Erinnerungen an die Kindheit blitzen im Alter auf

In Graham Swifts „Nach dem Krieg“ berichten alternde Erzähler von Verwirrungen über das Leben

Von Mechthild HesseRSS-Newsfeed neuer Artikel von Mechthild Hesse

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Dies ist eine ausgezeichnete Kurzgeschichtensammlung. Die einzelnen Geschichten verbindet eine Kriegs- oder Gefahrenthematik, vorherrschend sind aber vor allem die Erinnerungen der unterschiedlichsten Ich-Erzähler. Durch eine unprätentiöse Sprache schiebt Swift die je eigenwilligen Erinnerungen und Gefühle der handelnden Personen an die Oberfläche. Die Erinnerungen sind skurril, eigenwillig, individuell, untypisch, auf keinen Fall vorhersehbar; sie werden nicht von den anderen Charakteren geteilt, sie blitzen plötzlich aus dem Unterbewussten des Einzelnen auf. Das, was erinnert wird, sind oft nur Episoden, keine wichtigen, allgemein bekannten Ereignisse, sondern ganz eigenartige Episoden aus der Vergangenheit. Die Geschichten sind nicht so sehr „seelische Tiefenbohrungen“ (wie S. Löffler sie im Klappentext beschreibt), denn der Autor bohrt nicht; er holt die seelischen Zustände der handelnden Personen hervor, unverhofft; sie fallen ein und blitzen auf. Die Personen werden plötzlich von ihren Erinnerungen übermannt. Wie der Autor das macht, durch das Ineinanderschieben von mehreren Zeitebenen – gerade das ist seine Kunst.

In zwölf nicht miteinander verbundenen Geschichten erinnern sich die alternden Protagonisten an ihre frühe Kindheit, an die Zeit, zu der sie in der Regel 10 oder 11 Jahre alt sind. Die alternden Protagonisten denken an kurze, für sie offenbar wichtige Episoden und werden sich gleichzeitig ihrer kindlichen erotischen Gefühle gewahr. So zum Beispiel in der zweiten Geschichte der Sammlung „Erröten“. Auf der Fahrt zum Krankenhaus erinnert sich der 72-jährige Arzt wiederholt an die Zeit, als er als Kind im Krankheitsfall regelmäßig vom Hausarzt der Familie besucht wird. Er denkt an seine vielen ansteckenden Krankheiten, zu deren Behandlung ein Hausarzt gerufen wurde. Es wird deutlich, dass dessen Besuche sowohl für ihn als auch für die Mutter bedeutsam sind. Mutter und Sohn haben eine innige Beziehung zueinander, aber jeder hat auch ein besonderes Gefühl dem Arzt gegenüber. Als 72-Jähriger fantasiert er sich als Teil einer Familie mit dem Arzt als Vater und der Mutter.

Das „Erröten“ im Titel der Geschichte ist doppeldeutig: es bezieht sich sowohl auf die rote Gesichtsfarbe beim Scharlach, als auch auf das peinliche Erröten auf der Feier seines zehnten Geburtstags, zu der auch der Arzt inmitten von Kindern und Müttern eingeladen ist. Als der Zehnjährige bei einer Art Flaschendrehen aufgefordert wird, sich seiner Kleider zu entledigen, ist der Junge verwirrt, er schämt sich. Die Mutter befreit ihn in seiner Not; dabei hatte sie selber die Spiele vorbereitet. Es ist ein ambivalentes Spiel, wie auch die Beziehung der Mutter zu Arzt und Sohn ambivalent ist. Immerhin wird der Sohn später durch das Drängen der Mutter selber Arzt. Zurück auf die Gegenwartserzählebene des Geschichtenanfangs denkt der Protagonist als 72-Jähriger offenbar inmitten der Pandemie an sein Lebensende. Gegenwart und Vergangenheit vermischen sich:

Und er selbst könnte seinem Ende nah sein, trotz aller Schutzvorkehrungen , die er traf. Dem Ende nah und, so schien es, seinem eigenen Anfang nah. Zehn. Es heißt, so ergehe es einem beim Ertrinken. Man sehe das eigene Leben an sich vorüberziehen. Und das war es ja, was mit den Patienten auf der Station geschah, wenn sie das Ende erreichten. Im Grunde ertranken sie.

