Thomas Mann - Betrachtungen eines standhaften Humanisten

Gedankenreiche, bedenkenswerte, von Friedhelm Marx herausgegebene Essays über Kunst, Kultur und Politik in der Weimarer Republik

Von Thorsten PaprotnyRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thorsten Paprotny

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Weimarer Republik zeigt zwar schon Zeichen der Krise, doch die Kultur steht noch in voller Blüte, in jener Zeit, in der Thomas Mann, pflichtbewusst, diszipliniert und in der Öffentlichkeit eine Symbolgestalt für „standhafte Humanität“, am Schreibtisch arbeitet, Vorträge hält und auf Reisen ist. Er steht auch ein, ja er kämpft auf seine ganz eigene Weise für sein schwieriges Vaterland, in dem er sich zur Demokratie bekennt, zu einer Demokratie, die vernünftige Antworten auf die soziale Frage auch als ihr Wesen begreift. Mann äußert sich über Weggefährten und Zeitgenossen, spricht kundig über Johann Wolfgang von Goethe, sieht sich aber auch ersten Anfeindungen ausgesetzt seitens der erstarkenden NS-Bewegung. Öffentliche Bekundungen, ebenso zahlreiche Essays zeigen – hier in chronologischer Folge publiziert und von Friedhelm Marx kenntnisreich und sachgerecht kommentiert –, wie Thomas Mann den Geist und Ungeist der Zeit im politischen Leben wahrnimmt, vor allem aber, und dies souverän, stets mit einem Vorschuss an Sympathie sich Lessing und Kleist widmet. Die weithin bekannten Aufsätze und Vorträge, die in den neu erschienenen beiden Teilbänden der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe vorgestellt werden, wird die Leserschaft auch in dankbarer Erinnerung an erste Lektüren sich vergegenwärtigen.

Lohnend und eine Entdeckung wert sind vor allem auch zahlreiche pointierte Bemerkungen des Schriftstellers, der etwa beiläufig und präzise auf eine Umfrage antwortet, wie er die Schule erlebt habe. Seine „besonderen Anlagen“ seien dort als „obstinate Untauglichkeit“ angesehen und verworfen worden. Eine sonderbare Lehrerpersönlichkeit wird skizzenhaft vorgestellt. Wenige Worte genügen, um den Charakter und die Charakterlosigkeit dieses schulischen Zuchtmeisters genau zu kennzeichnen, wandte er sich doch an einen Mitschüler in kaltem Zynismus mit den Worten: „Ich werde dir deine Karriere schon verderben!“ Friedhelm Marx entdeckt hier Parallelen zu den Buddenbrooks. Thomas Mann nennt solche Erfahrungen als prägend, die ihn erkennen ließen, dass diese Lehrer nur „mittlere Beamte“, aber niemals seine „Erzieher“ sein konnten. Diese suchte und fand er in der „Sphäre des Geistes“. Rückblickend schreibt er: „Die Schule war die Kinderzeit, und also bot sie auch viel Raum für Freude. Aber die Schule war ohne Verdienst daran.“ Im Blick auf die eigene Welt von gestern erkennt sich der Schriftsteller als „Lübecker“, ein solcher sei er stets gewesen und geblieben, auch wenn nicht wenige seiner norddeutschen Landsleute den „Eindruck der Mißratenheit und des Verrats“ mit ihm verbanden. Zu Hymnen in dem „pompösen Sinn“, wie sie Emanuel Geibel dichtete, war Mann unbegabt, zur „Glorifikation Lübecks“ neigte er nicht, von der Liebe zu Travemünde aber spricht er geradezu schwärmerisch:

An diesem Ort, in Travemünde, dem Ferienparadies, wo ich die unzweifelhaft glücklichsten Tage meines Lebens verbracht habe, Tage und Wochen, deren tiefe Befriedigung und Wunschlosigkeit durch nichts Späteres in einem Leben, das ich doch heute nicht mehr arm nennen kann, zu übertreffen und in Vergessenheit zu bringen war, – an diesem Ort gingen das Meer und die Musik in meinem Herzen eine ideelle, eine Gefühlsverbindung für immer ein, und es ist etwas geworden aus dieser Gefühls- und Ideenverbindung –, nämlich Erzählung, epische Prosa: – Epik, das war mir immer ein Begriff, der eng verbunden war mit dem des Meeres und der Musik, sich gewissermaßen aus ihnen zusammensetzte …

