Die Gesellschaftskritik des Krankenhauses
Matthias Aumüllers Studie „Medikaler Raum in der erzählenden Literatur der DDR“ untersucht unterschwellige Hoffnungen auch in unbekannten Texten
Von Paola Quadrelli
Als dritter Band der Reihe Medical Humanities beim Basler Schwabe Verlag erscheint die Studie des Literaturwissenschaftlers Matthias Aumüller, der medikale Raumstrukturen in Romanen, Erzählungen, Reportagen und Prosaskizzen von DDR-Autoren untersucht. Die Studie, die aus einem Projekt des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) namens Medikale Räume in der Erzählliteratur des langen 20. Jahrhunderts hervorgegangen ist, stellt sich als eine komplexe Abhandlung vor. Ihre literaturtheoretische Fundierung wird im ersten, umfangreichen Teil des Bandes erörtert, indem die in den folgenden Textanalysen angewandten narratologischen Kategorien erläutert werden. Der Blickwinkel ist hier auf die „kognitive Narratologie“ gerichtet. Gerade anhand der klassischen Narratologie stellt der Autor fest, wie die Kategorie „Raum“ bisher weniger Berücksichtigung als die der „Zeit“ gefunden hat: Die Kategorie des Raums ist nämlich im Vergleich zu der der Zeit stärker interpretationsanfällig, gerade weil Raumwahrnehmungen eine Fülle von Eindrücken liefern, wobei Zeit hingegen nicht mit einem sensorischen Organ zu erfassen ist.
Im zweiten, textanalytischen Teil seiner Studie versucht Aumüller also zu zeigen, wie die Kategorie des Raums in die narratologische Theoriebildung aufgenommen werden kann. Als Beispiel dazu dient Christa Wolfs Roman Nachdenken über Christa T., dessen Protagonistin bekanntlich an Leukämie stirbt. Aumüller geht zunächst auf den Zusammenhang zwischen Erzählzeit und Raum ein: Dass dem neuen Haus von Christa T. mehr Erzählzeit als den Krankenhäusern zugeordnet wird, wo die junge Frau in der Tat keinen geringen Teil ihres Lebens (sowie der im Roman erzählten Zeit) verbracht hatte, ist ein narratologischer Befund, der mehrere Interpretationshypothesen provoziert. Aumüller neigt dazu, die Vernachlässigung der medikalen Räume zugunsten des Hauses und des Gartens als „versöhnende“ Auswahl zu deuten, die den pathologischen Moment in den Hintergrund zu rücken versucht, und eher andere Facetten von Christa T.’s Charakter – zum Beispiel Häuslichkeit – betonen will. Wie aus der folgenden Analyse von Texten aus den 60er Jahren hervorgeht, diente medikaler Raum damals tatsächlich noch nicht als Symbol für den pathologischen Zustand der DDR, sodass das berühmte Diktum Marcel Reich-Ranickis, „Christa T. stirbt an Leukämie, aber sie leidet an der DDR“, sich anhand von Aumüllers Untersuchung als eine Fehlinterpretation erweist.
Weitere Kategorien, die im Hinblick auf die Raumstrukturen von Wolfs Roman erörtert werden, sind der Gegensatz zwischen „Schauplatz“ und „Ereignisregion“, zwischen „kontinuierlicher“ und „diskontinuierlicher“ Raumdarstellung, sowie der zwischen „aktualem“ und „nicht-aktualem“ Raum.
Mit solcher theoretischer Ausrüstung ausgestattet, bereitet sich der Leser nun auf den dritten und interessantesten Teil von Aumüllers Band vor, in dem die Darstellung von medikalen Räumen in Prosatexten der DDR nach chronologischer Gliederung analysiert wird. Innerhalb der DDR-Literatur erkennt Aumüller vier Phasen: eine erste Phase des Aufbaus des Sozialismus (bis 1961) und eine darauf folgende und durch einen wissenschaftlich-technischen Aufschwung gekennzeichnete Phase der Verstärkung des Sozialismus nach dem Mauerbau, drittens eine Phase der politischen Desillusionierung (nach dem Prager Frühling), in deren Texten die Reflexion auf die eigene Vergangenheit (die nationalsozialistische sowie die stalinistische) deutlich in den Vordergrund kommt, und schließlich eine nach der Biermann-Ausbürgerung eintretende vierte Phase, die vom ökonomischen Niedergang und von der Austrocknung der intellektuellen Elite geprägt wurde.
Ziel der Untersuchung ist es, das symbolische und zugleich ideologische Funktionspotential von medikalen Räumen ans Licht zu bringen. Als Schlussfolgerung aus den einzelnen Analysen lässt sich nämlich zeigen, wie die zunehmende Medikalisierung (das heißt, die zunehmende Ausstattung medikaler Räume durch medizinische Details), die in den späteren Texten zu beachten ist, das Krankhafte der thematisierten Probleme symbolisiert.
