Vom Provinzler zu einem Lieblingsdichter der Deutschen
Zum 200. Todestag von Jean Paul
Von Manfred Orlick
Jean Paul (1765–1825) nimmt in der deutschen Literatur eine Sonderstellung ein und steht literarisch zwischen Klassik und Romantik. Beiden Intentionen gegenüber hat er aber seine Selbstständigkeit behauptet. Ähnlich wie Friedrich Hölderlin und Heinrich von Kleist hielt er sich bewusst abseits, schloss sich keiner Gruppierung an und ging seinen eigenen, unverwechselbaren Weg.
Trotzdem war Jean Paul zu seiner Zeit einer der fantasievollsten und beliebtesten Schriftsteller deutscher Sprache, der mehr gelesen wurde als Schiller und Goethe. Der einstige Bestsellerautor – wie man heute sagen würde – wurde aber von der Nachwelt bald vergessen. Heute können Literaturfreunde vielleicht zwei, drei Werktitel, vielleicht auch die eine oder andere Figur wie das Schulmeisterlein Wutz, den Armenadvokaten Siebenkäs oder den Doktor Katzenberger nennen. Jean Paul galt als ein Meister der empfindsamen Erzählkunst, einer einzigartigen Mischung aus Gefühl, Ironie und Humor. Diese komplexe Erzählstruktur macht ihn heute zu dem Ungelesenen unter den deutschen Dichtergrößen. Zu seinem 200. Todestag soll aber an Jean Paul erinnert werden.
Jean Paul – eigentlich Johann Paul Friedrich Richter – wurde am 21. März 1763 als Sohn eines Lehrers, nachmaligen Pfarrers, in Wunsiedel, einer kleinen im Fichtelgebirge gelegenen Stadt, geboren. Er war der älteste von vier Brüdern. Schon früh zeigte der junge Johann Paul Interesse für Literatur und Sprachen. Mit dem Tod des Vaters im Jahr 1779 geriet die Familie in immer größer werdende finanzielle Bedrängnis. Seiner Mutter zuliebe begann Paul 1781 ein Theologiestudium an der Universität Leipzig, musste es aber aus materieller Notlage aufgeben, obwohl er um diese Zeit schon ein erstes schriftstellerisches Werk veröffentlicht hatte. Nach schweren Hungerjahren in Hof, wo er bei seiner Mutter lebte, bestritt er zehn Jahre lang seinen Lebensunterhalt notdürftig als Hauslehrer in kleinen Orten der Umgebung Hofs.
Nachdem er seinen Namen französisiert hatte (als Hommage an den französischen Denker Jean-Jacques Rousseau), entschied er sich für eine freie Schriftstellerexistenz. Der Weg war jedoch mehr als steinig. Immer wieder musste er Rückschläge verkraften. Für seine satirischen Skizzen, die in der Tradition der Aufklärung standen, fand er selten einen Verleger. Doch er schrieb immer weiter und weiter und verschuldete sich dabei. Mit der Erzählung Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal (1793, Teil des Romans Die unsichtbare Loge) stellte sich endlich ein erster Erfolg ein. Jean Paul berichtet hier auch von seinen Jahren als Lehrer, indem er Satire, Empfindsamkeit und Psychologie miteinander verknüpft.
Der dreibändige Roman Hesperus oder 45 Hundsposttage (1795) begründete schließlich seinen Ruhm als Prosaist. Es folgte in sehr kurzer Produktionszeit der Siebenkäs-Roman (1796/97, genauer Titel: Blumen-, Frucht- und Dornenstücke oder Ehestand, Tod und Hochzeit des Armenadvokaten F. St. Siebenkäs im Reichsmarktflecken Kuhschnappel), der ebenfalls ein Publikumserfolg wurde. Mit satirischen Elementen und sozialkritischen Schilderungen beleuchtete Jean Paul hier die bürgerliche Gesellschaft. Der Roman gilt als der erste Eheroman in der deutschen Literaturgeschichte, noch vor Goethes Wahlverwandtschaften (1809). Mit dem Figurenpaar Siebenkäs / Leibgeber führte Jean Paul außerdem das Motiv des Doppelgängers in die deutsche Literatur ein.
Nach diesen Erfolgen verließ er die Enge seines Heimatländchens und begab sich auf Einladung der Frau von Kalb, einer Bekannten Schillers, nach Weimar, wo er mit Herder und dessen Frau in freundschaftliche Beziehungen trat. Goethe und Schiller verhielten sich respektvoll, doch Jean Pauls humorvoller Stil widersprach ihrer klassischen Ernsthaftigkeit („ein Chinese in Rom“ (Goethe) sowie „fremd wie einer, der aus dem Mond gefallen ist“ (Schiller)). Nach mehreren Jahren Aufenthalts in Leipzig, Weimar, Berlin und anderen Städten, wo er überall die Bewunderung seiner besonders aus schwärmerisch-empfindsamen Frauen bestehenden Verehrerschaft genoss, ließ er sich 1804 mit seiner inzwischen gegründeten Familie endgültig in Bayreuth nieder und verbrachte dort seine letzten Lebensjahrzehnte in relativ gesicherten Verhältnissen.
Zwischen 1800 und 1803 hatte Jean Paul die vier Bände seines Titan veröffentlicht. Der Erziehungs- und Bildungsroman war eine interne Auseinandersetzung mit dem zeitgenössischen Literaturbetrieb, der Weimarer Klassik sowie Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre (1795). In dem „Kardinal- und Kapitalroman“ – so Jean Pauls eigene Worte – erweiterte er als Anhänger der Ideen der Französischen Revolution das klassische Bildungsideal um politische Forderungen.
