Zerfressende Eifersucht

„Die Besessenheit“ der Nobelpreisträgerin Annie Ernaux erzählt über eine Frau in einer Abwärtsspirale

Von Mechthild HesseRSS-Newsfeed neuer Artikel von Mechthild Hesse

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Man kann davon ausgehen, dass der kurze Roman Die Besessenheit (französischer Titel L‘occupation) von Annie Ernaux – wie auch ihre anderen Werke – autofiktional ist. Ob er das ist, spielt aber keine Rolle, denn was Ernaux hier über Eifersucht schreibt, ist sehr intensiv und wohl übertragbar. Man merkt, wie die Ich-Erzählerin sich sprachlich und inhaltlich an diesem Gefühl abarbeitet. Das Erzählte ist eben nicht nur individuell, sondern wird so oder so ähnlich auch von anderen Menschen erlebt; darauf verweist sie ausdrücklich. Das Gefühl der Abwertung der gesamten Person und die darauf fußende Eifersucht kann man gut nachvollziehen.

Sie beschreibt die Gedanken und Taten einer 47-jährigen Frau, die von Eifersucht besessen ist, nachdem sie ihrem jungen Geliebten W. – nach sechsjähriger Beziehung – selbst den Laufpass gegeben hat. Der Grund: Sie wollte dem möglichen „Überdruss“ vorbeugen, den sie offenbar schon aus ihrer zuvor erlebten langen Ehe kannte. Als ihr Partner W. aber nach dieser Entscheidung sagt, dass er die eigene Wohnung aufgegeben hat, um mit einer anderen 47-Jährigen zu leben, trifft sie die Eifersucht schlagartig und lässt sie lange nicht wieder los.

Sie will alles über die Frau wissen. „Den Namen der anderen Frau zu kennen, hätte bedeutet, mir in diesem Zustand des Seinsmangels, in dem ich mich befand, ein kleines Stück von ihr anzueignen.“ Sie bemüht sich letztlich, wieder frei zu sein, „die Last abzuwerfen“, die ihr die Eifersucht beschert.

Und sie erfährt, dass „diese andere“ als Dozentin im Intellektuellenviertel von Paris, dem Rive Gauche nahe der Sorbonne, lebt und nicht in der westlichen Banlieue, wo sie selbst wohnt. Trotz ihrer intellektuellen Gleichstellung (sie ist ebenso auf akademischen Podien zu finden) wird die Erzählerin nun von Selbstzweifeln geplagt. Sie erfährt sich als Unterlegene, sie fühlt ihren Körper und ihr Gesicht abgewertet, sowie ihre Tätigkeiten und ihr gesamtes Sein. Dass der Mann mit einer anderen zusammenzieht, bedeutet für sie eine absolute Niederlage.

Mit dem Schreiben legt sie ihre Obsession und den Schmerz bloß. Sie will die Fantasien und Verhaltensweisen der Eifersucht erforschen, die in ihr am Werk sind, will etwas Individuelles, Intimes im Schreiben zu einer greifbaren Substanz machen. Die Funktion von Sprache, nämlich Austausch und Kommunikation, wird nun ersetzt durch einen einzigen Sinn und Zweck: „seine Liebe entweder zu ihr oder zu mir zum Ausdruck zu bringen.“ Erst als sie sich in einer Nacht entscheidet, W. eine digitale Nachricht zu schreiben, um endgültig mit ihm Schluss zu machen, macht sie den ersten Schritt, die Eifersucht zu besiegen. Danach aber sucht sie noch einmal verzweifelt die richtigen Worte, um beim Schreiben des Briefs alles für sich zu klären. Erst dann kann sie sich lösen. Die Besessenheit wird zu einem klar umrissenen „Zeitraum der Vergangenheit“.

Es ist nicht nur für die Protagonistin, sondern auch für die Leserin schmerzhaft zu lesen, in welchem Abwärtsstrudel sie sich nach der eigenen Trennungsentscheidung befindet. Gleichzeitig ist es gut zu sehen, dass erst die schriftliche Sprache, das Schreiben eines Briefs, eine Wende hervorruft. Die Erzählung auf Deutsch „die Besessenheit“ zu nennen, scheint mir richtig gewählt, denn „Besatzung“ hätte eventuell militärische Konnotationen und würde dem selbst-zerstörerischen Gefühl der Eifersucht nicht ganz gerecht.

Titelbild

Annie Ernaux: Die Besessenheit. Roman.
Aus dem Französischen von Sonja Finck.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2025.
66 Seiten, 20,00 EUR.
ISBN-13: 9783518225622

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