In den Romanen der „Aufbauphase“, die Aumüller in Betracht nimmt – Marianne Bruns’ Darüber wächst kein Gras (1956) oder Christa Wolfs Moskauer Novelle (1961) – werden im Gegenteil medikale Räume ihrer medizinischen Details entkleidet: Krankheit wird ausgeblendet und die Krankenhauszimmer erscheinen hell, weiß und freundlich, gemäß dem optimistischen Bild von den medikalen Bedingungen der DDR, die in den Aufbauromanen herrschte. Breiten Raum schenkt Aumüller dem Roman Besiegte Schatten (1954) von der verkannten DDR-Autorin Hildegard Maria Rauchfuß. Im Roman, dessen Handlung in einem Tuberkulose-Krankenhaus spielt, wird der Konflikt zwischen den traditionellen, pharmazeutischen Heilmethoden und dem ganzheitlichen Therapieansatz bei der Behandlung der Tuberkulose inszeniert, die jeweils vom älteren Doktor Köttnitz und von dem jüngeren Doktor Wille vertreten werden. Zum psychischen Wohlbefinden der Patienten tragen auch die Räumlichkeiten bei, die nach der Meinung Willes umgestaltet und verschönert werden sollen. Im Gegensatz zu den genannten Romanen Bruns’ und Wolfs werden medikale Räume in Besiegte Schatten selbst thematisch. Obwohl der Roman auch in anderer Hinsicht vom herrschenden Paradigma des Aufbauromans abwich, vermutet Aumüller, dass gerade die zentrale Bedeutung, die dem medikalen Thema im Roman verliehen wird, einer der Gründe dafür ist, weshalb das Buch keine Resonanz fand. Die Medizin war ein bürgerlicher Bereich, und als solcher in der damaligen DDR ideologisch bedenklich; außerdem ließen sich Krankheitsgeschichten schwer mit jenem Optimismus versöhnen, für den in der offiziellen Propaganda geworben wurde.
Einen Einschnitt in der Geschichte der DDR markierte die Errichtung der Berliner Mauer, die eine Verortung der Konfliktlinien innerhalb der sozialistischen Übergangsgesellschaft förderte und damit den Auftakt zu einer neuen literarischen Phase gab.
Der Mauerbau steht gerade im Mittelpunkt von zwei Romanen, die in der vorliegenden Studie behandelt werden: Das gespaltene Herz (1962) von J.C. Schwarz und Der geteilte Himmel (1963) von Christa Wolf. Lässt sich Wolfs Roman als eine Rechtfertigung des Mauerbaus deuten, so thematisiert der praktisch unbekannte Roman von Joachim Chaim Schwarz die historisch belegte Abwanderung von Ost-Berliner Ärzten, die durch den US-amerikanischen Geheimdienst abgeworben wurden. In dem 1962 erschienenen Buch ist von einem Klinikbau in Steglitz die Rede, für den Personal aus dem fiktiven „Paul-Ehrlich-Krankenhaus“ in Berlin-Ost abgeworben werden soll. Obwohl der Autor den Mauerbau rechtfertigt und ihn ganz im Sinne der offiziellen Propaganda als unvermeidliche Konsequenz der vom Westen ausgehenden Attacken auf das Gemeinwesen der DDR interpretiert (durch die Abwerbung von Ärzten will der Westen die DDR und ihre Ökonomie vernichten), so war der Roman trotzdem das Ziel einer feindlichen Pressekampagne, die die Absicht hatte, den Autor zu zerstören. Schwarz wurde von DDR-Rezensenten das Fehlen einer eindeutigen ideologischen Stellungnahme vorgeworfen. Gründe dafür waren der den Leser verunsichernde ironisch-satirische Unterton, sowie die triviale Handlung und einige argumentative Schwächen des Romans, auf die Aumüller ausführlich eingeht. Das Krankenhaus – so Aumüller – erscheint in Das gespaltene Herz weitgehend demedikalisiert. Es ist außerdem nur der Hintergrund für die politisch-ideologischen Fragen, auf die der Autor im Sinne der herrschenden Propaganda zu antworten versucht.
Medikale Räume (die ansonsten in den Werken von Christa Wolf von Anfang bis zur späten Erzählung Leibhaftig vertreten sind) nehmen eine Schlüsselstellung in Der geteilte Himmel, wo sie als Orte des Rückzugs und der Ruhe erscheinen: Keine Hektik, keine Notfallsituation, keine seelenlose Technik stören das friedliche Bild des Krankenhauses und des Sanatoriums, woRita eine Art Urlaub genießt.
