Bereichernde Perspektiven

Der von Oliver Dimbath und Stefan Neuhaus publizierte Sammelband „Reichtum“ untersucht die Darstellung des Reichtums im Film

Von Michael FasselRSS-Newsfeed neuer Artikel von Michael Fassel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Reichtum ist ein facettenreiches kulturelles Phänomen, so legt es der Titel Reichtum. Filmanalytische Sondierungen eines kulturellen Phänomens nahe. Der Sammelband umfasst neben der erhellenden Einleitung vierzehn Beiträge, die sich mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen den Darstellungsformen und -strategien von Reichtum in Filmen widmen. Zwar weisen die Herausgeber Oliver Dimbath und Stefan Neuhaus einleitend darauf hin, dass das theoretische Fundament der Einzelanalysen „nicht sehr verschieden“ sei, da sich die meisten Beiträge auf „Pierre Bourdieu und seine Kapitalsorten“ beziehen und dass sich insgesamt ein „reichtumskritisches Bild“ herauskristallisiert. Ungeachtet der vorweggenommenen Ankündigungen, die vielmehr als Schlussfolgerungen zu verstehen sind, weisen die Inhalte des Sammelbandes keinesfalls Redundanzen auf. Allenfalls gibt es hier und da Überschneidungen theoretischer Konzepte. Überraschend fällt dagegen die Unterschiedlichkeit der Forschungsgegenstände aus.

Mitherausgeber Oliver Dimbath legt mit dem ersten Beitrag einen grundlegenden Fokus auf filmische Darstellungen und Bewertungsperspektiven von Reichtum. Ausgehend vom viel beschworenen American Way of Life zeigt Dimbath auf, wie Reichtum und individuelle Freiheit miteinander verknüpft werden. Das dem verheißungsvollen Aufstiegsnarrativ zugrunde gelegte Freiheitsversprechen umreißt er treffend als ein doppeltes, das die negative Freiheit „von religiöser Verfolgung sowie ständegesellschaftlicher Gängelung und die positive Freiheit zu einer eigenverantwortlichen Verfügung über die Gestaltungspotenziale selbst erwirtschafteter Ressourcen“ umfasst. Die von Dimbath aufgegriffenen Bewertungsperspektiven schärfen unter Berücksichtigung von etymologischen Auseinandersetzungen und Einblicken in die soziologischen Implikationen Georg Simmels und Max Webers Reichtumsdiskurs den Blick sowohl für die Ausgestaltung der folgenden Figurenanalyse als auch für die nachfolgenden Beiträge.

Folgender Gedanke erweist sich für den Großteil der Beiträge als grundlegend: Es genüge nicht, allein über Reichtum zu verfügen – vielmehr müssen diesem Sichtbarkeit und Symbolkraft verliehen werden, da Luxus von Inszenierung lebt. Vor dem Hintergrund filmanalytischer Untersuchungen und der damit einhergehenden Visualisierung von Reichtum  erweist sich dies mit der Analyse von filmkritischen und feuilletonistischen Kommentierungen der TV-Serie The Gilded Age als gewinnbringende Perspektive auf die filminternen Reaktionen auf Reichtum. Zentral sind die Distinktionskämpfe und die Unterscheidung zwischen ,altem Geld‘ und ,neuem Geld‘, von geerbtem und erworbenem Reichtum in Gestalt der sogenannten Neureichen. Gleichwohl ist anzumerken, dass der theoretische Aufwand enorm für eine vergleichsweise schlichte Erkenntnis ist.

Die Sozialfigur des Neureichen, d.h. jene Figuren, die durch Aufstiegsnarrative zu Reichtum gekommen sind, untersucht Jan Weckwerth. Zentral ist die Frage nach den Unterschieden zwischen etabliertem Reichtum und Neureichtum bzw. inwiefern sich diese Kategorien soziologisch fassen lassen. Dazu gibt der Autor eine Übersicht über exemplarisch ausgewählte Filme und Serien, in denen sich Aufstiegsnarrative unterschiedlichster Art vollziehen – vom illegalen Aufstieg wie in Breaking Bad bis hin zum Aufstieg durch Innovation und Firmengründung wie in David Finchers Social Network (2010). Seinen Schwerpunkt legt Weckwerth auf die viel beachtete Serie Succession (2018–2023). Der Autor kommt zu dem Befund, dass die Neureichen trotz Geld und Macht nicht so schnell in den gehobenen Kreisen ankommen, dies vollziehe sich erst nach mehreren Generationen.

