Von den Überlebenden der Shoah und dem Leben der Nachkommen

Esther Dischereits „Ein Haufen Dollarscheine“ fordert auf, Stellung zu beziehen

Von Adela Sophia SabbanRSS-Newsfeed neuer Artikel von Adela Sophia Sabban

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Tante, über weite Strecken die Ich-Erzählerin in Esther Dischereits Roman Ein Haufen Dollarscheine, hat einen trockenen Humor. Als ihr Neffe in seiner Wohnung ein Fest veranstaltet, findet das Essen bei ihr keinen Anklang:

Alles war koscher und verkocht. Oder hart. In der Küche stand eine junge Frau, ungeschminkt wie alle hier, und sagte: „Wie kann er das so köstlich machen. Es ist unglaublich gut.“ Daraus schloss ich, dass sie eine Konvertierte war.

Die Tante und der Neffe – beide bleiben ohne Namen – wohnen in Berlin. Ihr Neffe, so beobachtet seine Tante, wendet sich zunehmend der jüdischen Orthodoxie zu, er lernt Hebräisch, kümmert sich um die Riten und hält (mehr oder weniger) die Speisegesetze ein. Treife – unreine – Speisen der Tante müssen im Hausflur bleiben. In einigen Abschnitten kommt auch der Neffe in der Rolle des Ich-Erzählers zu Wort. Man gewinnt allerdings zuweilen den Eindruck, dass auch in diesen Abschnitten aus der Perspektive der Tante berichtet wird. Diese ist sich nicht sicher, wann sie mit ihrem Sohn in der Synagoge oder im Gemeindehaus erscheinen soll, das Beten liegt ihr nicht und sie ist „uneinsichtig, was das Interesse an jüdischer Reinrassigkeit betrifft“. Dischereit wirft in den Ausschnitten aus dem Berliner Leben von Tante und Neffe einen Blick darauf, wie „Jüdischkeit“ verstanden und gelebt wird. Dabei geht es der Autorin auch darum, Differenzen und Machtverhältnisse im Hinblick auf die Vorstellungen des Jüdischen innerhalb des Judentums zu thematisieren und Aspekte von dem zu vermitteln, was die Tante einmal die „unverständlichen inneren Community-Umstände“ nennt.

Ein Haufen Dollarscheine ist ein Roman, der von mehreren Generationen einer jüdischen Familie während und nach der Shoah erzählt. Ein wichtiges Element der Erzählung ist das Leben der Schwester der Tante; die Schwester (Hannelore Bradley) – damals ein junges Mädchen – überlebte mit der gemeinsamen Mutter (Hella Freundlich) als Untergetauchte in Deutschland die Verfolgung durch die Nationalsozialisten – ein Geschehen, das die konkreten Schicksale der Mutter sowie der Schwester der Autorin spiegelt. Ergänzt wird das durch die Geschichten anderer Familienmitglieder; es geht etwa um deren Erbstreitigkeiten („Nun“, sagt dazu der Anwalt, „das kommt vor, dass Erben einander um das Erbe betrügen.“) und auch darum, was eigentlich mit der Grabstätte der Mutter in Heppenheim passiert ist. Und es geht eben auch um die Tante und den Neffen (den Sohn der Schwester), zwei Nachkommen von Shoah-Überlebenden, die uns Einblicke in ihr Erleben und ihre Geschicke vermitteln: Was macht es mit ihnen, von Shoah-Überlebenden abzustammen? „Ich musste die Sache mit der Normalität üben“, sagt die Tante einmal. An anderer Stelle sagt der Neffe, seine Generation sei „hinter dem Schicksal unserer Leute verschwunden“. Auch ein „Haufen Dollarscheine“ gehört zur Geschichte der Tante und ihrem Großvater, der gleicherweise als Untergetauchter überlebte und später in die USA auswanderte.

