Du sollst töten
Einige Überlegungen zu Szczepan Twardochs Roman „Die Nulllinie“
Von Karl-Josef Müller
Flavius Vegetius Renatus
Es ist nicht so, dass Szczepan Twardoch für seinen Roman einen fiktiven Ort an der russisch-ukrainischen Front gewählt hätte. „Selbstmordkommando‘ am Dnipro“ lautet die Überschrift eines Artikels von Jakob Hartung auf t-online vom 17. Juli 2024.
Im Herbst 2023 hatten ukrainische Marinesoldaten den Dnipro überquert und den Ort auf der östlichen Seite des breiten Flusses eingenommen, die von Russland kontrolliert wird. Er sollte als Brückenkopf fungieren, also als Ausgangsbasis für weitere Operationen auf der von Russland besetzten Seite des Dnipro dienen. Putins Truppen gelang es jedoch schnell, den Brückenkopf abzuriegeln und weitere Geländegewinne zu verhindern. Die Versorgung und Rotation der ukrainischen Truppen erfolgte daraufhin über Boote, die immer wieder zum Ziel russischer Kampfdrohnen wurden.
Der Brückenkopf musste aufgegeben werden, und folgerichtig lautet die Frage des Journalisten von t-online „War alles umsonst?“. Bereits auf den ersten Romanseiten wird deutlich, auf welches Hasardspiel sich die Kämpfer in ihren provisorischen Unterständen haben einlassen müssen:
Für euch gibt es keine Versorgung per Boot mehr, nur noch per Drohne. Zu viel Packeis auf dem Fluss, die Boote kommen zu langsam voran und sind dem Beschuss ausgesetzt. Zu wenig REBs, elektronische Störsender, die die gefährdeten Boote vor Drohnen schützen. Zu wenig Boote. Zu wenig Leute. Zu wenig von allem, nur Päderussen und Dnipro-Eis gibt’s zuhauf, plus durchdringende, feuchte Kühle.
Dazu passt die Aussage eines ukrainischen Soldaten, die Jakob Hartung aus einem Interview der New York Times zitiert: „‚Es ist kein Kampf ums Überleben‘, fügte der Soldat hinzu. ‚Es ist ein Selbstmordkommando.‘“
Nur wenn bedacht wird, dass Twardoch sich in diesem Roman auf ein genau benennbares Kampfgeschehen im Winter 2023/2024 bezieht, kann man dem Werk gerecht werden.
Gleichzeitig allerdings übersteigt das Romangeschehen die historisch benennbare militärische Operation am Dnipro. Wir zitieren aus einem Interview mit Twardoch vom April dieses Jahres:
Thomas Böhm: Zum Schluss erlauben Sie eine persönliche Frage: Was ist ihr Antrieb, in diesem Krieg präsent zu sein. Hilfe zu liefern, bei den Soldaten zu sein?
Szczepan Twardoch: Nun, weil es von meinem Wohnort Pirogovice in Oberschlesien anderthalb Tage mit dem Auto zu den Schützengräben im Donbass sind. Nur anderthalb Tage. Dieser Krieg ist so nah an meinem Zuhause. Er ist so nah an der Grenze meines Landes. Er betrifft mich so sehr, dass ich ihn nicht ignorieren konnte. Ich verspürte diesen Drang zu helfen, zumindest auf diese bescheidene Art und Weise, die mir möglich ist, zum Beispiel durch Spendensammeln, den Kauf von Ausrüstung wie Autos, Drohnen, Zielfernrohren für Gewehre und so weiter. Einfach um bei diesem großartigen und zugleich edlen Bemühen zu helfen, Menschen zu verteidigen, die so leben wollen, wie sie leben wollen, und nicht auf eine Art und Weise, die ihnen aufgezwungen werden soll.