Einen völlig anderen Zugang wählt Helmut Schmiedt. Sein Beitrag ragt insofern heraus, als er sich nicht mit der offensichtlichen Visualisierung von Reichtum im Film auseinandersetzt, sondern die Unsichtbarkeit von Reichtum thematisiert. Der Autor berücksichtigt dabei auch soziale Abstiegs- und Aufstiegsnarrative in Filmen verschiedener Genres. So sei der Western ein Genre, in dem Reichtum handlungsleitend und etwa für Schurken ein zentrales Motiv sei, und das ein illegales bzw. unanständiges Streben nach Reichtum zum Ausdruck bringe. Genauer nimmt Helmut Schmiedt Harald Reinls Der Schatz im Silbersee (1962) und Alfred Vohrers Das indische Tuch (1963) in einer vergleichenden Analyse unter die Lupe. Die Untersuchung verknüpft er mit moralischen Implikationen, indem er u.a. danach fragt, wie verwerflich das Streben nach Schätzen von Bösewichten ist, werden doch alle mehr oder weniger durch den Verlust des Verstandes oder auch mit dem Tod bestraft.

Yvonne Blöcker thematisiert in ihrem Aufsatz Reichtum im Kinderfernsehen. Dass Fernsehsendungen für Kinder eine große Rolle auch im Rahmen der Mediensozialisation spielen, belegt die Autorin einführend anhand statistischer Untersuchungen. Bevor sie sich intensiv mit Paw Patrol (seit 2013) und Benjamin Blümchen befasst (Serie: seit 1977, Kinofilm: 2019), erläutert sie das für den Beitrag grundlegende Verständnis von Reichtum, das sie u.a. zu den Leitfragen führt, wie reiche Figuren dargestellt werden und wie sie mit dem Reichtum umgehen. Die Kontraste zwischen dem stets moralisch gut handelnden Benjamin Blümchen und dem reichen Baron von Zwiebelschreck sind in der gleichnamigen Serie ausgesprochen ausgeprägt. In Paw Patrol hingegen wird Reichtum mit Verantwortungsbewusstsein verbunden: Materieller Wohlstand und das Verfügen über technologische Ressourcen ermöglichen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.

Çağlanur Gencer widmet sich Baz Luhrmanns Verfilmung von The Great Gatsby (2013). Die Autorin geht in ihrem Beitrag zu Beginn auch auf die Romanvorlage aus dem Jahr 1925 ein. Unbestritten dürfte sein, dass der Protagonist Jay Gatsby geradezu die Verkörperung des American Dream sei. Der analytische Fokus liegt auf den Dichotomien von ,gutem‘ und ,schlechtem‘ Reichtum. Besonders Gatsby wird unter Berücksichtigung exemplarisch ausgewählter Szenen präzise charakterisiert. Seine Entwicklung hin zur Verkörperung des American Dream spielt in der Analyse eine zentrale Rolle. Die Autorin hinterfragt kritisch, inwiefern Gatsbys von Exzessen begleiteter Aufstieg und sein Scheitern überhaupt noch die Grundwerte des American Dream widerspiegeln.

Einen international mindestens genauso weit beachteten und diskutierten Film beleuchtet Janin Aadam in ihrem Beitrag zu Bong Joon-hos Parasite (2019). Die mit sechs Oscars ausgezeichnete Sozialsatire aus Südkorea, die sich ebenso als Parabel wie auch als Sozialstudie verstehen lasse, bietet Analysepotenzial für „die Möglichkeiten der Inszenierung von Reichtum […] u.a. aus der Sicht der armen Familie.“ Auffällig sind die visuellen Strategien wie Kameraführung oder das markante Motiv der Treppe, die die Welt der Armen und Reichen, Auf- und Abstiege symbolisiert und eine festgefahrene Hierarchie durch räumliche Trennung – oben die reiche Familie, unten im Keller die armen Eindringlinge – spiegelt. „Das parasitäre Eindringen der Armen in Reichtum ist folglich durch die Inszenierung der Gegensätze gekennzeichnet.“ Wie Aadam mit unterstützenden Screenshots sorgfältig herausarbeitet, stelle der Film jedoch trotz der visuellen und vor allem räumlichen Gegensatzmarkierungen weder die Reichen als schlecht, noch die Armen als gut dar: „Das Schlechte ist in Parasite nicht klar von dem Guten zu trennen.“

Als besonders bereichernd erweisen sich im Sammelband die verblüffend disparaten Forschungsgegenstände, ob Paw Patrol, Der Schatz im Silbersee oder Parasite. Die besprochenen Aufsätze sollen einen Eindruck davon vermitteln. Im Rahmen der Rezension ist es nicht möglich, auf alle vierzehn Beiträge gesondert einzugehen, obgleich die nicht näher erwähnten Beiträge an Qualität und Erkenntnisgewinn den oben besprochenen keinesfalls unterlegen sind.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

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Stefan Neuhaus / Oliver Dimbath (Hg.): Reichtum. Filmanalytische Sondierungen eines kulturellen Phänomens.
Königshausen & Neumann, Würzburg 2025.
270 Seiten,
ISBN-13: 9783826091872

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