Eine erste Hochrechnung
Leon Englers meisterhaftes Debut „Botanik des Wahnsinns“ geht unter die Haut
Von Peter Mohr
Um es gleich vorwegzunehmen: Dem 36-jährigen Leon Engler ist mit seinem ersten Roman Botanik des Wahnsinns ein großer literarischer Wurf gelungen. „Ich mache eine erste Hochrechnung. Es sieht nicht gut für mich aus“, befindet die Hauptfigur Leon, ein Mann von Anfang dreißig, der sich intensiv mit seiner Familiengeschichte auseinandersetzt – ganz speziell mit den psychischen Erkrankungen seiner Vorfahren.
Leon Engler, der 2022 mit dem 3sat-Preis beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt ausgezeichnet wurde, weiß, wovon er schreibt. 2018 hat er sein Psychologiestudium mit dem Master abgeschlossen.
„Wir sagten nicht, was wir gerne gesagt hätten. das taten wir nie. Wir waren aber auch nie zufrieden mit dem, was wir stattdessen sagten. Es blieb an der Oberfläche. Darunter sammelte sich, wie Staub unter einer alten Couch, das Nicht-Gesagte“, heißt es zu Beginn des Romans. Der Autor lässt seinen Protagonisten in Erinnerungen und Krankenakten wühlen. Er taucht tief ein in die von Depressionen, Verfolgungswahn und Alkohol- und Drogenkonsum geprägten Biografien seiner Vorfahren.
Ich schneide in das Leben anderer, lege die Familie auf den Seziertisch, doch ich selbst bleibe heil. Meine Ahnen werden zu Trinkern, Tagträumern, Tagelöhnern
lautet die schmerzhafte Erkenntnis des jungen Mannes. Schizophrene, Bipolare, Depressive, manisch Süchtige werden diese Personen im kalten Medizinerjargon genannt. Um die psychischen Erkrankungen zu verstehen, vertieft sich der Ich-Erzähler in psychologisch-medizinische Fachlektüre. Er verspricht sich, dass durch das hinzugewonnene theoretische Wissen, die Schrecken und Schmerzen leichter zu ertragen seien. Leon hofft auf eine Lösung durch den Start in ein Psychologiestudium. Doch irgendwann brechen die getrenntlebenden Eltern den Kontakt zu ihm ab. „Ich muss mich geschlagen geben. Es ist nicht mein Kampf, den ich verliere. Aber ich verliere dennoch. Ich verliere meine Eltern.“ Und im Hinterkopf schwingen die bösen Ahnungen mit, auch von ähnlichen Krankheiten heimgesucht werden zu können – die Angst vor dem Wahnsinn bildet eine beklemmende Hintergrundmelodie.
Autor Leon Engler bekannte über die Arbeit an seinem literarischen Erstling:
Später saß ich noch mal davor mit meinem Wissen aus dem Psychologie-Studium und konnte das dann einordnen und bin so im Grunde meinem Großvater begegnet über eine Krankengeschichte und habe versucht dann aus dieser Krankengeschichte wiederum eine Lebensgeschichte zu machen.
Leon Englers Roman über den von existenziellen Ängsten geplagten Davongekommenen ist auf drei unterschiedlichen Erzählebenen angesiedelt: die erzählerische Gegenwart der Hauptfigur, das Rekonstruieren der Familiengeschichte und (die etwas zu lang geratenen) theoretische Passagen über Psychologie und Psychotherapie. Er fühle sich eher wie der Zwilling des Ich-Erzählers Leon, 30 Prozent gleich, 70 Prozent anders“, hat der Autor kürzlich erklärt.
Der Autor versteht es großartig, wechselnde Stimmungen zu evozieren – zwischen Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung, Trauer und wiedergewonnener Lebensfreude. Über die Mutter der Hauptfigur heißt es: „Sie war so kraftlos, so hoffnungslos, so lebenslos, lag herum wie die Wäsche, die sie nicht mehr wusch und die Briefe, die sie nicht mehr öffnete.“
Botanik des Wahnsinns ist ein Roman, der tief unter die Haut geht und dessen Lektüre Narben hinterlassen kann. Schmerzhaft und aufwühlend – ein Debüt ohne Anfängerhaftes. Das frühe Meisterstück eines literarischen Lehrlings. Den Namen Leon Engler müssen wir uns merken.
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