Ein Vademecum durchs „Bauhaus“ der Zeiten

Alexander Kluge stellt einen neuartigen Bilderatlas vor

Von Ulrich KlappsteinRSS-Newsfeed neuer Artikel von Ulrich Klappstein

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Anlässlich einer Ausstellung unter der Überschrift „Wer auch immer siegt, stürzt ab“, die im Spätsommer 2025 in der Neuen Sächsischen Galerie Chemnitz stattfand, präsentierte Alexander Kluge Filme, Texte und KI-gesteuerte Bildüberarbeitungen zum Thema Krieg, das ihn seit Jahrzehnten in vielen seiner Publikationen beschäftigt hat; schon in seinem 1964 erschienenen Buch Schlachtbeschreibung hatte er einen neuen, multiperspektivischen Blick auf das Kriegsgeschehen in der Schlacht bei Stalingrad geworfen.

Nun hat Kluge im Suhrkamp Verlag einen »Bilderatlas« veröffentlicht, der Bilder, Texte und Reflexionen zum Thema Krieg umfasst – im Spiegel von Geschichte und unmittelbarer Gegenwart und ausgelöst von den Verwüstungen des andauernden Kriegs in Nahost. Kluge ergänzt seine Text/Bild-Sammlung durch Aufnahmen einer »virtuellen Kamera«, die Bilder und Filme mit Hilfe von künstlicher Intelligenz generieren kann. Dies gestattet ihm eine Öffnung der Perspektiven, so zoomt sich der Filmemacher Kluge an kleinste Details heran oder zieht das Kameraauge bis in kosmische Dimensionen auf.

Der Bilderatlas besteht aus 16 Kapiteln, die der Autor im einleitenden Abschnitt mit dem Gang durch ein imaginäres und erweitertes „BAUHAUS“ vergleicht. Er präsentiert es als die Summe seiner früheren Projekte. Aus der Fülle seiner Arbeiten seien hier nur zwei stellvertretend aufgeführt: die „gemeinsame Philosophie in zwei Bänden“ Öffentlichkeit und Erfahrung und Geschichte und Eigensinn, die er zusammen mit dem Soziologen Oskar Negt) vorgelegt hat oder seine Chronik der Gefühle, einer Zusammenstellung von „Basisgeschichten“ und „Lebensläufen“. Kennzeichen seines neuen Projekts ist laut Kluge, dass sie Perspektiven bündelt, welche über die „Arbeitskraft einzelner Autorinnen und Autoren“ und die „Kapazitäten unserer beschädigten Öffentlichkeit“ hinausgehen. Die Neuerrichtung eines „Bauhauses“ gleicht damit einer Großbaustelle, die „(1) Gegenöffentlichkeit, (2) Gegenerzählung, (3) Gegenpraxis, (4) Anti-Kriegs-Produktion“ umfasst.

Wie sein großes Vorbild, der Kunsthistoriker und Kulturwissenschaftler Aby Moritz Warburg (1866–1929), der nach dem ersten Weltkrieg an seinem Großprojekt „Bilderatlas Mnemosyne“ gearbeitet hatte – von 1924 bis 1929 stellte er für seine Vorträge und die sie begleitenden Ausstellungen knapp eintausend Bilder auf mehr als 60 Tafeln zusammen – möchte auch Kluge einen Wissensspeicher der modernen Konflikt- und Erfahrungsgeschichte zu Verfügung stellen.

Kluge hat diese Idee nun in seinem Buch zu einem Ausstellungskatalog kombiniert und wie in einem herkömmlichen Atlas politische, geographische, historische und kulturgeschichtliche „Karten“ gesammelt und zu einem multiperspektivischen System zusammengefügt.

