Mami-Gespräche und Papa-Talks
Warum Väter in ihrer Rolle immer noch ganz anders netzwerken als Frauen
Von Dirk Kaesler
und Stefanie von Wietersheim
Rätsel des Lebens. Warum, um Himmels willen, sind Mütter dieser Tage in gefühlt sieben WhatsApp-Gruppen, in denen sie die besten Konfirmationsgeschenke diskutieren, sich über Mathe-Nachhilfelehrerinnen, Cello-Anbieter, Weihnachtsgeschenke und „Ich muss mal raus“-Trips unterhalten – während Väter ihre Elternschaft sehr viel insularer zu leben scheinen? Warum erleben Väter Beifallsstürme fürs Naseputzen ihrer Kinder per Stofftaschentuch? Warum halten manche berufstätigen Frauen sie für Softies auf dem Lastenfahrrad? Oder für wahre Helden des Alltags?
Liegt es daran, dass Mütter seit Jahrtausenden in einer stillschweigenden Schwesternschaft leben, ähnlich gestählt durch Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett, Stillzeit und den ganz normalen Wahnsinn des Familienlebens?
Dabei könnte man eigentlich davon ausgehen, dass sich gerade in den 2020er-Jahren eine Art neuer Bruderschaft zwischen Vätern entwickelt. Denn sie werden durch die staatlich ermöglichte „Elternzeit“ auch offiziell ermutigt und unterstützt, ihre kleinen Kinder mitzuerziehen, bis hin zur Möglichkeit, sie ganz allein zu erziehen. Zudem haben sich vorgeblich die Vorstellungen von Vaterschaft in Deutschland in den letzten Jahrzehnten enorm gewandelt. Weg vom reinen Ernährer, der den Großteil der Erziehung an die Mutter auslagerte, hin zum aufmerksamen Carer, der mehr Zeit mit seinen Kindern verbringt. Und was hat das alles mit Geld und gesellschaftlicher Anerkennung zu tun?
Wie ist das mit „Elternzeit“ und „Elterngeld“?
Fangen wir grundsätzlich an, denn Frauen und Männer müssen es finanzieren können, sich ganz oder großenteils um die Erziehung von Kindern zu kümmern. Die gesetzliche Grundlage ist das geltende „Bundeselterngeld- und Elternzeitgesetz“ (BEEG Stand 2025). Das BEEG definiert, wer Anspruch auf Elterngeld und auf Elternzeit hat. Das politisch mehrheitlich gewollte Ziel ist es, Eltern – unabhängig von Familienform, Geschlecht, sexuellem Status oder Beschäftigungsverhältnis – die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu ermöglichen.
Elterngeld kann sowohl von Müttern als auch von Vätern bezogen werden und das Gesetz unterscheidet nicht danach, ob verheiratet oder nicht, ob beide Elternteile arbeiten oder nicht, ob sie gemeinsam erziehend oder alleinerziehend sind. Sie können bis zu 36 Monate Elternzeit pro Kind nehmen und das sogenannte Basiselterngeld kann bis zum 14. Lebensmonat des Kindes bezogen werden.
Erstaunlich, aber wahr: Erst seit dem Jahr 2007 können in Deutschland Männer Elternzeit nehmen. Vor 2007 gab es zwar schon eine Vorform der Elternzeit, jedoch war diese Regelung weniger flexibel und weniger bekannt. Aktuell nehmen zunehmend mehr Männer in Deutschland Elternzeit, aber die Zahl ist noch immer deutlich geringer als bei Frauen. Laut den neuesten verfügbaren Daten (2023) aus dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) und anderen Quellen liegt der Anteil der Väter, die Elternzeit in Anspruch nehmen, bei etwa 40% der Eltern, die Elterngeld beziehen. Die Zahl hat sich in den letzten Jahren kontinuierlich erhöht, aber trotz dieses Anstiegs bleibt die Inanspruchnahme von Elternzeit durch Väter im Vergleich zu Müttern noch immer niedrig. Vor allem, wenn man den gesamten Zeitraum der Elternzeit betrachtet. Die Mehrheit der Väter entscheidet sich dafür, einen kürzeren Zeitraum von wenigen Wochen oder Monaten zu nehmen – häufig in der Phase unmittelbar nach der Geburt oder während des ersten Lebensjahres des Kindes. Viele Väter nehmen nur die zwei Monate in Anspruch, die für das Elterngeld-Plus-Modell vorgesehen sind, was es ihnen ermöglicht, in Teilzeit zu arbeiten und gleichzeitig Elterngeld zu beziehen.