Erst nach Lektüre einiger Seiten beginnt man, einen Überblick über die Beziehungen und Verwandtschaftsverhältnisse der Personen zu gewinnen. Das liegt nicht nur an der großen Anzahl der Figuren, sondern auch daran, dass die Berichte der Tante und des Neffen nicht durchgängig der Chronologie der Ereignisse folgen und auf der Ebene der Figuren Ziel und Motivation des Erzählens nicht klar bestimmt sind. Zudem sind Wiederholungen eingeschaltet. Formal ist das äußerst gelungen, geht es doch darum, ein komplexes Gefüge von Ereignissen wiederzugeben, was sich in der unübersichtlichen Erzählform abbildet. Neben den eigenen Erinnerungen greifen Tante und Neffe auch auf Erinnerungen anderer zurück; „Es bleibt eine Merkwürdigkeit, dass ich von diesen Dingen berichte, als sei ich dabei gewesen“, heißt es demgemäß zweimal im Roman. Dabei sehen sie sich immer der fragmentarischen und unsicheren Wirklichkeit der Überlebenden der Shoah gegenüber:

Alle, die in dieser Welt zu Hause waren, legen Splitter beiseite oder legen sie nicht beiseite oder rahmen sie ein. Aber jedes Mal fehlen Teile, Hunderte. Es will kein Bild entstehen. Außerdem legen sie die Splitter manchmal andersherum, dann passen die zuvor gelegten Stücke nicht mehr.

Bei der Schwester äußert sich diese verunsichernde Brüchigkeit darin, dass sie sich an all die Namen, die sie während des Untergetauchtseins an verschiedenen Orten getragen hatte, nicht erinnern kann: „Ich sehe meine Schwester dasitzen, wie sie erzählt, dass sie nicht weiß, wie sie heißt, dass sie nicht wusste, wie sie hieß.“

Einer, der den Verfolgten im Buch half, war Fritz Kittel, ein Eisenbahner. Bei ihm konnten die Schwester und ihre Mutter für einige Zeit untertauchen. Deshalb ist der Wunsch der Tante, dass die Bundesbahn ihn ehren möge – „oder die Eisenbahnergewerkschaft, die wegen ihrer Lokführer, die Auschwitz-Transporte fuhren, nicht dermaßen viele in ihren Reihen haben dürfte wie Fritz.“ Fritz Kittel – bei dem es sich nicht um eine erfundene Figur handelt – hat tatsächlich, wenngleich spät, eine Anerkennung erhalten: durch eine Wanderausstellung 2023 und 2024, zu der sich im Werkverzeichnis von Esther Dischereit hinten im Buch eine Angabe findet.

Dischereits Ein Haufen Dollarscheine, bei dem es sich um einen ausgezeichneten Roman handelt, fordert auf, Fragen zu stellen und Standpunkte zu prüfen, Stellung zu den grauenhaften Ereignissen in der Vergangenheit und zum Heutigen zu beziehen. Am Anfang und am Ende des Romans werden manche Fragen, manche näher zu prüfende Meinungen auch konkreter formuliert. Dort spricht jeweils auf ein paar Seiten eine Stimme, die der Autorin beziehungsweise der Erzählerin allerhand zu ihrer Familiengeschichte zu sagen hat. „Ist das nicht egal, ob das Erbe aus der Entschädigung stammt oder aus der Anmeldung eines einzigartigen Patents?“, fragt die Stimme. Und sie teilt mit: „Meine Tochter sagte neulich, sie ist die erste, die nicht zu Opfern oder Tätern gehört, sie ist die unschuldige Generation. Und ich muss sagen, ich finde das nicht falsch.“ Vieles ist aus der Lektüre des Romans mitzunehmen – so etwa die Aufforderung, immer wieder zu prüfen, welche Verantwortung jede*r einzelne innerhalb der Gesellschaft hat und wo jede*r einzelne steht und stehen will.

Titelbild

Esther Dischereit: Ein Haufen Dollarscheine. Roman.
Maro Verlag, Augsburg 2024.
308 Seiten , 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783875126761

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