Wirbelndes Lebenspanorama

Jean-Baptiste Andrea erzählt in „Was ich von ihr weiß“ auf packende und vielschichtige Weise die Lebens- und Liebes-Geschichte eines kleinwüchsigen Bildhauers im Italien des vergangenen Jahrhunderts

Von Karsten HerrmannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Karsten Herrmann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Seit wann können Tote ihre Geschichte nicht mehr erzählen?“ Michelangelo „Mimo“ Vitaliani liegt in einer abgeschiedenen Abtei auf dem Sterbebett und lässt sein bewegtes Leben in einer bewegten Zeit Revue passieren. Als Sohn von italienischen Migranten in Frankreich geboren, wird er als 12-Jähriger zur Zeit des Ersten Weltkriegs zurück nach Italien geschickt, um wie sein Vater Steinbildhauer zu werden. Auf der Reise mit der Bahn lernt er eine entfesselte Welt kennen und landet im „schönsten Futurismus“:

Die Welt war nichts als Geschwindigkeit, mit der Schnitte, Züge, Kugeln dahinschossen, Schicksale umschlugen oder Bündnisse wechselten.

Mit seinem ihn gnadenlos ausnutzenden Lehrmeister bezieht er eine Werkstatt im ligurischen Dorf Pietra D’Alba, das von den adeligen Orsinis geprägt wird. Bei einem Sturz von ihrem Dach lernt er die Tochter der Orsinis kennen: „Sie lächelte, ein Lächeln, das dreißig Jahre währte und an dessen Zipfel ich mich hängte, um viele Abgründe zu überwinden.“

Über alle Konventionen und Klassenunterschiede hinweg treffen sich die beiden und fühlen sich als „kosmische Zwillinge“ von Anfang an tief verbunden. Die eigenwillige, wissbegierige und genialische Viola führt Mimo in die Welt der Bücher und der Kunst ein. Ihr Traum ist das Fliegen und gemeinsam arbeiten sie an einem Plan à la da Vinci: „Viola war eine Seiltänzerin, die auf einer unscharfen, zwischen zwei Welten gespannten Grenze balancierte“.

Doch Viola stürzt in einem doppelten Sinne ab und wird für Mimo unerreichbar. Gefördert von Francesco Orsini, der eine steile Karriere im Vatikan vor sich hat, geht er schweren Herzens nach Genua, um sein sich offenbarendes Bildhauer-Talent in einer Meister-Werkstatt weiterzuentwickeln. Doch tief unglücklich verfällt er hier dem Rausch der Nacht und dem Alkohol und landet in einem Zirkus – um dann wieder aufzustehen und eine kometenhafte Karriere zu starten, die ihn schließlich auch in die Fänge von Mussolinis Faschismus und eines von ihm propagierten „neuen Menschen“ führt.

Jean-Baptiste Andrea zeigt sich in dem mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Was ich von ihr weiß als ein meisterhafter Erzähler, der den Leser tief in seine sinnlich-süffige Prosa zieht. In origineller Komposition verbindet er die turbulente – allerdings an einigen Stellen nicht sehr wahrscheinlich erscheinende – Lebensgeschichte seines Protagonisten mit der technischen, sozialen und politischen Entwicklung in Italien und Europa. Exemplarisch steht Viola dabei auch für den Versuch, sich über Tradition und Konvention hinweg die eigene Freiheit zu bewahren und sich zu emanzipieren. Doch im Herzen des Romans steht die außergewöhnliche, tiefe Liebe zwischen Viola und Mimo – eine Liebe, die sich nie erfüllen kann und um die ein Wirbel aus Aufstieg, Scheitern und Fall der Protagonisten tobt.

Titelbild

Jean-Baptiste Andrea: Was ich von ihr weiß. Roman – Ausgezeichnet mit dem Prix Goncourt.
Aus dem Französischen von Thomas Brovot.
Luchterhand Literaturverlag, München 2025.
512 Seiten , 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783630878003

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