Das Elterngeld in Deutschland wird auf Basis des durchschnittlichen Nettoeinkommens der letzten 12 Monate vor der Geburt des Kindes berechnet. Es beträgt 65% bis 67% des durchschnittlichen monatlichen Nettoeinkommens der letzten 12 Monate vor der Geburt des Kindes. Bei sehr hohen Einkommen gibt es eine Deckelung, und das Elterngeld beträgt maximal 1.800 Euro monatlich.
Folgt aus diesen rechtlichen und finanziellen Gegebenheiten, dass Männer sich nun auch ihrerseits stärker untereinander vernetzen? Seilschaften bilden, um den Alltag mit Kindern leichter zu organisieren? Ihre Sorgen und Nöte bei Gleichgesinnten, ja Schicksalsgenossen abzuladen? Werden sie vielleicht plötzlich sogar in die Mami-Gruppen reingeklickt? Oder sind die vielen durch Charlottenburg und Schwabing laufenden jungen Väter, die ihre Kinder mit Lastenrädern umherfahren und mit ihnen zur Kita gehen, immer noch Ausnahmen?
Drei von vielen – Erfahrungsberichte von Vätern rund um einen Tisch
Wir fragen bei drei Vätern aus Potsdam nach. Aus zwei Generationen, mit Kindern im Alter von einem Monat bis zu 13 Jahren. Sie wohnen in dem gleichen Haus, auf drei getrennten Etagen. Nun sitzen sie an einem ovalen Tisch und erzählen aus ihrem Männerleben.
W. berichtet, dass er nach der Geburt seines ersten Kindes versucht habe, in die „Krabbelgruppen-Szene“ reinzukommen, aber das habe ihn fürchterlich genervt. Er war der einzige Mann unter Frauen. „Ich fand es schwierig, weil es so viel um‘s Vergleichen ging – wie das Kind schläft oder was und wie es isst.“ Zudem sei jede Frau mit sich selbst beschäftigt gewesen und ganz oft hätten sich die Gespräche im Kreis gedreht.
Beim zweiten Kind unternahm er noch einmal einen Anlauf, es gab sogar ab und zu einen Vater, der in der Gruppe auftauchte, aber auch da empfand er keine aktive Neugier, die Perspektive des Vaters zu erfragen. „Es ging nicht darum, sich weiterzuentwickeln, es hat mich nicht weitergebracht, dann war ich lieber allein draußen mit den Kindern unterwegs.“
W. kümmert sich überwiegend seit der Geburt um die Kinder, seine Frau ist Hauptverdienerin, beide sind zufrieden mit der Aufgabenverteilung.
Als das erste Kind in die Kita kam, hatte W. wieder Kontakte zu anderen Eltern und suchte manchmal auch das Gespräch. „Ich hatte aber nie das Gefühl, dass es wirklich weiterhilft“, sagt er. Wichtige Ansprechpartner waren seine Frau und seine Eltern, bei ihnen holte er sich Rat.
Interessant findet er, dass sich vor allem kinderlose Menschen für sein Leben als Vollzeitvater interessieren und ihn nach seinem Alltag fragen. Aber auch andere Väter: „Seit mein bester Freund sein zweites Kind bekommen hat und so dermaßen auf dem Zahnfleisch geht, führe ich mit ihm ein paar Mal im Jahr Beruhigungsgespräche“, sagt er.
Der zweite Mann am Tisch ist D. Er hat drei Kinder und hat sich in den vergangenen Jahren gemeinsam mit seiner Frau Vollzeit um sie gekümmert. Er verbrachte mit den ersten beiden Kindern viel Zeit in einem nahen Familienzentrum oder auf einem Spielplatz am Ende der Straße, wo er neben den vielen Müttern auch vereinzelte Väter traf. Ab und zu tauscht er sich auch mit Vätern über alltägliche Dinge wie Bildschirmzeit und Ernährungsfragen aus.
„Es hilft immer, wenn man mit anderen redet, aber ich habe mich manchmal schwer getan am Spielplatz, weil ich viel Wert auf gewaltfreie Kommunikation lege, wirklich auf die Bedürfnisse der Kinder eingehen will und sah, was bei manchen Eltern und Kindern da vor sich ging.“ Er bemühte sich, bei eskalierenden Situationen verzweifelten Eltern zu helfen und zu zeigen, wie man sich mit seinen Bedürfnissen verbindet.
