Was es war, zu sein

Lea Ypi erzählt mit „Aufrecht“ eine Geschichte über das Überleben im Zeitalter der Extreme

Von Kim Dennis HeideckerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Kim Dennis Heidecker

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Nach ihrem durchaus positiv rezipierten Debüt Frei. Erwachsenwerden am Ende der Geschichte (2021) legt die albanisch-britische Politikwissenschaftlerin und Philosophin Lea Ypi mit Aufrecht. Überleben im Zeitalter der Extreme (engl. Indignity. A Life Reimagined) nun ihren zweiten gesellschaftsphilosophischen Roman vor. Während Ypi in Frei noch selbst im Mittelpunkt der Erzählung stand und autobiografisch ihre Kindheit im letzten realsozialistischen Staat Europas sowie das Aufwachsen in der neu konstituierten Republik Albanien reflektierte – getragen von Gedanken über Vergangenheit im Sozialismus und Zukunft in einer neuen, neoliberalen ‚Freiheit‘ –, rückt sie nun eine andere Figur ins Zentrum der Darstellung: ihre Großmutter Leman.

Ausgangspunkt der Erzählung ist erneut Ypi selbst, die – von Zweifeln getrieben – ins inzwischen fremd gewordene Tirana zurückkehrt, um den Hintergründen eines zufällig entdeckten Fotos nachzugehen. Ein Foto, das die ihr so vertraut geglaubte Großmutter inmitten eines irritierenden Settings zeigt und ihre Erinnerung ins Wanken bringt: „Ist die junge Frau auf den Fotos […] derselbe Mensch, den ich gekannt und geliebt habe?“ 

Anhand der Dokumente, die sie im Archiv des ehemaligen albanischen Staatssicherheitsdienstes über ihre Großeltern findet, rekonstruiert Ypi eine Geschichte darüber, was es heißt, Würde zu bewahren – und was es bedeutet, in Zeiten politischer und moralischer Extreme „aufrecht“ zu bleiben. Erzählt wird sie aus der Perspektive Lemans, deren Leben im kurzen 20. Jahrhundert durch eine Abfolge rasanter Herrschaftswechsel geprägt war: zunächst als entfremdeter Teil der Oberschicht im griechischen Thessaloniki, später als Beamtin im Königreich Albanien, in das sie geflohen war, um ihren albanischen Wurzeln nachzuspüren und der Dekadenz ihrer Herkunft zu entkommen. Dort lernte sie ihren späteren Ehemann Asllan kennen, einen antiautoritären Marxisten und Sohn des Chefinspekteurs am Hof des Königs. Es folgen die italienische und deutsche Besatzung, schließlich der autoritäre Sozialismus Enver Hoxhas, unter dem Leman – als Ehefrau eines „Klassenfeindes“, nachdem Asllan wegen sozialdemokratischen Bestrebungen inhaftiert wurde – ins Visier der Staatspartei gerät.

Eine besondere Stärke des Romans liegt darin, dass er den Topos der Würde untrennbar mit Fragen feministischer Selbstbehauptung verschränkt. Leman, die als Tochter eines wohlhabenden Tabakhändlers und Enkelin eines osmanischen Paschas inmitten der griechischen Bourgeoisie in patriarchalen Verhältnissen aufwächst, orientiert sich früh an jenen selbstbewussten Frauenfiguren in ihrem Umfeld, die dem Druck des Patriarchats standzuhalten versuchen – oder daran scheitern, wie ihre Tante Selma, die gleichsam den Grundstein für Lemans spätere Politisierung legt. Schonungslos beleuchtet Ypi die misogynen Strukturen autoritärer Systeme: die der Monarchie, der faschistischen Besatzungen und nicht zuletzt die der sozialistischen Volksrepublik. Nach Asllans Verhaftung ist Leman auf sich allein gestellt und der Gewalt des Systems ebenso ausgeliefert wie jene vielen Frauen, deren Männer nach der sozialistischen Machtübernahme zu politischen Feinden erklärt wurden.

Entrechtet und enteignet beginnt sie in einer Kleinstadt der westalbanischen Tiefebene auf einem Bauernhof zu arbeiten – stets damit beschäftigt, die von der Partei vorgegebenen Produktionsziele nicht nur zu erfüllen, sondern zu übertreffen. In dieser Arbeit liegt für sie nicht bloß eine Überlebensstrategie (Leman ist inzwischen Mutter eines kleinen Jungen, des späteren Vaters der Autorin), sondern auch stiller Widerstand: ein Versuch, einer drohenden Abschiebung nach Griechenland zu entgehen, die für ihre schwerkranke Mutter, die sie neben der Arbeit pflegen muss, einem Todesurteil gleichkäme. „Sie weiß, jede Tat hat einen Preis, und sie akzeptiert ihn, findet Trost in dem Gedanken – und es ist nur ein Gedanke –, dass sie den Widrigkeiten mit moralischer Kraft entgegentreten kann.“

Mit ihrer unprätentiösen, präzisen und zugleich reflektierten Erzählweise, durchzogen von politikwissenschaftlichen wie philosophischen Einlassungen, gelingt es Ypi erneut – und darin knüpft sie direkt an ihr Debüt an –, eine latent kapitalismuskritische Erzählbewegung zu entfalten. Anekdotisch legt sie die Schattenseiten – um mit Rosa Luxemburg zu sprechen – der „auf Sand gebauten Ordnung“ des Kapitalismus im Europa des 20. Jahrhunderts offen, die den Krisen ihrer Zeit nicht standhielt und schließlich unter dem Druck des Faschismus kollabierte. 

Ohne der Versuchung historischer Analogien zu erliegen, lassen sich aus Lemans Leben zahlreiche Sinnzusammenhänge zur Gegenwart herstellen – Zusammenhänge, die bereits während der Lektüre nachdenklich stimmen und noch lange nachhallen. Lemans Leben, das „den Sturz der Reiche, den Aufstieg der Nationen, den Austausch von Bevölkerungen, den Krieg und das Nichts, den Zusammenbruch der Utopie“ umspannt, zeigt auf eindrückliche Weise, wie politische Extreme biografische Kontinuitäten durchbrechen und dennoch Räume für Würde und Emanzipation offenlassen.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Lea Ypi: Aufrecht. Überleben im Zeitalter der Extreme.
Aus dem Englischen von Eva Bonné.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2025.
389 Seiten, 28,00 EUR.
ISBN-13: 9783518432624

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