Über Isolation, innerlinke Konflikte und die ganz persönlichen Zerwürfnisse unserer Gegenwart

In ihrem Debütroman „Alles ganz schlimm“ erzählt Julia Pustet aus dem Leben einer jungen Frau zwischen queerfeministischen Bingo-Abenden, linken Ortsgruppen und der Psychiatrie

Von Mila MantajRSS-Newsfeed neuer Artikel von Mila Mantaj

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Mit ihrem ersten Roman legt Pustet die tragisch-komische Geschichte der Mittdreißigerin Susanne vor, in deren Leben „einfach alles immer ganz schlimm [ist], und [sie hat] nichts damit zu tun.“ Als Susannes ehemalige Freundin Stella ihren autobiographischen Essay Die Bar Paris stiehlt und als  eigenen veröffentlicht – Susanne verarbeitet hier ihre Erfahrungen als Sexarbeiterin – geraten ihre Beziehungen und ihr Leben zusehends aus den Fugen. Was darauf folgt, ist ein Eklat sondergleichen, denn plötzlich ist es Susanne, die der Lüge und des Stehlens bezichtigt wird; ihre vermeintlichen Freund*innen verweigern ihr klärende Gespräche und konfrontieren sie stattdessen anhaltend „mit diffusen Vorwürfen.“

Vor ihrem ersten Romandebüt hat Julia Pustet bereits als freie Journalistin zahlreiche Artikel veröffentlicht, unter anderem im Kaput-Magazin oder der jungle.world. Sie ist darüber hinaus vor allem durch ihre Arbeit in den sozialen Medien bekannt, Pustet schreibt dort über die linke Szene, Feminismus und (linken) Antisemitismus. Nicht zuletzt aufgrund dieser Themenwahl ist Pustet wiederkehrend medialen Hetzkampagnen ausgesetzt, man könnte wohl treffender auch von Mobbing sprechen, und thematisiert in ihrem Roman entsprechend auch diejenigen Mechanismen, die die gegenwärtige (digitale) Diskursstruktur maßgeblich mitprägen.

Aber es geht in Alles ganz schlimm eben nicht nur um schwierige Freundschaften und wechselnde Liebesbeziehungen, Susannes angespanntes Verhältnis zu ihrer Familie oder die Erfahrung in der Prostitution. Mit Hilfe dieser Sujets verhandelt Pustet vielmehr innerlinke Diskurse und thematisiert damit auch gegenwärtigen Grabenkämpfe über feministische Positionierungen, Solidarität, Deutungshoheit, Privilegien und das Aushalten von Ambivalenzen. Es verwundert also nicht, dass in Pustets Romandebüt die linke Szene – denn diese Positionierung ist für Susanne und ihre Freund*innen sowie die geführten Diskussionen essenziell – grotesk überzeichnet, ja fast karikiert wirkt. Beispielhaft dafür steht das Telefonat zwischen Susanne und Trixi während Susannes Klinikaufenthalt, bei dem die zentralen Themen von Verleumdung, Verantwortung und Isolation sich durch Trixis bemüht empathische Äußerungen zu einer Persiflage über die linke Diskussionskultur verdichten:

Du weißt, es gibt auch aus materialistisch-feministischer Perspektive gut begründete Ansätze, Definitionsmacht zu kritisieren, und natürlich habe ich dir nie deine eigenen Empfindungen abgesprochen, aber erstens ist dieser Begriff von Täterschaft ein wenig eindimensional, […] jeder Mensch kommt ja auch mit einer eigenen Biographie voller Brüche und Vielschichtigkeit daher […] und trotzdem würde ich dir da nie das Gespräch verweigern.

