Vom Aufgeben, Scheitern und Neu-Anfangen
In „Der Schlaf der Anderen“ schildert Tamar Noort eine kleine Rebellion
Von Anna Jüttner
Janis und Sina finden in einer skurrilen Nacht zusammen und sind danach auf eine sonderbare Weise verbunden. Der Roman Der Schlaf der Anderen (2025) entfaltet eine große Spannbreite an Themen, die angeschnitten, aber nicht tiefer behandelt werden.
Tamar Noorts Roman behandelt den Wach-Schlaf-Rhythmus zweier unterschiedlicher Frauen. Es ist der zweite Roman der Autorin, die mit einem Auszug aus ihrem Debüt Die Ewigkeit ist ein guter Ort (2022) 2019 den Hamburger Literaturpreis gewann. Die beiden Protagonistinnen stellen sich den Hürden des Lebens wie einer komplizierten Beziehung zur Mutter, dem sozialen Umfeld und der mangelnden Unterstützung in ausgesprochen schwierigen Zeiten. Bis sie eines Nachts aufeinandertreffen und die eine über die andere wacht.
In der Nacht, die bedeutend ist für die Geschichte, kommt Sina in das Schlaflabor, in dem Janis als Nachtwache arbeitet. Denn Sina schläft nicht und ihre akute Schlaflosigkeit zieht sich als zentrales Motiv durch den Roman. Auch Janis Schlaflosigkeit wird hier thematisiert, denn sie schläft dann, wenn andere wach sind, beobachtet den Schlaf der anderen, während sie arbeitet und ist dadurch ausgesprochen distanziert von den Menschen und der Gesellschaft um sie herum. In dieser Nacht schläft Sina wieder nicht und letztendlich verlassen die beiden Frauen das Schlaflabor in die Nacht, die ihre Leben verändern soll.
Motivisch ist der Roman stark aufgestellt. Das Motiv der Schlaflosigkeit und des grünen Sofas sowie das Thema der Mutter-Tochter-Beziehung beider Protagonistinnen ziehen sich durch den gesamten Roman, werden geschickt eingeflochten und fordern LeserInnen immer wieder zu eigener Reflexion auf. So müssen wir uns beispielsweise anhand des Sofas die Fragen stellen, was Kunst ist, kann und darf und wie die Kunstvermittlung in der Schule aussehen kann, darf und soll. Die Beziehungen zu den Müttern lassen Ähnlichkeiten zwischen den Protagonistinnen vermuten und sie menschlich und verletzlich wirken. Sie haben beide verständliche Probleme. Die Probleme, mit denen sich Janis und Sina konfrontiert sehen, wirken glaubhaft und realistisch. Das wird daran deutlich, dass die Protagonistinnen nicht in ihnen versinken, keine dramatischen Zusammenbrüche erleben, sondern Herausforderungen nüchtern begegnen, sich ihrer annehmen und sie zu lösen versuchen. Besonders berührend ist das Motiv der unerfüllten Träume, mit denen Sina zu kämpfen hat. Der Umgang mit diesem Motiv hinterlässt Hoffnung und den Eindruck, dass alles zu schaffen ist, auch wenn der nötige Mut manchmal durch einen Anstoß von außen kommen muss.
Noorts Sprache ist poetisch und gibt dem Roman einen ganz eigenen Klang. Fragen wie „,Und du? Was verschweigst du deiner Mutter bis heute?’“ oder Janis Gedanke „Mein Leben eignet sich einfach besser, für mich gelebt zu werden“ verdeutlichen den poetischen und suchenden Charakter der Stimmen der beiden Frauen, die in diesem Roman zu Wort kommen. Diese suchenden und atmosphärischen Stimmen erzählen hoffnungsvoll von Themen, die belasten und verletzen. Das drückt die zuvor angesprochene Hoffnung aus.