Eine provozierende Aussage, sollte man meinen. Wie selbstverständlich spricht Twardoch im Interview von einem „großartigen und edlen Bemühen“, und an einigen Stellen des Romans sind wir nicht weit entfernt von Ernst Jüngers Werken In Stahlgewittern sowie Der Kampf als inneres Erlebnis.
In seinem Tagebuch vom Leben und Reisen mit dem Titel Wale und Nachtfalter aus dem Jahr 2015 kommt Twardoch auf Jünger zu sprechen: “Wir waren nach Wilfingen gefahren, weil ich den Ort sehen wollte, an dem ein halbes Jahrhundert lang Jünger gewohnt hat, ein Autor, dessen Bücher für mich wichtig sind.“
Wir wissen nicht, ob Twardoch Jüngers Aufzeichnungen Das Wäldchen 125 kennt; einiges allerdings spricht dafür, dass er sich bei der Schilderung der Ereignisse an der ukrainisch-russischen Front, an denen er ja nicht selbst teilgenommen hat, an Jüngers Text orientiert haben könnte. Denn eines ist beiden Texten gemeinsam: Der erbitterte Kampf um ein letztlich unbedeutendes Stück Land ist zum Scheitern verurteilt, ein Himmelfahrstkommando eben. Mit dem Unterschied, dass Jünger die Kämpfe überlebt hat, während Koń, die Figur, aus deren Perspektive Twardoch das Geschehen am Dnjepr schildert, am Ende des Romans den Tod findet.
Als Unterstützer des ukrainischen Kampfes bringt Twardoch „Autos, Drohnen“ sowie „Zielfernrohren für Gewehre“ an die Front; nach den uns bekannten Informationen dürfen wir davon ausgehen, dass er dabei dem eigentlichen Kriegsgeschehen zwar nahekommt, aber nicht daran beteiligt ist. Im Roman jedoch überschreitet der Erzähler diese Grenze und überquert den Dnipro, um zu schildern, was es bedeutet, an der Nulllinie des Krieges wie des eigenen Lebens dieses aufs Spiel zu setzen.
Ein literarisches Unternehmen am Rande der Hybris. Denn wer könnte für sich in Anspruch nehmen zu schildern, wie genau es sich anfühlt, wenn über dem eigenen Kopf das surrende Geräusch der todbringenden Drohne zu vernehmen ist?
Erst nachdem die Stimme des Erzählers auf der letzten Seite des Romans mitten im Satz verstummt, ergreift Szczepan Twardoch das Wort:
„Die Nulllinie“ ist ein Roman über den wirklichen Krieg, jedoch sind die darin beschriebenen Personen und Ereignisse fiktiv; sie müssen es sein, damit ich diesen Krieg so nah an der Wahrheit beschreiben kann, wie ich es vermag.
Ein dialektischer Gedanke: Es braucht die Fiktion, also etwas Erdachtes, um dem nahe zu kommen, was wirklich geschieht, nämlich der Krieg. Die Nulllinie markiert damit eine unüberwindbare Grenze und erhebt gleichzeitig den Anspruch, eben diese Grenze zwar nicht überwinden zu können, ihr aber unglaublich nahe zu rücken. Nicht mit dem Anspruch zu zeigen, was ist, sondern aus dem unabweisbaren Verlangen nach größtmöglicher Annäherung.
Koń und sein Kriegskamerad Welesowytsch streiten sich – freundschaftlich – darüber, wie eine Pistole am besten zu bedienen ist: „Ihr wetteifertet darum, wer die Waffe schneller hervorholt und abdrückt, ihr wart schon betrunken.“ Nichts deutet zunächst darauf hin, dass sich aus diesem ‚Fachgespräch‘ ein ernsthafter Konflikt entwickeln könnte.
