Mord hinter verschlossenen Türen

Ian Rankins Ex-Polizist John Rebus ermittelt bei seinem fünfundzwanzigsten Abenteuer „Die dunkelste Stunde der Nacht“ zum ersten Mal im Gefängnis

Von Dietmar JacobsenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dietmar Jacobsen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

John Rebus‘ Erzgegner Moritz Gerald Cafferty, kurz „Big Ger“ genannt, hat das Zeitliche gesegnet. Und Rebus, der sein Polizistenleben lang nichts unversucht gelassen hat, den Mann hinter Gitter zu bringen, soll schuld daran sein. Deshalb hat man ihn vor Gericht gestellt, wegen Mordversuchs zu lebenslanger Haft verurteilt und ins HMP (Her Majesty’s Prison) Edinburgh eingewiesen. Da sitzt er seit einem halben Jahr und wartet darauf, dass seine Anwälte die Wiederaufnahme des Prozesses erwirken. Und weil Darryl Christie, der (neben Cafferty) andere große Gangsterboss der Stadt, im selben Gefängnisflügel seine Zelle hat, von der aus er seine dunklen Geschäfte fleißig weiterbetreibt, hat er Rebus nach dem Tod seines Konkurrenten unter seinen speziellen Schutz gestellt. Das schreckt erst einmal all diejenigen ab, die mit dem Polizisten noch eine Rechnung offen zu haben glauben. Das nützt, wie sich im weiteren Verlauf des Romans zeigt, aber nur bedingt.

Als plötzlich die Expertise des Ex-Polizisten, der für seine unkonventionellen und gelegentlich mit geltendem Recht kollidierenden Ermittlungsmethoden bekannt war, auch an seinem neuen Aufenthaltsort wieder gefragt ist, zögert der nicht lange. Denn ein Mord ist geschehen. Mitten im Isolations- und Reintegrationstrakt, in dem man jene Häftlinge untergebracht hat, die für sich selbst eine Gefahr darstellen oder, wie eben John Rebus, durch andere gefährdet werden könnten. Dass eine Gefängniszelle allerdings alles andere als einen Rundum-Schutz bietet, zeigt auch der Fall des ermordeten Jackie Simpson. Denn den hatte man wie alle anderen seiner Mithäftlinge über Nacht natürlich eingeschlossen. Und trotzdem war es seinem Mörder gelungen, zu ihm vorzudringen – ein „locked room mystery“, wie es im Buche steht – und ihm die Kehle durchzuschneiden.

Seit 1987 lässt Ian Rankin nun schon seine Leserinnen und Leser an den Abenteuern von John Rebus teilnehmen. Die dunkelste Stunde der Nacht ist der 25. Roman des 1960 geborenen Schotten rund um den Mann, dessen Sturheit es ihm weder privat noch in seinem Beruf je leicht gemacht hat, allerdings auch immer wieder dazu beiträgt, dass er nicht mehr loslässt, wenn er sich einmal in einen Fall verbissen hat. Als Verurteilter im Gefängnis ermitteln musste er freilich bisher noch nie.          

Dass aus Rankins Jubiläumsbuch unterm Strich dennoch kein purer Gefängnisroman geworden ist, liegt an den Personen, zu denen Rebus in den letzten Jahren mehr oder weniger stabile Beziehungen aufgebaut hat. Dazu zählen vor allem Siobhan Clarke, die Frau, die sein Erbe bei der Edinburgher Polizei angetreten hat, und der inwischen beim Scottish Crime Campus in Gartcosh – einer zentralen Anlaufstelle für die Bekämpfung schwerer und organisierter Kriminalität – gelandete Malcolm Fox. Letzterer ein ehrgeizgetriebener, aalglatter Zeitgenosse, dem nicht über den Weg zu trauen ist, Erstere eine Rebus im Laufe der Zeit ans Herz gewachsene Vertraute, die sich, während er im Gefängnis sitzt, nicht nur um seinen Hund Brillo kümmert, sondern inzwischen auch engeren Anschluss an Rebus‘ Tochter Sammy und Enkelin Carrie gefunden hat. Sammys Verhältnis zum geschiedenen Vater war vielleicht nicht immer das beste, ist aber inzwischen ziemlich intakt. Allein mit Rebus‘ Methoden hat Clarke gelegentlich Probleme. Denn die Zeiten haben sich geändert, seit er aus dem Dienst geschieden ist. Und so betont sie in einem der Gespräche mit ihrem väterlichen Freund: „Das meiste von dem, was du mir beigebracht hast, musste ich mir mühsam wieder abgewöhnen, um meinen Job nicht zu verlieren.“