Auch dem Ende des Lebens nah und mit dem Tod beschäftigt ist der 68-jährige Protagonist Mr Phillips der Geschichte „Schönheit“. Seine Frau ist vor sechs Monaten gestorben und offenbar lebt auch seine Enkelin nicht mehr, von deren Geburt am Anfang der Geschichte erzählt wird. Nun, circa 20 Jahre später, macht sich der Großvater auf die Suche nach dem Studentenzimmer der Enkelin auf dem Campus der Universität; offenbar hat sie sich umgebracht, warum und wie erfährt man nicht. Mr. Phillips lässt sich das Zimmer von der Dekanin zeigen. Auf dem Weg dorthin überkommen ihn erotische Gefühle, die das traurige Geschehen nicht überlagern, aber dennoch wiederholt beschrieben werden. Beim Anblick der jungen Dekanin ist er verwirrt:

Sie war eine Schönheit. Das hatte er nicht erwartet. Er hatte nicht erwartet, sich einer Schönheit gegenüber zu sehen. Aber sein erster Gedanke war: Herr im Himmel, sie ist schön. Eine innere Stimme, von der er geglaubt hatte, dass sie vor Jahren verstummt sei… Er war auf der Stelle verwirrt. Doppelt verwirrt. Denn er war ohnehin verwirrt. Ihm schien, er wäre vor langer Zeit in einen Zustand dauernder Verwirrung getreten. Das Leben war eine einzige Verwirrung geworden.

Man weiß nicht, was Mr. Phillips mit dem Besuch des Campus bezwecken will. Es scheint, dass er von der Dekanin etwas Näheres über den Suizid seiner Enkelin erfahren will, doch Informationen bekommt er nicht. Während er neben der Dekanin auf dem zugigen Campus herläuft, wird er von erotischen Gefühlen für die schöne Frau überrascht. Diese verschwinden aber auch gleich wieder, genauso wie die Erinnerung an den Besuch langsam entschwindet:

Vor dem Zugfenster wurde der Februarhimmel dunkel. Die vorbeiziehenden Felder und Bäume wurden unklarer, bis er schließlich nichts mehr sehen konnte, außer seinem eigenen Spiegelbild, das ihm Gesellschaft zu leisten schien in der Dunkelheit.

Auch in der Geschichte „Scharnier“ ist die Erinnerung der 49-Jährigen Annie bei der Trauerfeier ihres Vaters zentral. Vor der Beerdigung wissen sie und ihr Bruder nicht, was sie dem Pfarrer über den Vater erzählen können. Es gibt keine außergewöhnlichen Eigenschaften, keine besonderen Ereignisse im Leben des einfachen Arbeiters aus Yorkshire. Als der Pfarrer deshalb in der Feier nur betonen kann, dass der Vater ein „Familienmensch“ gewesen sei, hält die Tochter dies für völlig irrelevant, sie hält die Trauerfeier für eine „performance“.

Da fällt ihr ein Ereignis ein, das zwar nebensächlich erscheint, aber für sie  bedeutsam ist: Im Alter von neun oder zehn Jahren erlebt sie ihren Vater als „schön“, wie auch den herbeigerufenen Schreiner Joe Short, der ihre 90 Jahre alte Tür reparieren soll. Sie erinnert sich, dass sie sich schon als Kind von der „Schönheit“ von Joe angezogen fühlte und sich in dem Augenblick fragte, ob er auch ihr Vater sein könnte. Hier wieder dieses plötzliche Aufleuchten von erotischen Gefühlen! Annie erinnert sich genau an die Straße in der nordenglischen Kleinstadt, wo sie aufgewachsen ist. Plötzlich wird ihr bewusst, dass der Sarg und die alte Tür beide aus vergänglichem Holz gemacht sind, die beide ein Menschenleben überdauern können. Die Trauerfeier ist nur eine „performance“, ihre Erinnerung dagegen ist echt, aber nicht vermittelbar. Sie überlegt zwar kurz, ob sie statt des Gedichts diese Erinnerung  der Trauergemeinde mitteilen soll, entschließt sich dann aber doch, am Ende das Gedicht aus einem Gedichtband „Die schönsten Gedichte für eine Beerdigung“ vorzutragen, das aber offenbar nichts mit ihrem Vater zu tun hat.

