Hass sollte keine Einrichtung von Dauer sein

Mit „Über Palästina“ hat Thomas Meyer ein interessantes Buch herausgegeben, das zwei unveröffentlichte Texte von Hannah Arendt und Kollegen über Palästina enthält

Von Jens FlemmingRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jens Flemming

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Schon ein beiläufiger Blick in das Buch lässt ahnen, dass es sich um leichten Etikettenschwindel handelt. Vielleicht spekulierte der Verlag, dass Palästina kein Publikumsmagnet sei, Hannah Arendt jedoch schon. Das Buch fasst 272 Seiten. Von Arendt stammen ein sechszehnseitiger Essay und eine nicht weiter aufgeschlüsselte Mitwirkung in einem Autorenkollektiv. Ersterer war 1944 konzipiert worden und hatte, wie der Herausgeber Thomas Meyer notiert, „achtzig Jahre lang unbeachtet in einem Archiv“ geschlummert, ehe er nun erstmalig publiziert wurde.

Anlass war das Scheitern einer Resolution, eingebracht im Februar 1944 von den Senatoren Robert Taft und Richard Wagner, die um Unterstützung für die baldmögliche Schaffung eines jüdischen Staatswesens in Palästina warben. Arendt reagierte darauf mit Überlegungen zur amerikanischen Außenpolitik, was das Problem sogleich in umfassendere Perspektiven rückte. Die Ablehnung habe, heißt es, „der Sache des jüdischen Volkes einen schweren Schlag“, außerdem die Bürger der USA, denen „Freiheit und Sicherheit der kleinen Nationen am Herzen“ liege, in ernste „Sorge“ versetzt. Der Blick der Autorin richtet sich auf den Einfluss der Ölindustrie, die möglicherweise mit jüdischen Belangen in Konflikt gerate und von parlamentarischen Institutionen nicht genügend gezügelt werden könne. Greifbar sei daher die Gefahr, dass der Nahe Osten zum „Pulverfass der Welt“ werde.

Sollten sich die Juden vor den Karren einer der Konfliktparteien spannen lassen, würden sie „in das Spiel der großen Mächte gezogen“, ohne eigene Macht aufbauen zu können. Nicht „direkte Protektion“ dürfe die Erwartungen bestimmen, sondern „aktive Sympathie und Förderung“, welche die USA traditionell denjenigen zuwendeten, deren Bevölkerung aus fremden Staaten und Nationen zu Teilen bei ihnen lebte. Als Gegengabe dürften sich die Juden Palästinas nicht zu Wächtern von Ölinteressen herabwürdigen lassen. Stattdessen sollten sie auf das „Vertrauen“ bauen, das die „Völker der Welt“ seit jeher in die Vereinigten Staaten projiziert hätten. Denn genau dies werde sich „als einer der wichtigsten Aktivposten der amerikanischen Außenpolitik“ und insofern als Faktor der Stabilität in einer von Unsicherheiten gebeutelten Region entpuppen.

Veröffentlicht wurde der Essay damals nicht. Heute, Jahrzehnte später, ist er ohne Kenntnis der seit langem konfligierenden Konstellationen im Nahen Osten kaum angemessen zu verstehen. Aufmerksam hinschauen muss man auch beim zweiten Text: ein Bericht des New Yorker „Institute for Mediterranean Affairs“ aus dem Jahr 1958, an dem neben Arendt mehrere Professoren, allesamt Nahost-Experten, mitgewirkt haben. Thema hier ist das „Problem der arabischen Flüchtlinge“. Dies ist bis heute – in veränderter Gestalt, behaftet mit Radikalismus und mancherlei Wurmfortsätzen – ein wesentliches Element der Palästina-Debatte und zugleich eines der Hindernisse für allseits akzeptable Lösungen.

