Von Sucht, prekären Verhältnissen und verborgener Zuneigung

Lena Schätte geht in ihrem Roman “Das Schwarz an den Händen meines Vaters” ganz nah ran

Von Liliane StuderRSS-Newsfeed neuer Artikel von Liliane Studer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Meine Mutter bringt uns Töchtern Dinge bei. Andere Dinge, als mit geradem Rücken am Esstisch zu sitzen, als Danke und Bitte zu sagen, andere Dinge als ihrem Sohn. Sie bringt uns bei, dass Schnaps Ärger bedeutet. Dass Männer, die Bier trinken, harmlos sind: Sie tanzen und lallen und plaudern private Dinge aus, doch schließlich lassen sie sich ins Bett schubsen und schlafen friedlich ihren Rausch aus. Männer, die Schnaps trinken hingegen, werden aggressiv, suchen Streit, werden von der Polizei nach Hause gebracht oder kommen gar nicht erst heim. Da passiert etwas im Kopf, erklärt sie uns oft und tippt sich dabei mit dem Zeigefinger an die Schläfe.

In diesen wenigen Sätzen, mit denen Lena Schätte ihren aufregenden Roman beginnt, ist eigentlich alles gesagt, um das es in Das Schwarz an den Händen meines Vaters geht. Die junge Autorin mit Jahrgang 1993, aus dem Ruhrgebiet stammend, erzählt von einer Familie, in der der Alkohol ständig präsent ist, die in schwierigen Verhältnissen lebt, deren Mitglieder sozial geächtet werden und deren Perspektiven düster sind. Kurz und staccatoartig greift Lena Schätte Szenen aus dem Alltag der Familie auf, in der einiges aus dem Lot geraten ist und weiterhin gerät. Der Vater arbeitet zwar zu Beginn noch in der Fabrik – von dort kommt denn auch das Schwarz an seinen Händen –, doch als er immer öfter nicht mehr zur Arbeit erscheint, verliert er seine Anstellung und damit ist das so dringend benötigte Familieneinkommen weg. Damit setzt für die Mutter und die drei Kinder eine Abwärtsspirale ein, die sich nicht mehr aufhalten lässt. Umzug in eine kleinere Wohnung, Mutter muss Geld verdienen, die Ich-Erzählerin und ihr Bruder werden immer mehr geächtet von anderen Kindern und deren Eltern, Vater trinkt weiter. Die ältere Schwester entzieht sich dem, was sich nicht ändern lässt: Sie zieht von zu Hause aus. Mit diesem Schritt lässt sie zwar ihre beiden Geschwister und die Mutter im Stich, doch sieht sie für sich keinen anderen Weg, ein eigenständiges Leben aufzubauen.

Doch wie so oft in Familien, die in prekären Verhältnissen leben müssen, ist es nicht nur schlimm. Motte, so wird die Ich-Erzählerin vom Vater genannt, fühlt eine liebevolle Zuneigung zu ihrem Vater, obwohl er oft so schwierig ist und die Kinder wie die Mutter immer wieder im Stich lässt. Vor allem später, wenn er sehr krank ist und keine Hoffnung mehr besteht, wächst da eine Nähe zwischen den beiden. Täglich ruft sie zu Hause an.

Sage Hallo, Papa, und er sagt Hallo, Motte. Dass das kein schönes Tier ist, sage ich ihm oft. Und dann zähle ich ihm auf, wie andere Väter ihre Töchter nennen. Wir sind halt nicht wie die, sagt er dann und lacht. Dass ich schon als Baby nachts nicht schlafen wollte. Du hast uns irre gemacht.

Motte passt aber auch deshalb als Name so gut zu ihr, weil sie nach Vaters Tod weiterhin um ihn kreist, ihr Leben von diesem Vater und dieser Familie bestimmt ist. Früh schon befindet sie sich im gleichen Teufelskreis wie er. Motte säuft bis zur Bewusstlosigkeit, verliert alles und stürzt weiter ab. Nie jedoch würde sie ihren Vater dafür verantwortlich machen, dass sie lange mehr schlecht als recht durchs Leben kommt. So wie er für sein Leben verantwortlich ist, ist sie es für ihres. Auch das ist zu lesen in diesem beeindruckenden Roman.

Etwas wie Geborgenheit findet Motte bei ihrem Bruder, der so ganz anderes mitgenommen hat und gut zurechtkommt. Er ist Kindergärtner, beliebt an seinem Arbeitsplatz. Er ist eigenständig, lässt sich von niemandem vereinnahmen und ist doch da für seine Schwester. Hier findet Motte Nähe, Wärme und Vertrauen.

Mit 20 Jahren debütierte Lena Schätte 2014 mit dem Roman Ruhrpottliebe. Danach arbeitete sie als Psychiatrieschwester im Ruhrgebiet. 2020 begann sie ein Studium am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Heute arbeitet sie mit suchtkranken Menschen in Lüdenscheid und schreibt.

Für ihren zweiten Roman Das Schwarz an den Händen meines Vaters hat Schätte eine knappe, nüchterne Sprache gewählt, die in krassem Gegensatz zum Erzählten steht. Da wird nichts auserzählt, erklärt oder begründet. Fakten stehen nebeneinander, sie dringen ungehindert in die zerstörten Körper ein. Den Schmerz spürt die Leserin. Auch die Struktur des Romans ist überzeugend, hat sich Lena Schätte doch gegen ein lineares Erzählen entschieden. So setzt sie scheinbar willkürlich Momente, Erfahrungen, Erinnerungen nebeneinander, springt von der einen Zeitebene in die andere, nach vorne und zurück. Daraus ergibt sich ein faszinierender Geschichtenkomplex, den schwierige familiäre Bindungen durchziehen. Aufwühlend lesen sich die ambivalente Vater-Tochter-Beziehung, schwierig und distanziert, gleichzeitig voller Nähe. Die Beziehung zur älteren Schwester, die immer auch die Abwesende bleibt, jene, die es geschafft hat, ist schillernd. Die Geschwister verbindet die gemeinsame Familiengeschichte, auch wenn sie sich für sehr unterschiedliche Lebensentwürfe entscheiden. Nur die Mutter bleibt alleine zurück.

Titelbild

Lena Schätte: Das Schwarz an den Händen meines Vaters. Roman.
S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2025.
187 Seiten, 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783103976571

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