Der »Gang« durch dieses mediale Gebäude beginnt mit der »Beschreibung einer Einzelheit«, einer Fläche von sechzehn Quadratmetern, die ein zertrümmertes Gelände in Gaza-Ost darstellt. Aus den einstigen Wohn- und Nutzgebäuden (der „Materie“) ist in Folge der Kriegseinwirkungen eine leblose, hermetische und extrem zerkleinerte „Substanz“ von Sandkörnern geworden. Vergleichbar ist dies mit dem Prozess, in dem ein „Sandhaufen“ durch die Gesetze der Entropie in eine Fläche von »extrem zerkleinerten« und nun flächenmäßig verteilten „Sandkörnern“ verwandelt wird. Nur dass es sich bei diesem durchaus provokativen Vergleich Kluges nicht um primär physikalisch beschreibbare Prozesse handelt, sondern um manifeste Ergebnisse geopolitisch-militärischer Eingriffe des Menschen und von Staaten, und das in weltgeschichtlichem Maßstab von den atavistischen Vorbildern in der Antike bis in die medial vermittelten Vorgänge in den aktuellen Nachrichtensendungen der Gegenwart. Kluge beschreibt diese „Großperspektive“ in zumeist kurzen begleitenden Texten oder in das Bildmaterial eingeschobene Gesprächsprotokolle, wie das Zweiergespräch mit dem spanischen Maler und Bildhauer Miquel Barceló Artigues  über Diego Velázquez’ Gemälde Die Übergabe von Breda; daneben gibt es eingestreute historische Rückgriffe, zum Beispiel über Hannibals Kriegselefanten, über die Ergebnisse des „Westfälischen Friedens“ von 1688, technische Darstellungen von »Kriegsmaschinen« und Kriegsgeräten (wie dem »Zeppelin«, dem Maschinengewehr, Typen von U-Booten) oder Seitenstücke über den Einsatz von Pferden und Elefanten in ältesten und neueren Kriegen. Bebildert wird der Atlas jeweils durch Beispiele aus der Kriegs-Photographie, häufig auch durch Abbildungen von Kunstwerken oder durch seine eigenen „Bildkommentare“ in Form von KI-generierten Fotografien.
Zu jedem Kapitel gibt es QR-Codes mit Links, die die Leserinnen und Leser zu Filmschnipseln aus dem Fundus von dctp.tv, Kluges kulturkritischem Fernsehkanal, führen.

Flankiert wird die im Buch durchschrittene „Zeit“-Schiene der Darstellung von Kriegsgräueln der Geschichte und Gegenwart durch „eingestreute“ Auszüge aus einer „Sandfibel“, die den Weg durch sein „Bauhaus“ markieren: dabei beschreitet Kluge überraschende Nebenpfade (Auszüge aus Grimms Wörterbuch zum Lemma „Sandkorn“), präsentiert Informationen aus der Werbung eines Familienunternehmens vom Niederrhein, das auf seinen Internetseiten über hochwertige Naturbaustoffe informiert und kombiniert diese sachlichen Baustoffbeschreibungen mit den Forschungsergebnissen des US-amerikanischen Geologen Jeremy van Geldern über die „Zustände“ von Sand.

Nach dem Durchschreiten der vielen Nischen auf dem Rundgang durch das Gebäude seines imaginären Bauhauses zieht Kluge eine einfache, gleichwohl frappierende Bilanz: Wenn man sich verschreibt oder die Buchstaben willkürlich vertauscht, kommt man von Martin Heideggers Hauptwerk Sein und Zeit auch auf Kluges Buchtitel: Sand und Zeit. Wenn sich der Verlag, passend zum Konzept eines ›Bilderatlasses‹, auf ein größeres und angemesseneres Format verstanden hätte – statt des für die Bildbeigaben wenig Platz bietenden Kleinformats für Taschen– oder Sachbücher! –, wäre es ein rundherum empfehlenswertes Buch.

Titelbild

Alexander Kluge: Sand und Zeit. Bilderatlas.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2025.
168 Seiten, 25,00 EUR.
ISBN-13: 9783518432495

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