Der Fall der verschwundenen Rotarmisten
In „Samson und das Galizische Bad“ lässt Andrej Kurkow das Kiew des frühen 20. Jahrhunderts zum dritten Mal lebendig werden
Von Dietmar Jacobsen
Mit Samson und das Galizische Bad präsentiert der ukrainische Schriftsteller Andrej Kurkow (Jahrgang 1961) das dritte Abenteuer einer Figur, die er 2020 erfand, angeregt durch Dokumentenfunde einer seiner Leserinnen im Nachlass ihres Vaters. Der Mann hatte für den KGB gearbeitet und seine Tochter wollte die Originalakten des bolschewistischen Geheimdienstes aus den Jahren nach 1919, die er aufbewahrt hatte, unbedingt loswerden. Bereits nach wenigen Blicken in die Schriftstücke war Kurkow klar, dass er hier ein Material vor sich hatte, das, literarisch bearbeitet, für eine ganze Reihe historischer Kriminalromane gut war.
Was es allein noch brauchte: eine interessante Figur, um die herum man die Geschichten arrangieren konnte, sowie deren persönliches und berufliches Umfeld samt dessen geografischen und politischen Koordinaten. Und so erschien 2020 (auf Deutsch 2022) Samson Koletschko als Protagonist im Roman eines Autors, der sich bis dahin vor allem mit scharfzüngigen, satirisch zugespitzten Büchern über das russisch-ukrainische Verhältnis und das Leben in der postsowjetischen Gesellschaft einen Namen gemacht hatte.
In Samson und Nadjeschda konnten Kurkows Leserinnen und Leser den auf der Lybedsker Wache in Kiew seinen Dienst als Ermittler versehenden Koletschko erstmalig in Aktion erleben. Als noch junger und eben verwaister Mann – auf offener Straße hatten marodierende Kosaken seinem Vater den Schädel gespalten und Samson selbst ein Ohr abgetrennt –, der eher durch Zufall in die Reihen der neuen sowjetischen Miliz geraten ist, gelingt es ihm auf Anhieb, Vorgesetzte und Kollegen mit seiner genauen, unspektakulären und geradlinigen Art des Ermittelns für sich einzunehmen.
Auch im Folgeband, Samson und das gestohlene Herz – inzwischen ist Kurkows Held mit Nadjeschda, um deren Liebe er im ersten Band der Reihe gekämpft hatte, verlobt, in Band 3 schließlich werden die beiden geheiratet haben – wird Kurkows Held zunächst mit zeittypischen Verbrechen konfrontiert: Statt mit Silberdieben wie in Band 1 der Reihe bekommt er es diesmal mit illegalen Fleischverkäufern zu tun. Als streikende Eisenbahner seine Verlobte bei der Ausübung ihrer beruflichen Pflichten – Nadjeschda arbeitet im Kiewer Gouvernementsbüro für Statistik – kidnappen, wird es auch privat ein weiteres Mal eng für Koletschko. Doch erneut kann er sich auf sein abgeschlagenes Ohr verlassen. Denn seitdem es nicht mehr an seiner natürlichen Stelle sitzt, dient es ihm als eine Art Abhörgerät – er kann es an einem beliebigen Ort in der Schachtel, in der er es aufbewahrt, ablegen und mithören, was dort in seiner Abwesenheit gesprochen wird.
Zu Beginn von Samson und das Galizische Bad nun hat es ganz den Anschein, als ob sein dritter Fall im Dienste der Kiewer Miliz sein bisher blutigster und gefährlichster werden könnte. Denn gleich 28 Rotarmisten sind nach einer Feier, bei der es hoch hergegangen war, spurlos aus einer öffentlichen Kiewer Badeanstalt, dem Galizischen Bad, verschwunden. Allein die Uniformen der Soldaten und ihres Vorgesetzten sind noch da. Da der Fall eine politische Dimension haben könnte, sind in seine Aufklärung nicht nur die Milizionäre der Lybedsker Wache involviert, sondern auch die sowjetische Geheimpolizei Tscheka mit ihrem undurchsichtigen Anführer Abjasow. Dem ist Samson bereits begegnet. Und er weiß, dass mit der Tscheka generell nicht zu spaßen ist und man, wenn man deren Vertretern nicht das liefert, was die von einem erwarten, durchaus das eigene Leben riskiert.
