protagonistinnen Maja und Era weitestgehend Elaboration, Plastizität und damit Individualität vermissen. Auch sie sind Trägerinnen von Botschaften: Merle, ein Name, der eventuell vom französischen „le merle“, „die Amsel“, abgeleitet ist, macht die Trägerin des Namens zur Botin: am Ende des Romans informiert sie Era über das, was mit Maja geschehen ist.
Alice und Emily, die Repräsentantinnen schlechthin der Mom-Influencerinnenkultur, führen eine gleichgeschlechtliche, dennoch eine sehr traditionelle Beziehung mit hierarchischen Strukturen. Sie illustrieren, wie man mit Channels des „alten Internets“ zu Reichtum gelangen konnte. Im konzerngesteuerten Internet können sie sich lange behaupten, lassen sich nicht vereinnahmen, was zu ihrem „USP“ avanciert. Sie wollen „nicht ortbar“ sein, keinerlei Starkult Vorschub leisten und sie vermeiden es, Besuch zu bekommen, weil sie schlechte Erfahrungen mit einem früheren Fantreffen gemacht haben –
am Ende mussten zwei Rettungswagen und ein Polizeimannschaftswagen kommen, um die Massen kreischender Jugendlicher sicher vom Platz zu befördern/ die Übrigen medizinisch zu versorgen und v. a. die Stars unbeschadet zurück zu ihren jeweiligen Wohnsitzen zu führen.
Dem Mütterpaar diametral entgegengesetzt ist Eras nerdige und soziophobe Mutter, die für ihre wissenschaftliche Tätigkeit einen Lohn an der Armutsgrenze erhält. Sie hasst öffentliche Räume und benötigt ihre Privatsphäre, um zu forschen. Eras Tante bildet einen Gegenpol zur Mutter: Sie war zu früheren Zeiten in Widerstandsbewegungen aktiv. Als Klimakleberin fixierte sie sich dereinst am Fuß eines Dinos im städtischen Naturkundemuseum; heutzutage bewege sie sich „andauernd von A nach B, um irgendwann weniger Angst zu haben“. Die Tante steht für den Aufbruch in ein eventuell postdigitales Zeitalter, eine Welt, in der einstmals natürliche Pflanzen allein in Gewächshäusern rekultiviert werden können. Es gehe dabei „ums potenzielle Sich-selbst-versorgen-Können“, nicht ums „vorauseilende Aussteigen“.
Das Procedere aller Autor:innen der Shortlist sei, nun noch einmal Laura de Wreck, „hochliterarisch“. Über die Treffsicherheit dieses Adjektivs könnte man streiten, doch festzustellen ist, dass Sironic mit der Form ihres Texts auf erfrischende Weise experimentiert. Der Roman beginnt mit dem rückblickenden Kapitel, oder besser, Teil 5, das mehr als die Hälfte der Textmenge umfasst. Es folgen vier Teile bis zur Ebene 0 – Gegenwart –, ergänzt von zwei weiteren Kapiteln. Die Subkapitel sind zumeist mit Namen der ausgestorbenen oder bedrohten Arten überschrieben, während die Großkapitel unter Begriffen für Jahreszeiten firmieren.
Sironic erzählt konsequent im Präsens, ein Signum für die Unvermitteltheit des Erlebens der Protagonistin. Des epischen Präteritums bedient sie sich nur dann, wenn Rückblicke auf weit Entferntes, die frühere Kindheit etwa, eine Rolle spielen. Dazu angetan, Leser:innen zu verwirren, ist die gehäufte Vielfalt der Arten, sich äußernd in einer hochgradig markanten analogen Fragmentierung im ersten Großkapitel/Teil, das/ der in 17 kurzen Subkapiteln einen Fächer von „Turteltauben“ und „Tyrannosaurus“ über „Phönix I“, „Pokémon“, „Phönix II“, „Haushuhn (nicht bedroht)“ über „Vogelstrauß“ hin zum „Kakapo“ spannt. Um darin einen roten Faden zu entdecken, bedürfte es einer profunderen Analyse. Aber vielleicht ist der rote Faden gerade in seiner Absenz begründet. Klar ist, dass alles Akkumulative die fragmentarisierte Gesellschaft perfekt spiegelt.
Mit einer Sprache, die zumindest tendenziell parataktisch und bilderarm ist und sich aus passenden Wiederholungsstrukturen nährt, sowie mit dem homodiegetischen Erzählen in der Ich-Form lässt Sironic eine Protagonistin erstehen, die sich behaupten kann und weiß, wovon sie spricht. Wenn Eras primäres Sujet, die Paläontologie, fokussiert wird, driften manche Sätze, vorwiegend auf den circa ersten 20 bis 30 Seiten, in Richtung Expositorisches, was die meisten Leser:innen als bereichernd empfinden dürften. Ästhetischen Gewinn bringt aber in jedem Fall, dass Sironic von Anfang bis Ende demonstrieren kann, dass Gendermarkierungen auch in Fiktionen funktionieren, wenn man sie wohlüberlegt dosiert.
Der Slash ist ein Interpunktionsphänomen, das kaum in fiktionalen Texten zu finden ist. Ihn ab und an heranzuziehen und mit ihm, passend zur Non-Binarität, manchmal zwei, manchmal mehrere Optionen hintereinander zu listen, ist innovativ. Gleichzeitig transportiert das Zeichen die Tendenz, sich nicht entscheiden zu können, schon allein linguistisch vor den Alternativen zu versagen, weil man mit mehr als zwei Optionen zurechtkommen muss. In der Qual der Wahl beziehungsweise der Qual der Wahlmöglichkeiten schlummert erneut das Potenzial der Non-Binarität, so dass sich in letzter Konsequenz eine Metaebene erhebt, auf der sich – so lässt sich vermuten – eines der Hauptanliegen des Romans verdeutlicht: eine Gesellschaft mit unüberschaubaren Optionen ist polyvalent und in diesem Sinne sowohl hochattraktiv als auch extrem gefährlich. Der Gefahr der Parzellierung und Zersplitterung kann jedes Individuum nur dann entgehen, wenn es ihm:ihr gelingt, seinen:ihren individuellen Weg zu finden und sich vom Unsteten, einem der Fragmentarisierung immanenten ADHS-Modus, einem hyper-artigen Mal-hier-mal-dort-Sein verabschiedet.
Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft – dieser Titel, in den ersten Subkapiteln des Romans leitmotivischen Charakter annehmend, führt die Idee eines radikalen Reset mit sich, die Idee, eine Tabula rasa zu machen beziehungsweise eher ein leeres Tablet herbeizuzaubern. Aber in Anbetracht der Daten-Giga-Centern gilt der Spruch, dass das Internet nichts vergisst und man sich nur bedingt dem medialen „Objektwerden“ und „Projektionsflächesein“ entziehen kann – selbst dann nicht, wenn man sich dafür entscheidet, radikal im Abseits digitaler Technik zu kommunizieren.
Was von Sironics schönem langen Titel nachhaltig in Erinnerung bleibt, ist die Suche einer Jugendlichen, Maja, nach ihrem „private“ und auch „safe space“, das verzweifelte Unternehmen, sich Privates paradoxerweise mit äußerst öffentlichkeitswirksamen Aktionen zurückerobern zu wollen. In gleichem Maße bietet die Autorin kultur-evolutionäre Betrachtungen, die etwas nachgeschärft werden könnten. Doch das leichte Manko wird mit dem im Wortsinn explosiven Wumms der thematisierten Sprengaktionen mehr als kompensiert.
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