Eine verschlüsselte kritische Note ist eher in Klaus Schlesingers Reportage Hotel oder Hospital (1973) zu spüren, die aus einem längeren Aufenthalt des Autors im Bezirkskrankenhaus Rostock-Südstadt hervorging. Wie der Titel bereits suggeriert, ähnelt das Klinikgebäude aus Glas und Aluminium „einem modernen Touristenhotel“. Überall herrschen Ordnung und Reinlichkeit, die dem wissenschaftlichen und technischen Fortschritt der DDR zu verdanken sind. In der Reportage schlängelt sich aber unterschwellig der Verdacht, dass solche sauberen und funktionalen Räume Kälte und Empathielosigkeit ausstrahlen. Technischer Fortschritt könne den Menschen auch belasten und ihn zur Maschine machen, so lautet Schlesingers mit Mühe zu entziffernder Subtext.
In mehreren wichtigen DDR-Romanen aus den 70er Jahren besitzen medikale Räume eine strukturgebende Bedeutung: Das Tuberkulose-Sanatorium nimmt einen herausragenden Platz in einem der letzten Kapitel von Kindheitsmuster (1976) ein, während das Krankenhaus zentraler Schauplatz der Handlung sowohl in Werner Heiduczeks Tod am Meer (1977) als auch in Stefan Heyms Collin (1979) ist. Der Aufenthalt der Protagonisten in Heilorten ist mit einem Prozess von kritischer Aufarbeitung der eigenen politischen Vergangenheit verknüpft: Die junge Nelly entfernt sich im Sanatorium von ihrer falschen Entwicklung während der NS-Zeit und Jablonski, der Held von Heiduczeks Roman, reflektiert in einem bulgarischen Krankenhaus über seine damalige Verwicklung in stalinistische Praktiken. Und Heyms regimetreuer sowie moralisch feiger Schriftsteller Hans Collin schickt sich in der Isolation einer Eliteklinik der DDR an, seine Memoiren zu verfassen – ein Versuch, jene „Wahrheit“ ans Licht zu bringen, die er in seinen fiktionalen Texten stets verschwiegen hatte.
Medikale Räume sind bei Heiduczek weder ordentlich noch sauber: In Heyms Roman erzeugt das Krankenhaus einen klaustrophobischen Effekt und erscheint als Ort der Repression, wo man nicht gesunden kann. Die medikalen Schauplätze sind in den drei Romanen – so Aumüller – exotisch: So liegt das Sanatorium von Nelly randständig und ist als ehemaliger bürgerlicher Ort (es war ein Schloss) der DDR-Wirklichkeit entfernt; abgeschieden und exklusiv ist das bulgarische Krankenhaus in Heiduczeks Tod am Meer. Auch Collins Prominentenkrankenhaus kann man in der klassenlosen Gesellschaft der DDR als „exotisch“ bezeichnen. Krankheiten werden dabei metaphorische Bedeutungen verliehen; sie symbolisieren nämlich die „vergiftete“ Vergangenheit, die „Krankheit“ des Nationalsozialismus beziehungsweise des Stalinismus, aus der die Protagonisten zu heilen versuchen.
Es zeichnet sich in diesen Romanen eine neue Darstellung von medikalen Räumen ab, die in den Texten der 80er Jahre noch stärker zum Vorschein kommen wird: Krankenhausräumlichkeiten sind grau, veraltet und heruntergekommen und dienen als Metaphern für die „kranke“ DDR. In diesem letzten Kapitel, in dem noch der Name von Rauchfuß mit dem Roman über den Alkoholismus Schlußstrich (1986) auftaucht, erweist sich die Analyse von Gabriele Stötzers Skizzen von besonderem Interesse. Die systemkritische, 1978 inhaftierte Künstlerin stellte nämlich in einigen ihrer Skizzen zwei medikale Räume dar, deren symbolischer Gehalt kaum übersehen werden kann: ein Gefängniskrankenhaus und eine Pathologie. Die Übertragung von solchen Räumen auf den Zustand der damals moribunden DDR, die übrigens ein „Gefängnisstaat“ war, liegt nahe. Es ist nicht zufällig, dass diese medikalen Räume gerade am Ende der Geschichte der DDR-Literatur stehen und in der vorigen Literatur nicht zu finden sind.
Der innovative Blickwinkel, aus dem Aumüller die DDR-Literatur betrachtet, erlaubt eine Relektüre von wohlbekannten und sorgt für die Entdeckung von bisher weniger berühmten Texten, die viel über die mit der DDR-Wirklichkeit verbundenen Hoffnungen beziehungsweise Desillusionierungen aussagen.
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