Gegen Frust und Burnout
Mit „Matcha-Tee am Montag“ tischt Michiko Aoyama neue heilsame Geschichten aus dem Café Marble auf
Von Lisette Gebhardt
Vier Jahre nach Aoyamas erfolgreichem ersten Buch Donnerstags im Café unter den Kirschbäumen erschien im japanischen Original der Folgeband Matcha-Tee am Montag. Besagtes Matcha-Café wird montags kurzfristig anberaumt, als das Marble seinen Ruhetag hat. Zufällige Kunden aus Tôkyô kommen so in den Genuss eines besonderen Geschmackserlebnisses, das der in Kyôto ansässige Teehändler Kippei ermöglicht. Er bereitet die typisch japanische Spezialität, ein schaumig geschlagenes grünes Gebräu voll starker Geschmacksaromen, mit routinierter Kunstfertigkeit zu.
Wege zum Glück
In Matcha-Tee am Montag treffen Leserinnen und Leser auf bewährtes Personal: Master und Geschäftsführer Wataru. Aus dem Donnerstags-Café bekannte Figuren wie zum Beispiel Risa und Hiroyuki sind wieder dabei sowie die Dessoushändlerin, und wir erfahren Neuigkeiten von dem mittlerweile sehr erfolgreichen Maler Teruya. Die Begegnungen der Menschen in 12 Episoden folgen dem jahreszeitlichen Verlauf im Zeichen der sich monatlich wandelnden Gestalt des Mondes, während sie sich größtenteils zwischen den Städten Tôkyô und Kyôto ereignen. Ein weiteres Strukturmerkmal von Aoyamas Geschichten ist die Gegenüberstellung von Tradition und zukunftsweisenden Entwicklungen. Kippei (Teehändler) und Miho (arbeitet im Mobilfunkshop) aus dem ersten Kapitel verkörpern das Zusammenfinden von altehrwürdiger Überlieferung und technischer Innovation.
Leitmotiv ist wie immer die Selbstfindung der jeweiligen Person. Dieses bleibt eng verbunden mit der Arbeit, die sie verrichtet, und dem Platz, den sie in ihrem gesellschaftlichen Umfeld einnimmt. Authentizität und das daraus resultierende Glücksempfinden bilden die Basis für gelungene zwischenmenschliche Beziehungen. Bei Miho und Kippei deutet es sich im letzten Kapitel „Ein Glück verheißender Tag“ an, dass sie in naher Zukunft ein Paar werden. Der Fall des Antiquars Yoshihara illustriert ein weiteres Mal Aoyamas Botschaft, wie wichtig es ist, sich mit seiner Tätigkeit identifizieren zu können. Yoshihara gab, als er Anfang fünfzig war, eine gute Dauerstelle auf (jap. datsusara = „Gehaltausstieg“), um sich künftig nur noch mit antiquarischen Büchern zu beschäftigen, eine Entscheidung, die seine Frau Fukiko unterstützt, ohne sich über die verlorene Sicherheit zu beklagen.
Die medienkritische Katze
Eine recht originelle Figur im Ensemble der Autorin stellt die namenlose weiße Katze aus dem Juli-Kapitel dar. Sie berichtet in ihrem inneren Monolog von einer einsamen, traurigen Kindheit ohne jede Erinnerung an Mutter oder Geschwister. Menschen schätzt sie als sonderbar ein. Vor allem deren notorische Handhabung eines „kleinen rechteckigen Bretts“ ruft Verwunderung hervor:
Sie tippen mit den Fingern darauf, halten es ans Ohr und reden plötzlich vor sich hin. Oder sie halten es gen Himmel oder vor eine Blume, als wollten sie es präsentieren. Es ist mir ein Rätsel. Und dann leuchtet dieses Ding manchmal auf oder fängt plötzlich an zu brummen. Vielleicht lebt es? Falls ja, dann ist es wohl das meistvergötterte Objekt in der Menschenwelt. Ich kann einfach nicht begreifen, was so faszinierend daran sein soll, dass sie es nie aus den Händen legen.
Die Streunerin zieht es vor, sich im Antiquariat des „alten Mannes“ zu entspannen: „Ganz ohne Hast. Ganz ohne Druck.“ Der Anblick lesender Menschen gefällt ihr und auch den Ausführungen des Ladenbesitzers lauscht sie aufmerksam – ein kultiviertes Tier, das die im getriebenen Zeitgeist des 21. Jahrhunderts verbliebenen Enklaven der Freiheit zu würdigen weiß und sich rühmt, im Jetzt zufrieden zu sein: Die durch angeborene Taubheit eingeschränkte Katze nimmt die Dinge gleichmütig, wie sie kommen, und bekennt, sich stolz ihres Lebens zu erfreuen – auch wenn es ein beschädigtes, nicht allzu schönes Leben zu sein scheint.
Glückskulissen, Lebensberatung und J-Content
Aoyamas routiniert gestaltetes Szenario liest sich geschmeidig. Naturgemäß entbehrt es der Frische und des Überraschungseffekts, den der Reigen unerwarteter Verbindungen unter den Figuren im ersten Band Donnerstags im Café unter den Kirschbäumen zu bieten hatte. Die Botschaft bleibt jedoch klar: Man solle Hemmungen und Hindernisse überwinden, um seinem wahren Selbst gerecht zu werden. Eine dergestalt in ihrer Mitte stehende Person (Master) hätte dann auch die Fähigkeit, in ihrer Umgebung positiv zu wirken und für das, was sie hat, Dankbarkeit zu empfinden.
Damit reiht sich Matcha-Tee am Montag in die bibliotherapeutische Produktlinie japanischer Verlage ein, die seit geraumer Zeit mit Erfolg literarisierte Ratgeber (Stichwort ikikata) auf dem Buchmarkt anbieten. Die Werke basieren auf positiver Psychologie und wollen einer offenbar erschöpften Nation Lebensmut, neuerdings „Resilienz“ vermitteln. Die Ermutigungslektüren liegen im Zeitgeist, und angesichts allerorts verlautbarter Transformationen greift man gerne zu Büchern, die von heilsamen Orten der Ruhe und Besinnlichkeit erzählen: Von individuellen Boutiquen als Selbstverwirklichungsoasen, traditionellen Heißgetränkstuben, heilsam-entschleunigten Antiquariaten oder von tapferen Katzen.
Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen
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