Ganz anders sind die folgenden beiden Geschichten der Sammlung. „Schwarz“ beinhaltet zwar auch eine Erinnerung, nämlich die der 58-jährigen Nora an eine Begegnung 40 Jahre zuvor, also 1944, aber sie erzählt sie in der dritten Person Singular als eine Art Mutprobe.

Einmal vor langer Zeit, hatte sie etwas getan, das außergewöhnlich und gewagt war – schockierend sogar. Aber auch fein. Genau, fein. Tief in ihrem Herzen, wo sie die Erinnerung aufbewahrte, ein verborgenes Geheimnis, wusste sie, dass es das Feinste war, was sie in ihrem Leben getan hatte.

Dieses Feine, Unvorstellbare, Verbotene bietet sich auf dem Weg von der Arbeit nach Hause an: sie setzt sich nämlich im Bus neben einen Schwarzen, einen US-Soldaten und beginnt ein Gespräch mit ihm. Sie wusste,

dass das ausreichte, um Scarwood in leichte Erregung zu versetzen. Leichte Erregung? Helle Aufregung. Sie wusste, dass die Kunde davon innerhalb einer halben Stunde ihrem Vater zu Ohren kommen würde. Und ihr Vater würde sie umbringen. Ihr Vater würde sie umbringen, und ihre Mutter würde dabeistehen und nichts tun. Na, wollen wir mal sehen. Wem galt die Herausforderung – ihr oder ihrem Vater? Beiden. Wollen wir doch mal sehen.

Die Geschichte zeigt überdeutlich den alltäglichen Rassismus, sowohl in England am Ende des Zweiten Weltkriegs als auch in USA. Interessanterweise wird das Ereignis sofort dem Vater zugetragen, –  Nora und ihre Freundin Lily sind sich dessen sicher –  aber der Vater bringt sie nicht nur nicht um, sondern schlägt auch ihre Mutter nicht mehr, obwohl das zu seiner Alltagsroutine gehört. Zum ersten Mal in ihrem Leben hat sie dem Vater die Stirn gezeigt und zugleich ihre Mutter gerettet.

Sie verliebt sich in den Schwarzen, in seine Schönheit. Sie selbst weiß  – und die Leserschaft auch –, dass aus dieser Liebe nichts weiter wird, aber es hat sich gelohnt den Vater herauszufordern, auch um der leidenden Mutter willen.

Die zwölf Geschichten werden nicht alle durch das Thema Krieg zusammengehalten. Der Zusammenhalt ist vielmehr hergestellt durch das Thema Erinnerung an die für die Protagonisten wichtigen Episoden in ihrem Leben, die oft in der Kriegs- oder Nachkriegszeit angesiedelt sind. Aber auch das stimmt nicht ganz, denn die Geschichte „Erröten“ spielt zum Beipiel in der Pandemie, und die Erinnerung geht circa 60 Jahre zurück. Daher ist der Titel der deutschen Ausgabe Nach dem Krieg etwas verwirrend. das Original Twelve Post-War Tales passt da schon besser, denn er ist allgemeiner. Ansonsten ist der deutsche Text fabelhaft übersetzt, denn selbst sehr englische umgangssprachliche und idiomatische Wendungen werden treffend ins Deutsche übersetzt.

Ein ausgezeichnetes Buch, in einfacher Sprache geschrieben, das „unter die Haut geht“.

Titelbild

Graham Swift: Nach dem Krieg. Zwölf Erzählungen.
Aus dem Englischen von Susanne Höbel.
dtv Verlag, München 2025.
292 Seiten , 25,00 EUR.
ISBN-13: 9783423284622

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