Verharren im Mikrokosmos

In ihrem zweiten Roman „Die Sprache meines Bruders“ erzählt Gesa Olkusz die Geschichte entfremdeter Brüder

Von Michael FasselRSS-Newsfeed neuer Artikel von Michael Fassel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Kasimir beobachtet schweigend seinen Bruder Parker bei seinem Aufbruch – ein womöglich letzter Aufbruch aus einem bislang gemeinsamen Leben. So die Ausgangssituation in Gesa Olkusz’ neuem Roman Die Sprache meines Bruders, der zehn Jahre nach ihrem Debüt erscheint und für die Longlist des Deutschen Buchpreises 2025 nominiert worden war. Die Schriftstellerin erzählt von der Suche nach Identität, von Kommunikationslosigkeit und dem Zurechtfinden einer Familie in einem fernen Land. Der Fokus ist auch durch die Perspektivwechsel klar auf die Brüder Kasimir und Parker gerichtet. Die Brüder, so erfahren wir aus den Erinnerungsfragmenten der beiden, kamen als Kinder aus Polen in die USA. Die Kinder sollen es einmal besser haben, denkt die Mutter. In ihrer Idealvorstellung werden sie den amerikanischen Traum erleben. Doch kaum in dem neuen Haus angekommen, verfällt die Mutter in Lethargie, zieht sich in ihr Zimmer zurück, wo Parker ihr von den Nachbarn, Geschäften und Menschen auf der Straße erzählt. Kontakte zur Außenwelt erschöpfen sich in der aufdringlich wirkenden Mrs. Carpenter. Ohnehin hegen Parker und Kasimir eine Abneigung gegen die Nachbarschaft.

Die Brüder verharren in ihrem Mikrokosmos, scheinen nie wirklich in ihrem neuen Heim angekommen zu sein. Und auch die Beziehung zwischen den Brüdern wird von Entfremdung bestimmt: Während Kasimirs Gedanken um seinen verschwundenen Bruder und um die Vergangenheit kreisen, chauffiert Parker seinen Chef Stettke ziellos durch die nächtlichen Straßen. Immerhin findet Parker in seinem Fahrgast und Vorgesetzten gegenüber Vertrauen und kommt ins Plaudern. Auch der eigenbrötlerische Stettke findet in seinem Angestellten einen willkommenen Gesprächspartner.

Auf der Suche nach der eigenen Identität kommen immer wieder Fragen und Gedanken auf. Warum ist der Vater nicht mit in die USA gekommen? Wie geht es den anderen Verwandten? Kontakte zu Verwandten in der alten Heimat existieren nicht mehr, die Mutter scheint jegliche Verbindung gekappt zu haben:

Sie sprachen nie darüber, wann ihr Vater endlich nachkommen würde, und auch nicht über die Gründe ihres Umzugs. Niemand fragte, ob sie die zurückgelassene Familie würden besuchen können, und je mehr Zeit verstrich, desto unmöglicher wurden auch diese Fragen, denn Parker hatte nicht das Herz, das feine Lächeln, das sich seiner Mutter im Ruhestand auf das Gesicht gelegt hatte, zu zerstören, oder er fürchtete dessen Verschwinden.

Hierin liegt auch das Kernproblem der dysfunktionalen Familie, das zugleich das zentrale Motiv des Romans ist: eine gestörte Kommunikation, verursacht durch falsche Rücksichtnahme. Eine gemeinsame Sprache gibt es nicht, erst recht nicht zwischen den Brüdern, die ihr bisheriges Leben zusammen im Haus verbracht haben und mit den Eigenheiten der Mutter und deren Tod konfrontiert sind. Selbst Parkers Freundin Luzia, die zeitweise auch bei ihnen wohnt, scheint sich der allgegenwärtigen Sprachlosigkeit anzupassen. Dies lässt die Interaktionen und Handlungen der Figuren zuweilen auf unterhaltsame Weise absurd erscheinen.

Gesa Olkusz gelingt die große Kunst, in Bildern zu erzählen. Sie erklärt nichts, vielmehr nimmt die Ich-Erzählinstanz teil an den fragmentarischen Erinnerungen der Brüder und entwirft eine psychologisch feinsinnige Geschichte.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Gesa Olkusz: Die Sprache meines Bruders. Roman.
Residenz Verlag, Salzburg 2025.
224 Seiten, 25 EUR.
ISBN-13: 9783701718016

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch