Wir wachsen am Rand der Welt

Diana Jahrs „in der stille | werden wir durstig sein“ ist ein Gedichtband im Spiegel unserer Zeit

Von Michael EschmannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Michael Eschmann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Für die Lyrikerin Diana Jahr (*1970 Dortmund) liegt die Welt im Klimakterium, in der ökologischen und philosophischen Existenzkrise. Niemand weiß, wohin es gehen wird. Und gleich am Anfang des Buches, das im Übrigen auf Inhaltsverzeichnis, Interpunktion und Seitenzahlen bewusst verzichtet, erfährt der Leser, was für ein Wunder es ist, dass wir alle überhaupt (noch) existieren können. Aber auch, wie seltsam das biologische Wechselspiel von Leben und Tod immer bleiben wird, da in jedem von uns eine Uhr ohne Zeiger tickt.

sind wir staubkörner

ich gehe barfuß
über trockenes licht
fällt ein schleier
regen ist ein schöner name
für fruchtbarkeit
wir wachsen am rand der Welt
oder wurzeln in der einsamkeit
einer frau eines mannes
eines meeres
irgendwo in der mitte der nacht
sehen wir uns an
wie klein wir sind
und wie groß
das staunen

Dennoch bleibt eine Bewunderung für die Großartigkeit der Natur. Und gleichzeitig aber auch eine diffuse Angst, verbunden mit der Frage, ob dies nicht alles bald verloren sein wird. Denn die Klimaveränderungen sind da, die Erde ist in einer gefährlichen Situation. Und wir alle wissen: Es bedeutet nichts Gutes, wenn Gletscher dahin schmelzen und Täler donnernd überflutet werden. Oder wenn die Polkappen schmelzen und Eisbären um ihr Überleben kämpfen müssen.

weinst du eisbär

oder ist es schmelzwasser
das dir aus den augen rinnt
die eisscholle hält
nicht mehr lange
und du mutierst
zum fischer
ich hoffe
es bleibt kalt genug
für dich
zum überleben
außerhalb eines gedichts

Jahrs Gedichte lesen sich leicht, dank der klaren Sprache und trotz der manchmal bedrohlichen Thematik. Was ganz wichtig ist: Die Texte machen nicht traurig. Und gerade dies zeichnet das Buch aus – es klagt nicht an, es deutet aber auf so vieles hin. Es ist noch nicht einmal melancholisch, jedoch sehr nachdenklich. Die Stimmung der Texte ist weder optimistisch noch gar pessimistisch, sondern sehr realistisch. Denn die menschliche Hilflosigkeit bei allen Problemen, die auch die Autorin spürt, kreist um die Existenzfrage der Menschheit: Gibt es vielleicht noch eine Rettung für diesen Planeten? Trotz aller Gefahren (Überbevölkerung, Klima, Kriege und Seuchen) bleiben die Texte ruhig und sachlich, jedoch niemals kühl. Sie kennen keine Wut, keine Verzweiflung, noch nicht einmal Protest, vielleicht nur fragende Skepsis. Warum konnte es überhaupt so weit kommen?

woher wohin

mir liegen keine frühlings-
lieder auf den lippen
eine dürre
sonne
bricht sich bahn
durchleuchtet jeden winkel
auf sand geh ich
einem grün entgegen.

Ein Gedicht muss weder Trost noch Hoffnung bieten, denn Lyrik ist keine Kirchenpredigt.

Aber was gute Lyrik wirklich leisten sollte, ist eine Brücke zwischen dem Text und der Leserschaft zu finden. Hier ist es gelungen. Die Autorin nennt die eigenen Texte „lyrische betrachtungen“ und das trifft es sehr gut. Es sind Gedichte, poetische Gedankensplitter, verbunden mit einer Natur, die entweder Rückzugsort oder immer wieder neue Inspirationsquelle für das künstlerische Ich wird. Und bei Diana Jahr ist Poesie das kreative Licht gegen die Schatten dieser Welt. Das Wort Stille hat hier große Bedeutung. Denn aus ihr entspringt der Anfang allen Seins. Und daraus erfolgt wiederum das Staunen. Und erst jetzt, also viel später, entsteht das (geschriebene) Wort.

vom wind habe ich die stille gelernt

und all die anderen zeichen
stehen offen für den ersten monat
eines neuen jahres
welche wahrheit ist wirklich
deine oder meine oder
gibt es nur uns
ein aufatmen
im winter sammle ich bilder
aus sand aus schnee ein paar
schneisen im land gewinnen wir
und gründeln im grunde
der erde gehört der puls
zum leben zum beispiel
eine eiszeitliebe

Auch in schwierigen Zeiten sollte es zur Überlebensstrategie des Menschen gehören, das Leben zu genießen: Trotz alledem. Denn wir leben nur einmal. Das vorletzte Gedicht im Buch darf deshalb als poetische Lebenshilfe verstanden werden.

am ende des tages

auf der terrasse
mit einem glas wein
und einer gauloise
an dich denken:
glück
später mit einem gedicht
das klima ausblenden
und in die nacht segeln
zu noch vorhandenen
ufern

Zuletzt: Das Buch besitzt eine außergewöhnliche Buchgestaltung. Es ist recht klein: 8,5 x 15 cm. Das erinnert an die mittelalterlichen Breviere, die die Mönche mit sich trugen, um schnell das katholische Stundengebet vollziehen zu können. Sollte dies die Absicht der Autorin gewesen sein, wäre es im vorliegenden Fall mehr als geistreich und originell gewesen: Lyrik als poetischer Verbandskasten gegen jegliche Form von leichten Alltagsverletzungen. Die Papierart Gmund passt ideal zu den Texten. Die offene Fadenheftung des Einbandes hingegen irritiert. Jedes Mal, wenn ich zu dem Bändchen in meinem Regal blicke, denke ich, es muss zum Buchbinder gebracht werden.

Titelbild

Diana Jahr: in der stille | werden wir durstig sein. lyrische betrachtungen.
Schillo Verlag, München 2025.
108 Seiten , 14,00 EUR.
ISBN-13: 9783944716336

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