Pustets Roman ist ein eklektisches Zusammenspiel der Textformen; der Prolog und die eigentliche fünfteilige Romanhandlung sowie Epilog werden durch Briefe an Susannes verstorbenen Freund Oskar, den autobiographischen Essay und einen Statementpost auf Instagram zu ebenjenem Essay ergänzt. Dabei wird die Handlung nicht chronologisch entfaltet, sondern immer wieder durch Zeitsprünge aufgebrochen, sodass sich eine gewisse Desorientierung während der Lektüre einstellt, die die Verunsicherung und Isolation der Protagonistin spiegelt. Durch die metafiktionale Thematisierung des Schreibens entwickelt der Text eine poetologische Dimension: Susanne schreibt „um der Gerechtigkeit willen.“ Das Schreiben ermöglicht ihr einen Zugang zu sich und einen Umgang mit ihren Gefühlen und der Welt. So gab es „kein Gefühl, dem [Susanne] nicht mit einem Argument hätte begegnen können, keinen Konflikt, den [sie] nicht in der Sprache ebnen, keine diffusen und dunklen Ängste, die [sie] nicht im Licht [ihrer] Worte entzaubern konnte. Der Schmerz war eine fliehende Gestalt, der [sie] in großen Sätzen nachstellte.“ Dabei bewegt sich ihr Schreiben immer im Spannungsfeld zwischen Fiktion und Wahrheit. Auch ihr Text über die Prostitution entsteht in diesem Spannungsverhältnis, so macht sie „mal eine kleine Inventur [über ihre Zeit als Prostituierte], sonst ist am Ende alles weg und [sie] muss irgendwas erfinden.“ Dementsprechend werden bei der Lektüre die unterschiedlichsten Fragen aufgeworfen: Wem gehört eine Geschichte? Wer darf aus welcher Position heraus über sensible Themen und Erfahrungen schreiben? Welches Leid ist groß genug, um davon zu erzählen? Gleichzeitig verhandelt Pustet in ihrem Debüt die Frage nach Authentizität, die nicht selten bedingt durch gesellschaftliche, voyeuristische Erwartungen an vermeintlich ‚authentische‘ Leidensgeschichten eine über den Roman hinausgehende Rolle einnimmt.

Dass Julia Pustets Schreibstil hochkomplex ist, zeigt sich nicht nur formal in den verschachtelten Satzgefügen und langen Beschreibungen der Umgebung und von Susannes Erleben. Denn bereits die dem Text vorangestellten Epigraphen, die aus Goethes West-östlicher Divan und Horkheimer/Adornos Dialektik der Aufklärung zitieren, rahmen die Romanhandlung auf philosophischer und literaturästhetischer Ebene. Zwei zusätzliche Zitate, die den Roman in die Sphäre linker (Online-)Kultur einbetten, erweitern das Koordinatensystem, in dem die Autorin ihren Text verortet wissen will. Auch die Tatsache, dass der Roman sich einer chronologischen Erzählweise entzieht und immer wieder auf Leerstellen in der Handlung verweist, sowie der Umstand, dass lediglich aus Susannes Perspektive berichtet wird, führen dazu, dass die Leserin das Erzählte anhaltend prüfen und  selbstständig zusammenführen muss.

Alles ganz schlimm ist nicht nur eine Erzählung über konflikthafte Freundschaften und Beziehungen, sondern entfaltet darüber hinaus eine komplexe Auseinandersetzung mit Sprache, Wahrheit und Erleben. Pustets Schreiben bewegt sich stetig im Spannungsfeld zwischen Fiktion und  Wahrheit und entwickelt so eine eigene poetologische Dimension. In dieser Spannung spiegelt sich auch das vorangestellte Zitat Adornos/Horkheimers: „Die List ist nichts anderes als die subjektive Entfaltung solcher Unwahrheit des Opfers, das sie ablöst. Vielleicht ist jene Unwahrheit nicht stets nur Unwahrheit gewesen.“ Es ist Susannes Erzählen, das zur List wird, denn es ist ihre Strategie der Selbstbehauptung in einer Umwelt, die ihre Geschichte nach den eigenen Vorstellungen  umformt und ihr anschließend das Gespräch verweigert. Susannes Schreiben wird so zu einem Akt der Selbsterhaltung, zu dem Versuch, sich selbst und der eigenen Wahrheit zu glauben und den Ansprüchen ihrer Umgebung gerecht zu werden. Die dabei entstehende Desorientierung ist nicht als Mangel zu verstehen, sondern als Teil einer bewussten ästhetischen Strategie: Sie zwingt die Leser*innen, die Fragen nach Autorschaft, Verantwortung und Ambivalenz mitzudenken und die Uneindeutigkeit des Erzählens bewusst anzunehmen.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Julia Pustet: Alles ganz schlimm. Roman.
Haymon Verlag, Innsbruck 2025.
360 Seiten, 25,90 EUR.
ISBN-13: 9783709982563

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch