Eine Heilige, neu gelesen
Tanguy Donnet erschließt eine bislang unedierte Fassung der Katharina-von-Alexandrien-Legende für die Forschung
Von Ruth Isser
Die nun vorliegende Edition einer lange übersehenen Fassung der Katharina-Legende erinnert daran, wie viel Unentdecktes in den Tiefenschichten der hagiographischen Überlieferung noch ruht. Gerade Figuren, die uns vermeintlich vertraut erscheinen wie Katharina von Alexandrien, entziehen sich immer wieder einer abschließenden Deutung und öffnen neue Räume für frische Zugänge. Als gelehrte Disputantin, als Patronin der Wissenschaft und als Gestalt, der seit Jahrhunderten Eigenschaften wie Eloquenz, Beharrlichkeit und eine bemerkenswerte Handlungsmacht zugeschrieben werden, fordert sie förmlich dazu heraus, mit den Instrumenten der Gender Studies und der Wissensgeschichte neu befragt zu werden. Umso bedeutsamer ist diese Edition, die einen vergessenen Text zurück in den intellektuellen Umlauf bringt – und damit der interdisziplinären Mediävistik einen leisen, aber nachhaltigen Impuls verleiht.
Nach einer prägnanten Zusammenfassung der vorliegenden Fassung (Verslegende VIII) aus der verwendeten deutschen Vorlage – dem Codex Donaueschingen 116 der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe aus dem ersten Viertel des 14. Jh. – öffnet Tanguy Donnet den Blick auf die vielschichtige Traditionslandschaft der Katharinenliteratur. Souverän führt er in die lateinischen, griechischen und deutschen Überlieferungsstränge ein und zeigt damit, wie weit verzweigt und zugleich wie eng verwoben der Stoff im mittelalterlichen Europa zirkulierte. Besonders anschaulich gelingt ihm die Darstellung der Überlieferungssituation: Er legt die Abhängigkeiten der vorhandenen Textzeugen ebenso offen wie ihre charakteristischen Abweichungen, ohne sich im editorischen Detail zu verlieren. So entsteht ein klar konturiertes Bild eines Textkosmos, der sich aus Übersetzungen, Adaptionen und lokalen Akzentsetzungen speist.
Den Kern des schmalen Bandes bildet die Edition selbst. In vorsichtig normalisierter Form präsentiert Donnet die 2 238 Verse enthaltende Fassung aus dem Codex Donaueschingen 116 – eine der umfangreichsten erhaltenen Quellen der Verslegende VIII. Nur in wenigen ausgewählten Fällen greift er auf den Codex Engelbert 240 aus dem späten 15. Jahrhundert zurück, dessen abweichende Lesarten jedoch sorgfältig im kritischen Apparat dokumentiert werden. Gerade dieser Apparat überzeugt durch seine Klarheit: Er ist nicht als gelehrtes Ornament gedacht, sondern als präzises Werkzeug, das die innere Logik der Überarbeitung transparent macht. Ein einziger kleiner Schönheitsfehler begleitet den Text: Durch einen produktionstechnischen Fehler finden sich im Editionstext hochgestellte fortlaufende Fußnotenziffern, die jedoch ohne Entsprechung bleiben. Das kann jedoch getrost ignoriert bleiben.
Die Edition hebt eindrucksvoll hervor, was diese spezifische Fassung auszeichnet: ihre literarische Ambition. Sie zeigt sich in einem bemerkenswert hohen sprachlich-stilistischen Niveau ebenso wie in der deutlichen Akzentuierung theologischer Unterweisung – vor allem in der berühmten Disputation Katharinas mit den Gelehrten, in der sich die Heilige als intellektuell handlungsmächtige Akteurin präsentiert.
Dass der Band auf einer an der Universität Lausanne entstandenen Masterarbeit beruht, mindert seine Bedeutung keineswegs – im Gegenteil: Er zeigt, mit welcher wissenschaftlichen Präzision und literarischen Sensibilität schon frühe Forschungsarbeiten den mediävistischen Diskurs bereichern können. Die Edition fügt der reichen Überlieferung zu Katharina von Alexandrien nicht einfach einen weiteren Text hinzu, sondern schärft unser Verständnis dafür, wie lebendig und wandelbar hagiographische Traditionen sind. Sie erinnert daran, dass selbst scheinbar kanonisierte Stoffe in diversen Quellen unerwartete Facetten offenbaren können. Donnets Arbeit ist damit nicht nur eine philologische Leistung, sondern ein Beitrag zu jenem fortlaufenden Gespräch zwischen Text, Geschichte und Interpretation, das die Mittelalterforschung so fruchtbar macht. Sie eröffnet darüber hinaus neue Perspektiven auf die Handlungsmacht und intellektuelle Ausgestaltung einer der prominentesten Heiligen des Mittelalters.
So tritt aus den Zeilen dieser alten Vita eine Katharina – und damit eine von vielen ungesehenen Frauen der Vormoderne – hervor, die uns neu anblickt. Genau darin liegt die Stärke dieser Edition.
Ein Beitrag aus der Mittelalter-Redaktion der Universität Marburg
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