Thomas Mann spricht vom Epischen, und so ist auch der epische Humor ihm zu eigen, der in der eigenen Freundlichkeit und Güte aus den Werken hervorleuchtet, so auch aus der Tetralogie Joseph und seine Brüder, deren Anfängen in diesen Jahren entstehen. Mit gewissenhafter Hartnäckigkeit arbeitet er daran, und Schreiben ist Arbeit, ja ein Handwerk, zu dem Mann sich bestellt wusste, der „Bürgerlichkeit“ mit „Weltbürgerlichkeit“ unauflöslich verknüpfte, diese auch gern mit dem „Deutschtum“ verbunden sah, mit einer „Weltbesonnenheit, welche sich nicht hinreißen läßt“, das heißt: sich nicht gemein macht mit dem Empörungsrausch der Straße, mit dem schändlichen Antisemitismus der Nationalsozialisten, und „die Idee der Humanität, der Menschlichkeit, des Menschen und seiner Bildung nach rechts und links gegen alle Extremismen kritisch behauptet“. 1926 noch wünscht und hofft Mann, dass keine der politischen Formationen, die die Republik schon in dieser Zeit zu zerreiben beginnen, die Macht erringen wird: „Der Deutsche, zwischen die Extreme der Welt gestellt, kann selber kein Extremist sein; das ist eine seelische Gegebenheit, an der kein Radikalismus etwas ändert.“ Wie sehr wünschten sich seine Leserinnen und Leser heute, dass die politische Wirklichkeit, also die Machtergreifung Hitlers, Thomas Manns Hoffnungen nicht schmerzhaft korrigiert hätte, der 1926 auch die europäische Einigung erhoffte. Noch darf er in Wien darüber sprechen, dass er, der norddeutsche Protestant, sich in der „süddeutsch-katholischen“ Hauptstadt des versunkenen Habsburger Reiches sich beheimatet fühlen, sich für die Freiheit der Kunst und des Künstlers beredt einsetzen – der in Deutschland als „soziale Unmöglichkeit“ angesehen, in Frankreich verehrt werde – darf. Er weist knapp und deutlich, um eine Einschätzung gebeten, die antisemitische „Legende der Weisen von Zion“ ab, als „phantastische Ausgeburt maniaklischen Judenhasses“.

Ganz alltägliche Anfragen erreichen Thomas Mann, die er auch einer Antwort würdigt. Auf die Frage, was ihn langweile, nennt er die „sogenannte Unterhaltungsliteratur“, was ihn interessiere, das sei „der Mensch“. Er wirbt für Franz Kafkas Werke, von Max Brod herausgegeben, und tritt auch für andere Autoren ein. Thomas Manns Wort hat Gewicht. Mehrfach spricht er sich gegen die Todesstrafe aus und hofft inständig, „daß der Tag kommen wird, wo in den Kulturstaaten der Welt die Todesstrafe geistig und praktisch nicht mehr möglich sein wird“. Gefragt, was er der Menschheit wünsche, so sagt er: Klugheit, die notwendiger sei als alles andere, gerade in Europa, um „unsere Zivilisationen vor dem Untergang zu bewahren“. Thomas Manns Einstehen für die Demokratie ist vom „Kulturgedanken“ geleitet, „Korruption“ und „Parteienwirtschaft“ sieht er mit tiefem Unbehagen.