Um Welesowytsch zu zeigen, der Rückstoß einer Pistole wirke viel geringer, „wenn das Bein der stärkeren Körperseite hinten sei,“ tritt Koń „auf ihn zu“ und bittet ihn „sich breitbeinig hinzustellen“ und fragt ihn „höflich, ob du dürftest, ja, und hast ihn dann kräftig an den Schultern geschubst“. Nichts Bedrohliches ist geschehen, man redet zunächst miteinander, einvernehmlich soll etwas vorgeführt werden, um die Vorteile der eigenen Vorgehensweise im Umgang mit der Waffe zu demonstrieren. Ein Wettkampf, bei dem man sich vorab über die Regeln einigt.
Und es geschieht zunächst ja auch nichts Dramatisches. Welesowytsch „geriet ins Schwanken und musste einen Schritt zurücktun, um nicht umzukippen“. Doch noch während dieser harmlosen körperlichen Reaktion, im gleichen Augenblick,
hast du in seinen Augen, in seinem Blick etwas gesehen, als müsstest du damit rechnen, dass er es dir in der nächsten Sekunde zurückgibt, mit seiner wuchtigen Faust ans Kinn, oder, verschlagene Schlange, mit dem Messer, das er wie alle anderen an einem Clip in der rechten Hosentasche trug.
Ein Ausbruch von Gewalt scheint bevorzustehen, wie aus dem Nichts und durch nichts gerechtfertigt:
In dieser Sekunde sahst du in seinem Gesicht die nackte Wut, Zorn einer Art, wie du ihn fast nie im Leben gesehen hattest, die Bereitschaft zur sofortigen, schieren Gewalt.
Schauen wir, indem wir gemeinsam mit Koń in das Gesicht von Welesowytsch blicken, in den Abgrund von Gewalt, den der von Russland begonnene Angriffskrieg aufgerissen hat? Sieht so der „wirkliche Krieg“ aus, der allein in der Fiktion, einer Epiphanie gleich, zur Erscheinung gebracht werden kann?
Aber vielleicht zeigt diese Szene noch etwas anderes, nämlich dass die Gewalttätigkeit des Gegners verantwortlich gemacht werden muss für kaum kontrollierbare Gewaltausbrüche in den eigenen Reihen. Immer wieder berichtet der Erzähler von seiner Schuld, ohne dass uns klargeworden wäre, worin diese besteht. Der Aggressor bedroht nicht nur Leib und Leben der Angegriffenen, nein, er beschädigt auch deren Psyche, er treibt sie in die Gewalt und lässt sie dergestalt schuldig werden.
Erst wenn in Erwägung gezogen wird, dass ja überhaupt nicht klar ist, wer diesen Roman wann aus welcher Perspektive erzählt, erst dann kommt das Erzählte zu sich selbst; erst dann lässt sich erahnen, dass, wer diesen Roman liest, nicht erfährt, was an der Front, an der Nullinie sich abspielt, sondern vor allen Dingen darüber unterrichtet wird, dass dieses Geschehen jeden Verstand – und noch mehr jeden Gefühlshaushalt – gnadenlos überfordert.
Sie werden die Dinge nicht mehr so sehen, hören, empfinden, wie Sie sie ursprünglich erlebt haben, sondern sich mehr oder weniger wie eine fremde Person in einer Szene auftreten sehen. Bei der erinnernden Rückschau ist also eine gehörige Portion Erfindung mit im Spiel: Man sieht sich so, wie andere einen sehen. Die Erinnerung ist das Medium des »So muß es gewesen sein«.
Wir wissen nicht, wie genau Twardoch die zentrale Schrift des Psychologen Julian Jaynes mit dem Titel The Origin of Consciousness in the Breakdown of the Bicameral Mind, deutscher Titel Der Ursprung des Bewusstseins durch den Zusammenbruch der bikameralen Psyche kennt, aus der wir hier zitieren. Im Angesicht des unmittelbar bevorstehenden Todes gelangt Koń zu der Erkenntnis, dass nicht er selbst als ein Ich spricht, auch nicht als ein Es, sondern „die Stimme Gottes in deinem Kopf, wie in Julian Jaynes‘ Buch darüber, dass die Menschen früher kein Bewusstsein besaßen, sondern die Stimme Gottes hörten“.