Nach wie vor galt in den späten fünfziger Jahren das, was sich zuvor im Begriff „Pulverfass“ verdichtet hatte. Die genaue Zahl der Vertriebenen, Flüchtlinge und Umsiedler ist nicht mehr zu eruieren. Geschätzt wird sie auf über 900.000. Herausgeber Thomas Meyer überhöht Arendts Kooperation als „Sensation“, aber sensationell ist an dem Text nichts. Denn er verzeichnet – wie sich das gehört – Fakten, an die ein paar Schlussfolgerungen geknüpft sind. Dabei paart sich nüchterne Analyse mit Ahnungen über ein dunkles, schwer zu steuerndes Schicksal. Da die Welt „im Schatten einer nuklearen Katastrophe“ lebe, sei man mit der Gefahr eines „indirekt“ ausgelösten „Weltkriegs“ konfrontiert, und zwar „durch einen ‚begrenzten Krieg‘ in einem Teil der Welt, in dem Ost und West um Einfluss“ konkurrierten. Um so notwendiger sei es, nicht darauf zu warten, bis sich das Flüchtlingsproblem von selbst löse. Dazu sei ohnehin keine Neigung zu erkennen, so der Bericht. Beim Versuch, die ausweglose Situation zu verbessern, laste eine ausnehmend „schwere Verantwortung“ auf den „Schultern der größten demokratischen Macht“: der Gesellschaft und der Politik der Vereinigten Staaten.

Ziel müsse sein, für Flüchtlinge eine „würdevolle und normale“ Existenz zu schaffen. Dabei dürfe die Legitimität Israels keineswegs in Zweifel zu gezogen werden, wohl aber gelte es, die „Spannungen“ im Nahen Osten zu verringern, wenn nicht zu beseitigen. Für die Autoren des Berichts war dies nicht das Ergebnis von Verhandlungen, sondern deren Voraussetzung. Vor allem anderen müsse das Problem der Geflohenen und Vertriebenen Vorrang genießen, was Araber ebenso wie Juden betraf. Der Bericht unterbreitet dazu zahlreiche Fakten und Vorschläge. Gerade im Licht der bis heute fortdauernden, über die Jahre hinweg verschärften Gegensätze ist es bemerkenswert, dass ein eigener Staat für die Palästinenser in Erwägung gezogen wird, eine Perspektive, die durch das damalige Königreich Jordanien jedoch blockiert worden ist.

1959 schon zeigt der Bericht in etlichen Abschnitten, dass die Ansprüche Israels und die der Palästinenser nicht in Einklang zu bringen waren. „Abstrakte Erklärungen, symbolische Gesten oder beschönigende Teillösungen reichen nicht aus“ ist ein Kernsatz. Ihn dürften sich auch die Regierenden unserer Tage hinter die Ohren schreiben. Zu Recht erinnert der Bericht daran, dass die Probleme weder „überwältigend“ noch „unlösbar“ seien. Viel entscheidender: dass Israel nicht bereit sei, arabische Flüchtlinge in großer Zahl bei sich aufzunehmen. Denn dies, so die Argumentation, würde seiner „Wirtschaft schaden“, seinen spezifisch jüdischen Charakter „verzerren“ und seine Stabilität untergraben. Vorgeschlagen wird die Einrichtung einer Rückführungs- und Umsiedlungsbehörde, die – der Generalversammlung der UN verantwortlich – in paritätischer Besetzung strittige Fragen klären sollte, darunter die Details und die Finanzierung phasenweise zu realisierender Umsiedlungsprojekte.

Dahinter verbarg sich die Überzeugung, dass die Überlegungen des Berichts praktikabel seien, zumal die Konfliktparteien nicht von Konflikten in unermesslicher Größenordnung gebeutelt würden. „Hass“, behaupten die Autoren, währe „nicht ewig“. Man benötige „eine gerecht konzipierte Lösung“, die zur „Beilegung von Feindseligkeit führen“ und ein Klima für Kooperation begünstigen, außerdem „Entmutigung und Einschüchterung“ zerstreuen würde. Wir wissen allerdings, dass dies bis heute nicht verfangen hat. Die Sache steckt noch immer in einer kaum zu entwirrenden Zwickmühle. Weder die von Ressentiments und Ideologien genährte Feindschaft hat sich verflüchtigt, noch haben sich pragmatische Denk- und Handlungsalternativen entfaltet. Und das meint: Hass wabert nach wie vor durch die Reihen der Beteiligten.

Titelbild

Hannah Arendt: Über Palästina.
Hg. von Thomas Meyer.
Piper Verlag, München 2024.
272 Seiten , 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783492073196

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