An Theodor Fontane erinnert Mann, der mit der „Geschichte deutscher Kultur und Zivilisation“ tief verflochten sei: „Es ist etwas unbedingt Zauberhaftes um seinen Stil und namentlich um den seiner alten Tage, die Erheiterung, Erwärmung, Befriedigung, die jede Briefzeile, jedes Dialogfetzchen von ihm erweckt, ist vollkommen.“ Dass seine Lyrik gegenüber der Romankunst abfällt, verschweigt er nicht. Thomas Mann nimmt, worauf Friedhelm Marx im Kommentarband aufmerksam macht, auch in diesen Jahren Nietzsches Philosophie, insbesondere die Wendung, dass er ein „Ohrenmensch“, ein Musikliebhaber sei, und der Roman gegenüber der Musik nur die „der Symphonie nächstverwandte Form sei“: „Ich lese gern und liebe die vollkommene artikulierte sprachliche Mitteilung. Was mich aber zu eigener Kunstübung am glücklichsten stimuliert, ist der lauschende Einblick in die kluge und innige Faktur einer Kammermusik oder eines Orchestersatzes.“

Auf die Frage, was – 1928 – gelesen werden solle, nennt Thomas Mann eine Reihe von Büchern, sagt aber Entscheidendes zum Schluss, nämlich dass der „große Name“ nicht genüge, und ermutigt zu „Entdeckungen“: „Riskiere etwas.“ Ein unverstellter Rat, sich nicht an Bestsellerlisten zu orientieren oder ausschließlich Klassiker auszuwählen, sondern zu schauen, zu erproben, für sich zu erkunden, wie ein unentdecktes Land literarischer Verheißungen. Dieser Rat hat an Aktualität nichts eingebüßt.

Über die Hitlerpartei, die Persönlichkeit und den anschwellenden Fanatismus jener Jahre äußert sich Thomas Mann immer wieder. Er spricht gar von „Hitlers Niederlage“ und dem „besiegten Hakenkreuz“, als Adolf Hitler in der Präsidentschaftswahl, die Hindenburg für sich entschied, verloren hatte. Wäre er gewählt worden, so Mann, dann hätte dies eine „blutige Katastrophe“ für Deutschland bedeutet. Diese Katastrophe nahte dennoch. Hitler, der nicht die „geringste Rednergabe“ besitze, benutze nur einen „Lautsprecher, der die abgedroschenen Schlagworte in die Menge schmettert“, und spreche „in einer Zeit, in der es dem deutschen Volk sehr schlecht geht, von deutscher Schmach und deutschem Elend“. Manns Leidenschaft für die Demokratie ist ein Engagement gegen den Nationalsozialismus. Dies bestätigt auch Friedhelm Marx im Kommentarband. Nationalistisch gesinnte Blätter, von den „Münchner Neuesten Nachrichten“ bis hin zum NS-Organ, dem „Völkischen Beobachter“, betrieben „gezielte Diffamierungskampagnen“, denen sich Thomas Mann widersetzte: „Jenseits dieser persönlichen Belange hielt Thomas Mann der nationalsozialistischen Propaganda bei allen denkbaren Gelegenheiten entgegen, dass das, was von ihr als ,völkische´ Revolution verkauft wurde, nichts als ein restaurativer Rückfall in Jahrmarktsrohheit und wilde Barbarei sei.“

Kurz vor Beginn des NS-Zeit legt Thomas Mann ein „Bekenntnis“ ab, das „Widerspruch“ finden würde, wie er zugesteht, und doch ist es noch heute, und auch gerade heute, unbedingt lesens- und lebenswert:

Die Zukunft Europas ist unlösbar mit der Behauptung der Demokratie verknüpft. Jeder Einsichtige und Vernünftige muß notwendigerweise zu diesem Schlusse kommen. Denn die Demokratie ist trotz all ihren Mängeln und Irrtümern und trotz allen Enttäuschungen, die sie denjenigen, die an sie glaubten, bereitet hat, diejenige Staatsform, die am meisten der europäischen Auffassung vom Staate, wie er sein soll, entspricht.

Thomas Manns Essays aus den mittleren und späten Jahren der Weimarer Republik sind unbedingt lesenswert, in dem Jahr, in dem seines 150. Geburtstages gedacht wurde, und weit darüber hinaus.

Titelbild

Thomas Mann: Essays III 1926–1933. Text und Kommentar in einer Kassette.
Große kommentierte Frankfurter Ausgabe. Werke, Briefe, Tagebücher, Band 16. Hg. von Friedhelm Marx.
S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2025.
3056 Seiten , 348,00 EUR.
ISBN-13: 9783100483577

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