Sind andere Väter zu Papa-Buddys für ihn geworden? „Ich würde es gerne in Erwägung ziehen, aber meistens quatsche ich mit meiner Mutter, einem Nachbarn mit Kindern und noch zwei anderen.“ Seine eigene Mutter, die vier Jungs großzog, sieht er aber als beste Ratgeberin. Zudem schreibt er Tagebuch für die Kinder und reflektiert seine Zeit mit ihnen. Er gibt aber zu: „Manche Themen würde ich nur mit Männern besprechen, andere nur mit Frauen.“
Er würde gerne mehr mit Männern über seine Vaterrolle reden, denn das Leben der Väter sieht er als ein doch anderes. „Ich habe die Kinder weder ausgetragen noch gestillt, oft wollen sie mit mir eher raufen, spielen, Sachen bauen, rausgehen.“ Er sagt: „Die schützende Mutter, von der die Kinder erst Nahrung bekommen und die ersten Bindungen eingehen, ist eben eine andere Person als der Vater.“
W. sieht das anders. „Ich bin immer die durchgehende Bezugsperson gewesen, da ich durch eine schwere Krankheit meiner Frau die Kinder immer viel getragen habe, besonders das erste, mit dem ich gefühlt die ersten sieben Monate ununterbrochen umhergelaufen bin“, sagt er. Durch seine stetige Anwesenheit akzeptieren die Kinder von W. es auch heute weniger gut, wenn er weg ist, als wenn seine Frau nicht im Haus ist.
Seine Hauptbeobachtung ist neben der Erfahrung – „Ich glaube, dass das Vatersein sich wirklich vom Muttersein unterscheidet“ –, dass Väter für ihre Rolle in der Gesellschaft viel mehr Applaus bekommen als Mütter. „Es ist unglaublich, wofür Du als Vater auf der Straße Lob bekommst. Wie etwa der Tochter mit einem Stofftaschentuch die Nase abzuputzen“, sagt er erstaunt. „Selbst bei Base-Level-Aktionen sind Wildfremde kurz davor zu applaudieren.“ Er findet es schön, positives Feedback zu bekommen und von Mitmenschen in der Vaterrolle bestärkt zu werden. Aber sieht er sich als Vorreiter? „Mein Vatersein tut mir gut und ich lerne viel über mich“, sagt er. Sein Vorbild war der eigene Vater, der sich in der elterlichen Ehe ebenfalls hauptamtlich um seine Söhne kümmerte. W. sieht sein Engagement für die Kinder auch als Ausgleich für die Zeit der Schwangerschaften, die seine Frau durchzustehen hatte.
Der dritte Vater am Tisch, der vom Alter her der Großvater seines dritten Kindes sein könnte, sieht sich in der Erziehung allein auf weiter Flur, da der Sohn ausschließlich bei ihm lebt und den Kontakt zur Mutter abgebrochen hat. Das „Wechselmodell“ scheiterte nach anstrengenden Jahren am entschiedenen Widerstand des mittlerweile 13-Jährigen. Wie es um die Papas um ihn herum bestellt war und ist? Die sind eher unwichtig.
„Aber“, sagt er, „ich kenne das ja schon von Anfang an. Wie viele Stunden meines Lebens habe ich in Krabbelgruppen, beim Säuglingsschwimmen, auf Spielplätzen, bei Kita-Besprechungen und Elternabenden der Grundschule verbracht – und immer war die Situation von den Mamis dominiert!“ So wie ja auch bei den Kita- und Grundschulerzieherinnen: „Ob es nun um die Beckenbodenübungen bei der Schwangerschaftsbegleitung ging, die Diskussionen um den Einsatz der PDA, die Pausenbrotgestaltung oder um die Handy-Nutzung, ich war immer von Frauen umgeben. Und sie wussten es immer besser.“ Gut, so war das Arrangement mit seiner wesentlich jüngeren Frau eben gewesen: sie arbeitete Vollzeit, als Pensionär konnte er sich um den Haushalt kümmern, wenn auch mit Haushalthilfe alle zwei Wochen, er ging einkaufen und kochte gern. Er war derjenige, der mit der BabyBjörn-Trage besser klarkam, der mit Kinderwagen und später Buggy im Park spazieren fahren konnte. Er war derjenige, der den Sohn zur Kita brachte und eine Zeit lang den Weg mit dem Fahrrad zur Grundschule begleitete. Er engagierte sich in allen Elterngremien, von der Kita bis nun im Gymnasium.
Hat er je mit Männern, anderen Papas, über Freuden und Herausforderungen gesprochen? „Erstens waren da nicht sonderlich viele und zweitens hatten die auch keine Ahnung. Die erfahrenen Mamas waren da hilfreicher. Und freundlicher.“ Natürlich räumt er ein, dass Männer, die noch voll berufstätig sind, viel weniger Möglichkeiten haben, mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen als er. Aber er merkt auch an: „Die Konventionen sind immer noch so, dass man als Mann dann leicht nicht für voll genommen wird.“
Wie steht’s um die „Hausmänner“?