Was folgt daraus für das, was wir auf diesen 255 Seiten gelesen haben; was folgt daraus, wenn wir nicht vergessen, diese letzte Seite umzublättern, um im Nachsatz die bereits zitierte Anmerkung des Autors zu lesen?
Einerseits führt uns Twardoch sehr nahe heran an die Unterstände, die Kälte, den Schlamm, die Bedrohung und die permanente Todesgefahr. Gleichzeitig fühlt sich Koń fremd in dieser Umgebung, wie könnte es auch anders sein. Für ihn gilt der Satz aus Rilkes Erster Duineser Elegie: „daß wir nicht sehr verläßlich zu Haus sind / in der gedeuteten Welt.“
Vielleicht liegt die Qualität von Kunst gerade im Verzicht auf das Verlässliche. Im Verzicht darauf, definieren und zeigen zu wollen, was der Fall ist. Vielleicht auch im Verzicht darauf, so etwas wie Weisheit vermitteln zu wollen. Twardoch kann nicht deutlich genug darauf hinweisen, dass Weisheit von ihm nicht zu erwarten ist, hier nur ein entsprechendes Zitat aus Wale und Nachtfalter:
Am Morgen stecke ich mir vor dem Frühstück eine Zigarette an, beim frostigen Gang zum Brötchenholen. Sie schmeckt. Ich bin nicht weise. Ich lebe.
Schon sein Sohn scheint wie Rilke zu ahnen, dass dieses Leben keines ist, in dem man sich wie selbstverständlich bewegt und handelt. Eine Vorschulerzieherin kommt zu der für sie besorgniserregenden Erkenntnis über das Kind „Er lebt in seiner ganz eigenen Welt.“ Doch diese Besorgnis kann der Vater nicht teilen, im Gegenteil:
Es freut mich, dass er schon gelernt hat, sich diesen Panzer aus halbdurchlässigem Glas zu bauen, der es immer neuen Sensibelchen meiner Familie gestattet, in der Realität zu funktionieren, und zwar trotz ihrer evidenten Loslösung von derselben ganz erfolgreich.
Hat all das etwas zu tun mit dem Krieg in der Ukraine, wie Twardoch ihn schildert? Insofern, als auch der mysteriöse Erzähler mit dem Nom de guerre Koń alles, was er sieht und erlebt, durch so etwas wie einen „Panzer aus halbdurchlässigem Glas“ wahrnimmt. Es ist eine Illusion zu glauben, dass wir so etwas wie einen unmittelbaren Zugang zur Wirklichkeit hätten; eine noch größere Illusion ist es zu meinen, jemand könnte uns mit Hilfe eines Textes teilhaben lassen an dem absurden Geschehen dieses Krieges.
Dennoch bleibt eines gewiss, und dem wollen und müssen wir uns anschließen: Dieser Krieg ist ein barbarischer Angriffskrieg, geführt von einem Diktator, dem alles daran gelegen zu sein scheint, die Ahnenreihe der Diktatoren des 20. Jahrhunderts fortzusetzen. Und diesen Krieg mit den beschränkten Mitteln der Kunst beschreiben zu wollen, ist ein vielleicht sinnloses, aber unverzichtbares Unterfangen. Twardochs Roman rückt an die Seite von Picassos monumentalem Gemälde Guernica, und würde der Diktator aus dem Osten Twardoch fragen, ob er das geschrieben hat, so würde die Antwort des Autors vielleicht lauten wie die Picassos auf die Frage eines deutschen Soldaten:
Nach einer Anekdote durchsuchte die Gestapo seine Wohnung. Bei ihrem Besuch zeigte er ihnen ein Schwarz-Weiß-Foto von Guernica. Als ein deutscher Soldat ihn fragte, ob er es getan habe, antwortete er: „Nein, du warst es!“
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