Bisher unbekannte Liebesbriefe von Anna Seghers veröffentlicht

Eine Neuerscheinung zum 125. Geburtstag der Schriftstellerin

Von Manfred OrlickRSS-Newsfeed neuer Artikel von Manfred Orlick

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Netty Reiling (später Anna Seghers) studierte ab 1920 in Heidelberg Kunst- und Kulturgeschichte, Geschichte und Sinologie. Gleich zu Beginn des Studiums lernte sie László (Ladislaus) Radványi, einen ungarischen Emigranten, kennen, in den sie sich auf der Stelle verliebte und den sie bald und dann ein ganzes Leben lang „Rodi“ nannte. Netty, am 19. November 1900 in Mainz geboren, war das einzige Kind des angesehenen Kunsthistorikers und Kunsthändlers Isidor Reiling und seiner Frau Hedwig (geb. Fuld) und entstammte einer gutbürgerlichen, jüdisch-religiösen Familie. Der ebenfalls 20-jährige László kam aus einer aufgeklärten jüdischen Kaufmannsfamilie. Er hatte bereits in Budapest ein Studium der Volkswirtschaft und Philosophie begonnen und engagierte sich dort in der revolutionären Studentenbewegung. Nach der Niederschlagung der Ungarischen Räterepublik flüchtete er 1919 über Österreich nach Heidelberg, wo er sein Studium fortsetzte.

Für Netty, das behütete Einzelkind, boten das Universitätsleben und die Bekanntschaft mit László eine Chance, aus dem starren und einengenden Umfeld ihrer orthodoxen Familie auszubrechen. Der Geliebte stellte für sie die Freiheit dar. Gleichzeitig versuchte sie, die Eltern nicht zu verletzen; vor allem zu ihrer Mutter hatte sie eine enge Beziehung. Netty trug sich bald mit dem Gedanken einer Hochzeit und der Gründung einer Familie, was jedoch immer wieder auf den Widerstand besonders des Vaters stieß, denn der mittellose Student war so ziemlich das Gegenteil von dem, was sich die Eltern als Schwiegersohn vorstellten. Nach langen familiären Auseinandersetzungen und ihrer Promotion 1924 heirateten Netty und László am 10. August 1925. Das Paar wohnte in Berlin-Wilmersdorf, wo ein Jahr später der Sohn Peter zur Welt kam.

Zwischen 1921 und 1925 hat Netty Reiling über vierhundert Liebesbriefe an ihren zukünftigen Ehemann geschrieben, die ihr Enkel Jean Radványi nach dem Tod seines Vaters Peter Radványi entdeckte und dem Archiv der Akademie der Künste übergab. Anlässlich des 125. Geburtstages seiner Großmutter hat er sie gemeinsam mit der Literaturwissenschaftlerin Christiane Zehl Romero unter dem Titel Ich will Wirklichkeit im Aufbau Verlag veröffentlicht.

Der über fünf Jahre geführte Briefwechsel, der vom Beginn ihrer Bekanntschaft bis zu ihrer Eheschließung reicht, zeugt von einer leidenschaftlichen Liebe, ist jedoch auch voller Ängste und Verzweiflung. Leider sind die Antworten von László Radványi nicht erhalten. Dennoch lässt sich das Dialogische an vielen Stellen herauslesen. Radványi hatte Schwierigkeiten mit der deutschen Rechtschreibung, und als ungarischer Jude mit Sympathien für kommunistische Ideen scheiterte die Stellensuche in diesen Jahren. So war es Anna Seghers‘ größte Sorge, dass sich ihr Geliebter im Ausland nach einer Arbeit umsah.

Die ersten Briefe vom März 1921, die Reiling nach Wien schickte, wo Radványi sein Philosophiestudium fortsetzte, dokumentieren bereits eine Hoffnung auf eine Befreiung aus dem familiären Korsett: „Nun ist’s mir aber, als ob etwas endlich in mir aufgesprungen, u ich im Stande sei, Dir doch einmal zu zeigen, was alles in mir ist.“ (10.3.1921)

In diesen Briefen wollte Reiling ihre Liebe festhalten. Ständig erfand sie neue Kosenamen für ihren Rodi und deutete schon bald einen Lebensbund an. Um diesen nicht zu gefährden, gab sie ihrem Bräutigam häufig strikte Anweisungen, sich in seinen politischen Äußerungen gegenüber den Eltern zu mäßigen: „Dein Gespräch mit Mutter hat schlimme sehr schlimme Folgen gehabt. Vieles, mein Herz, hättest Du lieber nicht gesagt.“ (26.9.1922)

Irgendwann war es ihren Eltern nicht mehr möglich, sich gegen eine Eheschließung zu sperren. Sie legten aber Wert auf eine Hochzeit nach jüdischer Tradition, womit sich Netty schließlich arrangierte.

Neben der Liebesbeziehung geben diese anrührenden, ja intimen Briefe auch einen Einblick in die politischen Ansichten von Netty Reiling, die eng mit der jüdischen Tradition verbunden war. 1925 war sie noch nicht Mitglied der Kommunistischen Partei („ein großes großes Tier mit bösen Augen, wovor ich Furcht hab“), in der ihr Mann längst aktiv war. In diese Jahre fiel auch der Beginn ihrer schriftstellerischen Tätigkeit. 1924 erschien ihr erstes Werk, die Erzählung Die Toten auf der Insel Djal, in der Weihnachtsbeilage der Frankfurter Zeitung unter dem Pseudonym Antje Seghers. Außerdem arbeitete die engagierte Studentin ehrenamtlich in einer Kinderlesehalle.

Diese Briefe zeigen eine sehr emotionale Seite der jungen Anna Seghers, die später als eher kühl und unnahbar beschrieben wurde. In dem mittellosen ungarischen Studenten hatte sie ihre große Liebe gefunden, eine Liebe, die das ganze Leben gehalten hat – über die Flucht aus Nazideutschland, die Exiljahre in Frankreich und Mexiko, den Zweiten Weltkrieg und die deutsche Teilung bis zum Tod von László Radványi am 3. Juli 1978 in Ost-Berlin. In seinem umfangreichen Nachwort, unterteilt in thematische Fragestellungen, widmet sich Jean Radványi u. a. dem familiären Hintergrund und dem Studentenleben seiner Großeltern sowie der schwierigen Arbeitssuche seines Großvaters, der schließlich eine Stelle bei der sowjetischen Handelsvertretung in Berlin fand. Ergänzt wird die Neuerscheinung durch eine Zeittafel und einige private Abbildungen.

Titelbild

Anna Seghers: Ich will Wirklichkeit. Liebesbriefe an Rodi 1921–1925.
Hg. von Jean Radvanyi und Christiane Zehl Romero.
Aufbau Verlag, Berlin 2025.
405 Seiten , 28,00 EUR.
ISBN-13: 9783351042509

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