Der Aufbau des Romans ist spannend. Der Roman ist unterteilt in die drei übergeordneten Abschnitte „Nacht“, „Sina und Janis“ und „Tag“. In jedem Abschnitt wird anders erzählt und mit den Erzählsituationen gespielt. Mal gibt es nur den personalen Erzähler, manchmal wechselt er sich mit einem Ich-Erzähler ab und so entsteht ein Spiel aus Nähe und Distanz. Je nach Erzählsituation wirkt die eine Protagonistin näher als die andere, die allerdings niemals völlig distanziert ist. Das wird besonders deutlich in Passagen wie:
Etwas an Sina gibt ihr das Gefühl, sie dürfe diese Grenze überschreiten. Vielleicht das Weinen eben, oder ihr eigener kurzer Zwischenschlaf vorhin. Sina hat sie schlafen sehen und sie wird Sina schlafen sehen. Sie teilen eine Nacht. […] Sina nestelt an den Elektroden, legt sie zurecht. Als könne sie Ordnung bringen in das Chaos […].
Hier wird aus der Perspektive von Janis erzählt, aber Sina wirkt trotzdem greifbar. Der Fokus liegt auf Janis’ Innenleben, ihren Gedanken und Gefühlen und trotzdem erfahren die LeserInnen etwas über Sina, ohne den Fokus auf Janis zu verlieren. Beide Protagonistinnen werden anhand ihrer Lebenssituationen, Träume, Pläne und Hoffnungen vorgestellt und auf ihrer Reise zur Befreiung begleitet. So lernt man auf der einen Seite Sinas Familie, ihre Eheprobleme und ihre Wünsche nach Selbstbestimmung und Befreiung kennen und auf der anderen Seite Janis’ Berufsrealitäten und ihre Orientierungslosigkeit im Leben. Eine gewisse Spannung bleibt bis zum Schluss bestehen, da perspektivisch uneindeutige Passagen mit Vorausdeutungen in die Erzählung eingebaut werden, die erst zum Ende und beim Beenden der Lektüre eindeutig zugeordnet werden können. Diese eindeutige Zuordnung wird erst zum Ende möglich, da rückblickend die Erzählperspektiven erkennbar werden. Das Spiel mit der Perspektive, aus der erzählt wird, erzeugt ein aufmerksames Lesen und eine Suche nach Hinweisen, was es damit auf sich hat. Der Reiz zu wissen, wer diese klugen Sätze formuliert, ist groß und gibt dem Roman ein gewisses Extra.
Die Themenvielfalt, die der Roman anbietet, entwickelt sich letztlich zu seiner Schwäche: So beschäftigen Janis beispielsweise die Suche nach ihrem Platz in der Gesellschaft, die Beziehung zu Menschen und ihrer Mutter, eine sich entwickelnde Affäre mit einem Mann, die Nachbarin, die sich ihr plötzlich annähert und ihr ehemaliger Arbeitskollege, mit dem es noch einige ungeklärte Probleme gibt. Und auch Sina hadert in ihrer Ehe, in der sie sich oft unsichtbar fühlt. Ihre Mutter und ihr soziales Umfeld, das sie nicht unterstützt, und die Kunst, die sie nie richtig verfolgen konnte, belasten die Protagonistin sehr. Die Themendichte wirkt zunächst einladend und Noort baut viele gute Ideen in ihren Roman ein, scheitert aber an der Zusammenführung der einzelnen Handlungsstränge. Die Themen und Probleme werden benannt, die Protagonistinnen zeigen Ansätze, um sie zu lösen, aber es bleiben viele Dinge offen und ungeklärt. Lösungen bestehen beispielsweise in Sinas kleiner Rebellion in der Schule und in der Reise zu einem von ihr gemalten Bild. Es gibt durchaus eine Entwicklung der Protagonistinnen, aber eine Themenreduktion hätte diese Entwicklung deutlicher und stärker erkennbar werden lassen. Es bleiben bedeutende Aspekte besonders auf Seiten Janis’ ungeklärt. So wird nicht klar, wie sich ihre Jobsuche entwickelt, und der Konflikt mit ihrem ehemaligen Arbeitskollegen bleibt offen. Letztendlich wird auch die Beziehung zwischen Janis und Sina nicht weiter definiert, dabei scheint dieser Roman den Anspruch zu erheben, eine Freundinnenschaft zwischen den beiden Frauen zu porträtieren – aber wie, wenn die Beziehung zwischen ihnen nie endgültig geklärt wird? Hier gilt die Floskel „Weniger ist mehr.“.
Der Schlaf der Anderen ist ein inhaltlich hoffnungsvoller und formal kluger Roman, der von einer besonderen Beziehung zwischen zwei Frauen handelt. Das hoffnungsvolle und warme Gefühl bleibt auch nach dem Lesen bestehen.
Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen
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