Lebenselixier tschechische Poesie
Der liebevoll aufbereitete Text-Bild-Band „Ich habe die tschechische Sprache geheiratet“ würdigt den deutsch-tschechischen Kontext des Schriftstellers Reiner Kunze und seiner Ehefrau Elisabeth
Von Volker Strebel
Als sich der Schriftsteller Reiner Kunze mit seiner Frau Elisabeth (1933-2024) im Jahr 1977 zur Übersiedelung aus der DDR in die Bundesrepublik gezwungen sah, war er bereits in beiden deutschen Staaten ein bekannter Dichter. Heute zählt der über neunzigjährige Poet zu den bedeutendsten deutschen Autoren. Daneben ist seine deutsch-deutsche Zeitzeugenschaft nicht zuletzt vor dem Hintergrund der russischen Aggression in der Ukraine von bedrückender Aktualität.
Der anstehende 90. Geburtstag der gleichaltrigen Ehepartner war dem Stiftungsrat der in Passau ansässigen „Reiner und Elisabeth Kunze Stiftung“ ein gebotener Anlass, eine Ausstellung über das literarische Lebenswerk von Reiner Kunze zu schaffen. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf dem deutsch-tschechischen Kontext, den Kunze seiner Frau Elisabeth (geborene Mifková) zu verdanken hat. Einst war es die tschechische Staatsbürgerin gewesen, die den Kontakt zu Reiner Kunze gesucht hatte, nachdem sie im Radio seine Gedichte gehört hatte. Nach hunderten von Briefen, in denen sie sich näher kennenlernten, hielt Kunze um ihre Hand an.
Durch Elisabeth war der DDR-Lyriker in die Welt der tschechischen Poesie eingeführt worden. Hier begegnete er einer ihm bislang unbekannten Sprachkraft in einer betörenden Bilderwelt. Seine poetische Ausdrucksweise wurde einer fundamentalen Änderung unterzogen: „Durch die Begegnung mit der tschechischen Poesie ist mir erstmals das Wesen des Poetischen voll bewußt geworden“. Es folgten erste veröffentlichte Übersetzungen von tschechischen Dichtern, anfänglich noch in der DDR, später auch in Westdeutschland. Der Übersetzerpreis des tschechoslowakischen Schriftstellerverbandes, den Kunze 1968 erhalten hatte, war ihm Zuspruch und Ermunterung zugleich. Es sollte sich auch für die Zukunft zeigen, dass der Schriftstellerverband mit seiner Entscheidung richtig gelegen hatte. Im Laufe von sechs Jahrzehnten hat Reiner Kunze Texte von über sechzig tschechischen Dichtern ins Deutsche übertragen. Vor allem in der Bundesrepublik Deutschland nutzte er Lesungen seiner eigenen Gedichte, um Übersetzungen tschechischer Kollegen ein Forum zu verschaffen, zumal diese in ihrer tschechoslowakischen Heimat zumeist einem Veröffentlichungsverbot unterlagen und in Deutschland unbekannt waren. Über viele Jahre hinweg setzte sich Reiner Kunze etwa für das dichterische Werk des mährischen Lyrikers Jan Skácel ein.
Die im vorliegenden Band abgedruckten Beiträge „Die tschechischsprachige Poesie, das Nachdichten und das große E. im Leben von Reiner Kunze“ (19-31) von Linda von Keyserlingk-Rehbein sowie „Dem Dichter bis unter die Oberfläche der Verse folgen. Über die Poesie von Reiner Kunze“(33-44) von Milena Fucimanová halten wertvolle Auskünfte und Einblicke in die ungewöhnliche Grenzüberschreitung eines Wortkünstlers bereit.
Der beginnende Reformprozess der 1960er Jahre in der ČSSR setzte politisch-gesellschaftliche Markierungspunkte. Er gipfelte in der Hoffnung des „Prager Frühlings“ von 1968 und sollte durch die gewaltsame Niederschlagung durch die Warschauer-Pakt Staaten eine fortan anhaltende kulturelle und politische Depression zeitigen.
Stationen wie „Nicht noch einmal / so verführbar. Die 1950er Jahre“ oder „Wir sind am Ende; und ich muß schreiben. Die Niederschlagung des ‚Prager Frühlings‘ und die ‚dunklen 70er Jahre‘“ illustrieren in der vorliegenden Ausgabe die politischen wie mentalen Herausforderungen, denen sich unangepasstes Denken im „real existierenden Sozialismus“ ausgesetzt sah.
Unter der Zusammenfassung „In der Tschechoslowakei habe ich zum ersten Mal begriffen, was das ist, Poesie“ werden Kunzes Erlebnisse in der Tschechoslowakei der 1960er Jahre evoziert. Ein breiterer Raum widmet der Band in diesem Zusammenhang den Porträts der befreundeten Schriftsteller Ludvík Kundera (1920-2010), Milan Kundera (1929-2023) und Jan Skácel (1922-1989). Milan Kundera war nach seinem erzwungenen Exil in Frankreich zu einem weltweit geachteten Schriftsteller geworden, während Ludvík Kundera und Jan Skácel heute zu den bedeutendsten Dichtern tschechischer Sprache gezählt werden.
Den roten Faden freilich, der dieses Buch durchzieht, bildet Kunzes lebendige Beziehung zu Elisabeth – „Meiner Frau, der Wegbereiterin und Wegbegleiterin“. Beide waren in gemeinsamer Liebe zur Poesie verbunden und beide hatten erlebt, wie totalitäre Herrschaft den Versuch unternimmt, die Freiheit des Ausdrucks und des Denkens zu unterbinden. Dies war auch der Grund, warum Reiner Kunze zusammen mit seiner Frau 2006 die gemeinnützige „Reiner und Elisabeth Kunze Stiftung“ ins Leben rief. So ist vorgesehen, das Wohnhaus nach dem Ableben der Stifter zu einer kulturellen und grenzüberschreitenden Begegnungsstätte umzugestalten. Näheres wird im Band unter der programmatischen Überschrift „Für eine Stätte der Zeitzeugenschaft und einen Ort des Schönen. Das künftige Ausstellungs- und Dokumentationshaus in Obernzell-Erlau“ erläutert.
Der vorliegende Band beeindruckt durch seine sorgfältige Zusammenstellung. Er ist konsequent zweisprachig gehalten und mit zahlreichen und bislang zumeist unveröffentlichten, teils farbigen Fotographien sowie Dokumenten versehen. Die Herausgeber konnten dabei nicht zuletzt von der Digitalisierung des Stiftungsarchivs profitieren, die am Lehrstuhl Computational Humanities an der Universität Passau durchgeführt wurde.
Sowohl dieser eindrucksvollen Ausgabe wie auch den Präsentationen in mehreren länderübergreifenden Ausstellungen ist das beeindruckende Porträt einer außergewöhnlichen Lebens- und Schicksalsgemeinschaft gelungen.
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