Als Samson bei seinen Ermittlungen in einem der Öfen der Badeanstalt auf einen menschlichen Oberschenkelknochen stößt, scheint die Lösung des Falles ganz nahe. Aber das Fundstück passt nicht zum Verschwinden der Rotarmisten: Es gehört zu einem weiblichen Skelett. Immerhin ist damit eines klar: Im Galizischen Bad hat es neben dem Mysterium, das Samson unter Zeitdruck untersucht, noch weitere Dinge gegeben, die dringend der Aufklärung bedürfen.
Wie in den beiden Vorgängerbänden erzählt Andrej Kurkow seine Geschichte auch in Samson und das Galizische Bad in einem ruhigen, unaufgeregten Ton. Juri Nikitin hat für jedes der 44 Kapitel eine die jeweilige Essenz auf den zeichnerischen Punkt bringende Illustration beigesteuert. Ein Plan des Kiewer Stadtzentrums auf der östlichen Seite des Dnepr erleichtert Leserinnen und Lesern die Orientierung, wenn sie Kurkows Helden durch die Straßen und über die Plätze der Stadt folgen wollen. Und Samson ist praktisch immer unterwegs. Einmal auf die Spur einer Diebesbande geraten, die die unsicheren Zeiten für ihre Zwecke nutzt und auch vor Morden nicht zurückschreckt, verfolgt er deren Spuren zu Fuß, per Fähre und in Kutschen, gerät in eine gefährliche Situation nach der anderen, wird mehrmals verletzt, aber auch immer wieder von einem alten Freund, dem Arzt Dr. Watruchin, der eine Zeitlang bei ihm gewohnt hat, zusammengeflickt. Eine seiner waghalsigsten Aktionen führt ihn gar mitten hinein ins örtliche Hauptquartier der Tscheka – was ihm beinahe zum Verhängnis wird.
Auch das dritte Abenteuer seines Protagonisten – ein „Fortsetzung folgt“ am Ende der fast 500 Seiten des Romans deutet an, dass es noch nicht das letzte war – nutzt Andrej Kurkow geschickt, um, ohne dass es eines allzu deutlichen Hinweises in diese Richtung bedarf, den einen oder anderen Gedanken seiner Leserinnen und Leser auf die gegenwärtige Situation seines Heimatlandes zu richten. Denn nicht nur Samson, sondern auch seine große Liebe Nadjeschda, die Kollegen auf der Wache und die Handvoll Menschen, die ihm im Laufe seiner Abenteuer ans Herz gewachsen sind, machen sich Gedanken über das weitere Schicksal der Ukraine nach dem Ende der Monarchie im Russischen Reich. Und die sind nicht wenig besorgniserregend in einer Situation, in der das Alte zwar überwunden ist, das historisch Neue aber noch lange keine festen Strukturen hervorgebracht hat.
Was würde nun hier stattdessen werden? Wird der Hetman zurückkehren, oder werden die Bolschewiken an der Macht bleiben? Kommen vielleicht die Weißen und machen Kiew zur Hauptstadt Tauriens? Oder tauchen Machno und seine Leute wieder auf und plündern die Stadt so lange, bis sie wieder in ihr fröhliches Leben in Jekaterinoslaw zurückkehren?
heißt es diesbezüglich an einer der zentralen Stellen des Romans.
Bis zur Lösung des Falls der verschwundenen Rotarmisten, die Kurkow in das berühmte Kiewer Höhlenkloster verlegt, stellt sein dritter Roman um Samson Koletschko jedenfalls eine kurzweilige Lektüre dar. Auch dieses Buch lebt weniger von Action und Gewalt – auch wenn es bei der Zahl jener, deren Tode Samson aufklären muss, deutlich zugelegt hat –, als von seiner liebevollen Zeichnung von Menschenschicksalen in unruhigen Zeiten. Zeiten, in denen den Überblick zu behalten fast nicht möglich ist. Und in der jede Entscheidung, die der Einzelne trifft, verheerende Folgen für ihn und seine Angehörigen haben kann.
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