Für den Frieden
Johann Georg Lughofer legt eine kompakte und doch sehr detailreiche Biografie der Pazifistin Bertha von Suttner vor
Von Martin Lowsky
Schon bevor die aus Böhmen stammende Österreicherin Bertha von Suttner (1843–1914) 1905 den Friedensnobelpreis erhielt, hatte sie sich einen Namen gemacht: als naturalistische Autorin. Die Pazifistin kam also von der Schriftstellerei her. Im ersten Jahrgang (1885) der rebellischen Literaturzeitschrift ‚Die Gesellschaft‘ war sie mit dem Essay Wahrheit oder Lüge vertreten, einer Art naturalistischer Programmschrift, worauf Roy C. Cowen in seinem renommierten Naturalismus-Handbuch (erste Auflage 1973) hinweist. Johann Georg Lughofer beleuchtet in seiner Biographie über die Freidenkerin und Pazifistin die Beziehung Suttners zu der Zeitschrift nur am Rande und zitiert den Essay leider aus zweiter Hand. Aber, und das ist entscheidend: Lughofer sieht Suttner zunächst als eine für sich sorgende Schriftstellerin. Sie und ihr Mann, ebenfalls Autor, mussten vom Schreiben leben, was erklärt, dass sie in ihre Erzählungen bei aller naturalistischen Ausrichtung auch Gefühlsseligkeiten, ja Kitsch einfließen ließ – die Werke sollten sich ja verkaufen. Diese Doppelnatur kennzeichnet auch ihr Hauptwerk, den Roman Die Waffen nieder! von 1889.
In diesem als Familienroman angelegten Buch beschreibt Pazifistin Suttner auch krass die Kriegsgräuel: „Der Unterkiefer weggeschossen, ein Auge herausquellend, […] Qualm von Blut- und Unratgeruch.“ Der Roman erwähnt die sexuelle Entmannung durch Kriegsverletzung – bitterer Hohn auf den Männlichkeitswahn, der der Kriegslust innewohnt. Suttner hat die meiste Zeit ihres Lebens in Wien verbracht, hat privat Philosophie und Naturwissenschaften sowie Gesang studiert, als Gouvernante gearbeitet und einige Zeit in Georgien und in Paris gelebt – wodurch sie eine reiche Welterfahrung erwarb. 1891 wurde sie die Präsidentin der gerade gegründeten Österreichischen Friedensgesellschaft, von 1892 bis 1899 gab sie die Zeitschrift ‚Die Waffen nieder!‘ (späterer Titel ‚Die Friedenswarte‘) heraus. Sie hatte Kontakt mit Redaktionen in aller Welt, unternahm Vortragsreisen (mehrfach auch in die USA) und suchte das Gespräch mit den Herrschenden; 1905 empfing sie der Präsident Theodore Roosevelt im Weißen Haus, 1908 empfing sie beim Londoner Friedenskongress der englische König. Sie korrespondierte freundschaftlich mit Sozialdemokraten wie August Bebel, ohne sich allerdings parteilich zu binden, und mit Theodor Herzl, dessen zionistischen Überlegungen sie allerdings nicht folgen konnte (soll da „ein neuer Rassestolz entfacht werden?“).
Bertha von Suttner trat für die Gründung internationaler Schiedsgerichte ein. Ein solches wurde 1899 in Den Haag gegründet und existiert bis heute; es löste Streitfragen wie die Ablösung Norwegens von Schweden 1908 und den englisch-amerikanischen Konflikt von 1911.
In ihrer Aufsatzsammlung Das Maschinenzeitalter bedauert Suttner auch, dass der Krieg den Einsatz und den Tod der „Besseren“ und Gesunden unter den Männern verlange und damit das Überleben der Menschheit gerade umgekehrt den Schwachen und Behinderten zuweise, was „Degeneration“ bedeute. Lughofer nennt diese Argumentationslinie schwer erträglich. Doch sie geht wohl auf eine Satire in Christoph Martin Wielands Abderiten zurück (von Karl May neu gefasst in seinem Dschinnistan 1907), die ätzend-unbefangen die Krüppel als die eigentlichen Kriegstauglichen anzupreisen versucht.
Lughofer gibt dieses Fazit über Suttners Lebenswerk:
Waffenverbote, internationale Schiedsgerichtsbarkeit und Völkerrecht sind heute fest etabliert. In den Lehrplänen sind interkulturelle Kommunikation sowie Toleranz- und Friedenserziehung selbstverständlich vertreten. Dabei haben große Erfolge aus Suttners Zeit mitgeholfen: die Haager Friedenskonferenzen 1899 und 1907.
Ein zweites Fazit liefert Lughofer indirekt: Der Suttner’sche Pazifismus ist pragmatisch. Er geht von der Einsicht aus, dass zwischen den Staaten Konflikte entstehen und immer entstehen werden, und dass es den Willen geben muss, diese Konflikte rational, juristisch solide, ohne Hauen und Stechen zu lösen.
Im Sinne der Theorien des literarischen Naturalismus begründete Suttner ihr Streben wissenschaftlich. Sie sah Darwins Abstammungslehre als zukunftsweisend an; es gebe ein ewiges Werden, und dieses Werden sei zwangsläufig ein Veredeln. Von hier aus wollte sie die Politik und das Alltagsverhalten ändern: Sie trat antiklerikal auf (Kirchen dürfen den Kampf nicht segnen), sie attackierte die Rüstung („internationale Mordindustrie“), sie war für die Rechte der Frau, geißelte den Antisemitismus und war gegen die Vivisektion, die Tierversuche. Auch kritisierte sie den Kolonialismus als „Raubpolitik“.
Lughofer geht auf all dies ein, kennzeichnet Bertha von Suttner jedoch auch als ein Kind ihrer Zeit; nannte sie doch außereuropäische Kulturen primitiv, hatte adeligen Standesdünkel, war allzu wissenschaftsgläubig. Nein, Lughofer will seine Protagonistin nicht bedenkenlos glorifizieren. Auch dies ein Vorzug dieser gehaltvollen Biografie.
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