Von Wanderung, Vermischung und Weiterentwicklung
Die Wissenschaftsjournalistin Laura Spinney präsentiert in ihrem neuen Buch „Der Urknall unserer Sprache“ die Entwicklung der indoeuropäischen Sprache
Von Georg Patzer
Dass die Inuit fünfzig Wörter für „Schnee“ haben, stimmt zwar nicht, ist aber eine hübsche linguistische Anekdote, die zeigt, dass die Lebensumstände auch die Entwicklung der Sprache beeinflussen. Wie Laura Spinney schreibt, ist dagegen nachgewiesen, dass „das Baltische und das Slawische einen recht umfangreichen Wortschatz bezüglich Flüsse und Fischerei“ teilten: „Die baltische Sprache Altpreußisch kannte ein Wort für ‚Stör‘ (eketres), das mit dem Namen für denselben Fisch im Russischen, einer slawischen Sprache, verwandt ist.“ Ebenso teilten die beiden Sprachen Wörter für waten, tauchen, laichen, Einbaum und Floß, die so in keinem anderen Zweig der indoeuropäischen Sprachfamilie vorkommen. Damit sei klar, dass Slawen und Balten Berührungspunkte hatten, als beide im frühen 3. Jahrtausend vor Christus am Dnjepr siedelten.
Sie können diese Wörter nicht vom Proto-Indoeuropäischen geerbt haben, da es dort nicht existierte. Und da baltisches und slawisches Vokabular fast keine Gemeinsamkeiten bezüglich der Landwirtschaft aufweisen, ist es unwahrscheinlich, dass die Sprecher des Baltoslawischen Ackerbauern waren.
Linguistik kann sehr spannend sein, wenn man sie so präsentiert wie die Wissenschaftsjournalistin Laura Spinney in ihrem neuen Buch Der Urknall unserer Sprache (auch wenn der Titel ein wenig zu reißerisch daherkommt). Es gelingt ihr vor allem, auch die Archäologie und Paläogenetik in ihre Forschungen einzubeziehen, die das Leben der Menschen und die Wanderungsbewegungen erforscht haben. Und die waren wichtig für die Ausbreitung von Sprachen und ihre Veränderungen. Besonders die DNA, die man aus Knochen extrahiert, zeigt Verwandtschaften zwischen Menschen, die weit voneinander entfernt gelebt haben.
Spinneys Buch untersucht die Ausbreitung und Entwicklung anhand von ausgewählten Teilen der indoeuropäischen Sprachfamilie, etwa Indoiranisch, Keltisch oder Tocharisch. Die romanischen Sprachen gehören dazu, Persisch, Griechisch und das alte Keltisch, Deutsch und Englisch, Litauisch und Sanskrit – als Laie wird man nur wenige oder gar keine Gemeinsamkeiten entdecken. Der „Urknall“ passierte vor etwa 5000 Jahren im Gebiet um das Schwarze Meer. Mit den neuen Transportmitteln wie Booten, Wagen oder Pferden breiteten sich die Menschen schnell aus: Schon 1000 Jahre später wurden sowohl in Irland als auch in China indoeuropäische Sprachen gesprochen. Und natürlich veränderte sich die “Urknall”-Sprachfamilie auch: Zuwanderer stießen auf neue Tiere und Pflanzen und Methoden der Nahrungszubereitung und auf andere Menschen. So entstanden neue Wörter, und die „Ursprachen“ veränderten sich. Durchgesetzt haben sich, so Spinney, jeweils die Sprachen, die am praktischsten waren.
Wie das Indoeuropäische durch Nomaden nach Europa kam, zeigen zwei Wörter, die in einem berühmten Satz des ukrainischen Autors Taras Schewtschenko vorkommen: „Wenn ich sterbe, so bestattet mich auf eines Kurgans Zinnen, mitten in der breiten Steppe der geliebten Ukraine.“ Diese beiden Wörter sind wichtig für die Urgeschichte des Indoeuropäischen: Steppe und Kurgan. Kurgane sind Grabhügel der Kurgankultur, die bäuerlich und sesshaft war, während sich Nomaden aus der Steppe zwischen der Ukraine und der Mandschurei ausbreiteten. Heute werden sie als Jamnaja bezeichnet (von der indoeuropäischen Wurzel „jam“, graben), eine Mischung „aus östlichen Jägern und Sammlern und iranischen Ackerbauern mit einer Prise anatolischer und levantinischer Bauern“. Wie Spinney schreibt, zählte diese Gruppe nur einige Zehntausend. Noch heute „tragen viele armenische Männer, die in der Hauptstadt Eriwan an Gebäuden aus der Sowjetzeit vorbeischlendern oder in den zahlreichen Cafés der Stadt Kaffee trinken“, die passenden Chromosomen. Sie waren sehr viel größer als die Bauern und interessanterweise auch laktoseintolerant. Deshalb tranken sie Milch nur fermentiert. Die Vorform des Wortes Met zählt ebenso zum protoindoeuropäischen Bestand wie ein Wort für Honig, eine Vorform des lateinischen „mel“, die über das indoeuropäische Tocharische sogar ins Chinesische („mi“) gekommen sein soll. Die Jamnaja kannten Pferd, Hund und Kuh, Gastfreundschaft und vielleicht sogar das Rad.
So bildhaft und lebendig erzählt Spinney von den Reisen der indoeuropäischen Sprachen. Manchmal kommt sie ein wenig ins Phantasieren, wenn sie etwa meint, dass die Jamnaja auch gekifft haben sollen. Dennoch ist ihr Buch eine ausgezeichnete und ausführliche Einführung und Orientierung über die Entstehung und den Wandel unserer Sprachen durch Migration, Vermischung und Veränderung. Spinney wartet mit vielen staunenswerten Fakten auf: Etwa dass es in der Antike ein Insel-Archipel gab, in dem jede Insel ihren eigenen Dialekt oder ihre eigene Sprache hatte, die sich von der auf der nächsten Insel unterschied. Sogar die Höhe des Gebiets, wo die Menschen wohnten, beeinflusste Sprachen: Menschen, die weiter oben lebten, sprechen eher die Sprache der Menschen weiter unten als umgekehrt, schreibt Spinney. Denn vermutlich mussten die Bergbewohner häufiger ins Tal kommen, während die Talbewohner nicht unbedingt auf die Berge hinaufsteigen mussten.
Und noch ein Hinweis für die „Bewahrer der deutschen Sprache“: Die erfolgreichsten Sprachen waren immer eine Mischform, die von Migranten verbreitet wurde. So haben sich die indoeuropäischen Sprachen immer wieder angepasst, weiterentwickelt und leben noch heute: Fast die Hälfte der Menschheit spricht Indoeuropäisch.
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