Beide, Clarke wie Fox, tauchen in Die dunkelste Stunde der Nacht kurz nach dem Mord an einem Häftling natürlich in der Edinburgher Haftanstalt auf. Sie besuchsweise, weil sie Rebus für alles andere als einen kaltblütigen Mörder hält und bisher eher das ihren Mentor mit dem toten Gangster Cafferty Verbindende bemerkte. Der Mann aus Gartcosh hingegen dienstlich – allerdings mehr in einer verdeckten als in einer offiziellen Mission. Denn er glaubt, dass der Fall des getöteten Häftlings damit zu tun hat, dass nach Caffertys Tod und der Tatsache, dass dessen ewigem Widersacher Darryl Christie hinter Gittern die Handlungsmöglichkeiten zumindest beschnitten sind, ein neuer Player seine schmutzigen Finger nach dem lukrativen schottischen Markt ausstreckt: Der aus Liverpool stammende Shay Hanlon hat schon einmal andeutet, dass auch Gefängnismauern ihn nicht aufhalten können.

Auch Siobhan Clarkes aktueller Fall – sie und ihr Team sind damit beschäftigt, das Verschwinden eines 14-jährigen Mädchens aufzuklären, das sich naiverweise offenbar auf einer Live-Erotikseite im Internet schnell ein paar Pfund verdienen wollte und dabei an eine verbrecherische Clique und deren Klientel geraten ist – hat etwas mit den Turbulenzen zu tun, die Rebus auf Trab halten. Bei einem versierten Autor wie Ian Rankin, der seine einzelnen Erzählfäden jeweils mit großem Geschick verknüpft, versteht sich das freilich fast von selbst. Es erleichtert allerdings nicht Rebus‘ Situation im Gefängnis, die von Tag zu Tag gefährlicher wird.

Die dunkelste Stunde der Nacht ist, auch wenn die Handlungsmöglichkeiten des Helden diesmal äußerst eingeschränkt sind, ein typischer Rankin. Fein gesponnen sind die literarischen Fäden, mit denen er das, was seine einzelnen Figuren umtreibt, unterm Strich auf einen gemeinsamen Nenner bringt. Sowohl für den Fall des verschwundenen Mädchens wie auch für den Stress, den die Ermordung eines Häftlings in der scheinbaren Sicherheit seiner verschlossenen Zelle nach sich zieht, hält der Autor so überraschende wie schlüssige Erklärungen bereit.

Und dass es Malcolm Fox auch diesmal wieder nicht gelingt, sich in den Vordergrund zu spielen und seiner Karriere – dem Einzigen, was für den intriganten Mann zu zählen scheint und wofür er nicht nur sprichwörtlich über Leichen geht – einen entscheidenden Schub zu verpassen, ahnen eingefleischte Rankin-Leserinnen und -Leser sicher bereits. Es darf hier also auch ohne das geringste schlechte Gewissen ausgeplaudert werden. Eine gute Botschaft ist es auf jeden Fall – wird doch Unredlichkeit damit ein weiteres Mal nicht belohnt. Aber auch die Nachricht, die John Rebus am Ende seines fünfundzwanzigsten Abenteuers von seinem Anwalt erhält, lässt nicht nur Ian Rankins Helden aufatmen. Denn nun kann man gar hoffen, dass ihm bei seinem nächsten Fall – sollte es den geben, denn spurlos vorübergegangen sind die Jahre, in denen man ihn auf seinem Weg begleiten durften, keineswegs – wieder die Luft außerhalb der Gefängnismauern um die Nase wehen wird.

Titelbild

Ian Rankin: Die dunkelste Stunde der Nacht. Kriminalroman.
Aus dem Englischen von Susanne Tägder.
Goldmann Verlag, München 2025.
432 Seiten, 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783442317264

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