Da sieht man sie nun, die Papis, am Spielplatz, umgeben von Mamis. Sie fahren mit erhöhtem Tempo auf den Bürgersteigen die Lastenfahrräder, die für manche ihrer Geschlechtsgenossen zum Symbol kastrierter Männlichkeit geworden sind. Wie aber werden diese Männer von Frauen gesehen, wenn sie ganz und gar Hausmänner sind?
Die Antworten auf diese Frage hängen weitgehend vom sozialen Umfeld, Bildungsgrad und individuellen Erwartungen ab. Es gibt seriöse Studien und Umfragen, die zeigen: Es gibt sowohl Zustimmung, aber auch Vorbehalte. Der älteste Vater der Runde erinnert sich: „Es war in Hamburg. In unserem großen Mehrparteienhaus gab es einen einzigen Vollzeit-Hausmann, der sich um Haushalt und eine dreijährige Tochter kümmerte, während seine Lebensgefährtin als Fotografin für die Lokalberichterstattung der BILD-Zeitung rund um die Uhr mit ihrem Motorrad unterwegs war. Alle, buchstäblich alle Frauen im Haus machten sich über diesen Mann in der Wohnung im Parterre lustig. Alle. Wenn sie unter sich waren, kicherten sie über den Softie, das Weichei.“
Das war vor 30 Jahren. Hat sich das grundsätzlich gewandelt? In manchen Paarbeziehungen wird das Modell heute überaus positiv gesehen. Der neue Vater ist eine kleine Revolution. Manche Frauen sagen, dass ihnen ein Partner als Hausmann den Druck nimmt, Arbeit, Familie und Haushalt zu balancieren – speziell, wenn sie selbst beruflich stark eingespannt sind. Und das Bild eines klassischen Versorgers verliert sich in Teilen: In der Partnerwahl wird – je nach Einstellung – zunehmend geschätzt, wenn jemand häusliche Fähigkeiten mitbringt, also nicht strikt an traditionellen Geschlechterrollen festhält. Manche Frauen könnten sich vorstellen, dass der Mann Hausmann ist, solange die Aufgabenverteilung (Erwerbsarbeit / Haushalt / Betreuung) für sie passt – also nicht aus einer bloßen Umkehr alter Rollenbilder entsteht, sondern aus bewusster Entscheidung.
Laut diverser Untersuchungen werden jedoch Hausfrauen tendenziell immer noch positiver bewertet, als wenn der Mann in diese Rolle schlüpft. Bei Frauen liegt die Bewertung des Ansehens (desjenigen, der zuhause bleibt) im Schnitt deutlich niedriger als bei Männern. Häufig jedoch herrschen immer noch traditionelle Erwartungen: Einige Frauen empfinden es als sozialen Statusverlust, wenn der Mann nicht der Hauptverdiener ist. Die klassische Rollenverteilung – Mann verdient Geld, Frau kümmert sich um Haushalt/Kinder – ist in Deutschland noch immer für viele – bewusst oder unbewusst – eine Norm. Wenn der Mann diese Rolle übernimmt, bricht das mit tief verwurzelten Erwartungen, was zu Unsicherheit, Ablehnung oder Zurückhaltung führen kann. Es gibt eine strukturelle Ungleichheit in der Bewertung von unbezahlter Arbeit: Wer Geld verdient, hat in vielen Augen „Status“ – unbezahlte Haus- und Carearbeit gilt oft als weniger wertvoll. Das beeinflusst, wie attraktiv jemand mit Hausmann-Rolle wahrgenommen wird. Viele Frauen wünschen sich zwar Gleichberechtigung, aber gleichzeitig Anerkennung dafür, wenn der Mann „normal arbeitet“ und seinen Teil finanziell beiträgt – je nach persönlichem Sicherheitsbedürfnis oder gesellschaftlich geprägter Stabilitätsvorstellung. Viele Frauen sehen einen Hausmann als legitime und durchaus sinnvolle Option – vor allem wenn Partnerschaft, Respekt und Aufgabenaufteilung bewusst gelebt werden.
Wir freuen uns, wenn wir von mehr Papa-Gruppen, Papi-Netzwerken, Vater-Support-Clubs hören! Und würden gerne wissen, ob sie dort andere Gespräche führen als die Mamis seit Jahrhunderten.
Der Beitrag gehört zur monatlich erscheinenden Kolumne „Rätsel des Lebens“ von Dirk Kaesler und Stefanie von Wietersheim. Mit dieser aktuellen Kolumne verabschieden sich die beiden Rätselfreunde von diesem Publikationsplatz. Sie bedanken sich bei Thomas Anz für die gastfreundliche Aufnahme unserer Nachdenklichkeiten in den vergangenen drei Jahren.