Zu Beginn der Bayreuther Jahre, bereits als Übergang zur Spätperiode, entstand die fiktive und unvollendete Biografie Flegeljahre (1804/05), in der ein reicher Mann ein seltsames Testament mit aberwitzigen Auflagen aufgesetzt hat, das der Erziehung des Erben dienen soll. Die beiden Protagonisten, die ungleichen Zwillingsbrüder Walt und Vult, verkörpern mit ihren gegensätzlichen Charaktereigenschaften – Walt ein träumerisch-naiver Idealist, Vult dagegen ein Zyniker mit Wirklichkeitssinn – die unterschiedlichen Facetten von Jean Pauls eigenen Erfahrungen und Ansichten.
Neben den beiden Erzählungen Des Feldpredigers Schmelzle Reise nach Flätz (1808) und Dr. Katzenbergers Badereise (1809) ragen in der letzten schriftstellerischen Periode, den Jahren von den Napoleonischen Kriegen bis zur Restaurationszeit, vor allem theoretische Abhandlungen und Schriften heraus – wie Friedens-Predigt an Deutschland (1808), Dämmerungen für Deutschland (1809) und Politische Fastenpredigten (1817). In ihnen äußerte sich Jean Paul zu zeitkritischen Themen und konkretisierte seine politischen Forderungen.
In der deutschen Kleinstaaterei und dem Spießbürgertum sah er stets einen Hort für geistige Enge. Der Tod seines einzigen Sohnes Max überschattete die letzten Lebensjahre. Außerdem forderten die langen Hungerjahre in der Jugendzeit und die anstrengende geistige Arbeit ihren gesundheitlichen Tribut. 1823 machte sich der graue Star bemerkbar und führte schließlich zur völligen Erblindung. So musste sein letzter Roman Komet oder Nikolaus Markgraf (1820-22), der ein gesellschaftliches Panorama der deutschen Restaurationszeit zeichnet, trotz seiner drei Bände ein Torso bleiben. Jean Paul verstarb am 14. November 1825 in Bayreuth.
Nur wenige Wochen nach seinem Tod, am 2. Dezember 1825, hielt Ludwig Börne in Frankfurt am Main seine berühmte Denkrede auf Jean Paul, die noch einmal beschwor, wodurch dieser Unsterblichkeit erlangte: „Er sang nicht in den Palästen der Großen, er scherzte nicht mit seiner Leier an den Tischen der Reichen. Er war der Dichter der Niedergeborenen, er war der Sänger der Armen.“
Jean Pauls Wirkung bei seinen Zeitgenossen ist heute schwer nachvollziehbar. Sein überschwänglicher Gefühlsenthusiasmus ebenso wie die bizarre Eigenart seines ausufernden Erzählstils mit unendlich vielen Sprachbildern, philosophischen Reflexionen und Erläuterungen, die vom Hundertsten ins Tausendste reichen, lassen den heutigen Leser nur mühsam Zugang zu seinem Werk finden. Der völligen Verinnerlichung des Denkens und Handelns in seinen Werken steht jedoch Jean Pauls Zeitkritik gegenüber. Unter den damaligen deutschen Dichtern gab es keinen, der seiner Zeit mit so viel Eifer den Spiegel vorgehalten hat.
Jean Pauls Ruhm verblasste aber bald. Daran änderte auch Heinrich Heines Anerkennung wenig: „Er steht ganz isoliert in seiner Zeit, eben weil er, im Gegensatz zu den beiden Schulen, sich ganz seiner Zeit hingegeben und sein Herz ganz davon erfüllt war. Sein Herz und seine Schriften waren eins und dasselbe.“ (Romantische Schule, 1833). Während ihn Friedrich Nietzsche („Verhängnis im Schlafrock“) ablehnte, wurden Gottfried Keller und Adalbert Stifter von seinem Stil beeinflusst. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erlebte er durch Stefan George und Hermann Hesse eine Wiederentdeckung, aber die Renaissance war nicht von Dauer. Der deutsche Literaturhistoriker Alfred Biese bemerkte damals: „Der heutige Leser ist bequem geworden und mag sich nicht mehr durch den verwilderten Garten Jean Paulscher Dichtungen einen Weg bahnen.“
Erst in den 1970er Jahren setzte wieder eine Beschäftigung mit Jean Paul ein. Ausdruck dieser Auseinandersetzung waren u. a. die Biografie Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter (1975) von Günter de Bruyn oder die rororo-Monografie Jean Paul (1984) von Hanns-Josef Ortheil. Aus Anlass seines 250. Geburtstages erlebte die Jean-Paul-Publikation schließlich einen ungeahnten Auftrieb mit mehreren Biografien von Dieter Richter (Jean Paul. Eine Reise-Biographie, 2012), Michael Zaremba (Jean Paul: Dichter und Philosoph. Eine Biografie, 2012), Beatrix Langner (Jean Paul. Meister der zweiten Welt, 2013) oder Helmut Pfotenhauer (Jean Paul. Das Leben als Schreiben, 2013). Danach ebbte das Interesse an Jean Paul allerdings wieder ab und zehn Jahre später, zu seinem 200. Todestag, sucht man vergeblich eine Publikation über den einstigen „Lieblingsdichter der Deutschen“. Seine Wahlheimat Bayreuth begeht das Jubiläum jedoch mit einem vielfältigen und breitgefächerten Programm mit weit über 80 verschiedenen Veranstaltungen. Auch in anderen fränkischen Orten wird mit zahlreichen Events, Ausstellungen und Führungen an Jean Paul erinnert.
Nachtrag: Wer heute nach „Jean Paul“ googelt, findet den Dichter irgendwo zwischen Jean Paul Belmondo, Jean Paul Gaultier und Jean Paul Sartre.













