In Shakespeares dramaturgischen Baukasten geschaut
Elisabeth Bronfen kommt in „Shakespeare und seine seriellen Motive“ zu der Erkenntnis, dass dasselbe nicht immer das gleiche ist – zumindest in der Schreibwerkstatt des großen Elisabethaners
Von Nora Eckert
Mit Blick auf die Sekundärliteratur zu William Shakespeare, seiner Zeit und seinem Werk, die schon lange in Regalkilometern gerechnet werden muss, ist die Sachlage eigentlich klar: Weniger wäre eindeutig mehr. Aber wer vermag schon zu sagen, was davon auszumustern sei. Wer besäße hier den Überblick? Und wurde nicht auch schon alles gesagt? Keine Frage, es gibt sie, die uneinholbaren Highlights und Evergreens in der Shakespeare-Deutung und -Forschung. Aber der große Rest verdankt sich einem akademischen Betrieb, der oft doch nicht viel mehr als Betrieb ist, mit einer mehr oder weniger ausgeprägten Neigung zur Selbstbefriedigung.
Wenn allerdings ein Verlag, wie jetzt geschehen, das „definitive Buch über Shakespeare“ ankündigt, dann wissen wir vor allem eins: Dem wird definitiv nicht so sein. Das muss nicht gegen das Buch gehen, sondern nur gegen die Vollmundigkeit von Marketing-Versprechen. Dass Shakespeare mit seriellen Motiven arbeitet, ist ja dem aufmerksamen Lese- und Theaterpublikum längst aufgefallen und der philologischen Forschung sowieso. Wahrscheinlich aber haben wir es noch nie so ausführlich und so umfassend erklärt bekommen, wie jetzt durch die Anglistin Elisabeth Bronfen. Das jedenfalls wäre Shakespeare und seine seriellen Motive schon mal gutzuschreiben.
Die Absicht des Buches erklärt die Autorin so: „Shakespeare in Serie zu betrachten – so die Wette dieses Buches – heißt, den Fokus auf die Denkformen zu richten, die sich durch dieses Werk hindurchziehen.“ Was für Bronfen nichts anderes bedeutet, als die „Dramen zu zerlegen und zu einer Reihenfolge neu zusammenzusetzen“. Genau das geschieht. Die Autorin ortet die seriellen Motive in den Stücken als Denkformen, also wiederkehrende Situationen und Konstellationen, wie etwa Liebe, die sich in ihr Gegenteil verkehrt, Geschichte als von Gewalt geprägter Zyklus (Stichwort „Rosenkriege“) oder auch „sprechende Körper“ durch Kleidung und Gestik (Stichwort: Geschlechtsrollenwechsel). Hinzu kommen all die dramatischen Gegenstände wie Tücher, Schriftstücke, Juwelen, aber auch abgeschlagene Köpfe.
Bronfen startet mit Shakespeares Darbietungen von Träumen, Visionen, Halluzinationen und Geistern aus dem Totenreich, gefolgt von den Obsessionen mit Geheimnissen, all den Szenen der Überwachung und Verdächtigungen, der Missverständnisse und des vorenthaltenen Wissens, um die eigene Macht zu stärken. Darin findet sie wesentliche dramaturgische Konstruktionen, die die Autorin Denkformen nennt. Das Verfahren selbst ist seriell: Zunächst geht es um das Aufspüren der Wiederholungen, dann um die Beschreibung, wie sie im Stück funktionieren, um schließlich Variierungen als Ähnlichkeit und Differenz festzuhalten. Daraus entsteht schließlich ein Beziehungsgeflecht der Stücke untereinander. Die Rede ist hier von einem „inhärenten Wiederholungszwang“.
Die Erkenntnis aus der Serialität zwischen den Dramen folgt, so Bronfen, daraus, „dass es in der Denkwelt Shakespeares kein endgültiges Erledigen gibt“. Und so ist das Schlusskapitel überschrieben mit „Abschluss als Neuanfang“:
Die dramaturgischen Formeln, die Shakespeare für den Drang nach Erledigung und Ausklang in immer neuen Varianten durchspielt, verschränken konsequent den Abschluss mit einem Neubeginn. Der Epilog verspricht sowohl eine einstweilige Auflösung der dramatischen Spannungen und versichert uns zugleich, dass mit jeder neuen Vorstellung der theatrale Zauber von neuem seine Wirkungsmacht entfalten wird.
Daraus ergibt sich die Frage, ob es nicht vielleicht gerade diese unabgeschlossenen Enden seien und deren Potenzialität, dass wir von Shakespeare nicht loskommen. Die Antwort gibt das Theater selbst. Es arbeitet, wenn man so will, nicht weniger seriell als der Dramatiker, indem es uns die immergleichen Stücke in immer neuer Gestalt präsentiert und eine Interpretation die andere ablöst – ohne Aussicht, damit jemals an ein Ende zu kommen. Ob es freilich die von Bronfen akribisch beschriebene Serialität selbst und die sich daraus ableitende Rasterung der Stücke ist, die Shakespeares Dramen zu Dauersellern der Bühne und in der Publikumsgunst macht, darf bezweifelt werden. Denn wer ginge in eine Vorstellung des Sommernachtstraums und hätte gleichzeitig Was ihr wollt oder Der Sturm im Kopf, weil dort ebenfalls Traumgeschehen mit hineinspielt?
Also, bleiben wir noch für einen Moment bei der Bedeutung der Serialität und lassen den Theatervorhang vorerst offen und das Buch aufgeschlagen. So offensichtlich Shakespeares Recycling-Methode als dramaturgischer Dauervorgang auch ist, (von der kein wesentliches Handlungselement ausgeschlossen bleibt, wie uns Bronfen überzeugend in einer mitunter ziemlich herausfordernden Gründlichkeit darlegt), so bleibt doch unbeantwortet, ob das Universum mit Namen Shakespeare wirklich schon mit dem Recycling-Baukasten erklärt ist. Zweifel daran schürt die Autorin selbst:
Die Lektüre Shakespeares ist nie erschöpfend, weil sie immer wieder von neuem ansetzen kann, weil jede Aussage eine Annäherung, keine endgültige Festlegung ist, weil alles auch nochmals anders gedacht und anders erzählt werden könnte. Auf dieses Potenzial zur Fortsetzung setzt dieses Buch.
Weil aber die Autorin so unermüdlich dekonstruiert und das Dekonstruierte als variierende Serie präsentiert, also Shakespeares Denkräume gewissermaßen kartographiert und gleichzeitig separiert, stellt sich die dringende Frage: Welcher Stoff, welche Energie hält all das Serielle am Ende zusammen und macht ein ganzes und irgendwie rundes Stück daraus? Um im Bild von Denkräumen zu bleiben, was ist mit den Fugen und was ist mit den Fenstern und Türen? Will sagen, auf was ist der Denkraum gebaut und in welcher Umgebung steht er? Oder anders gefragt: Wie sieht es mit der Historizität aus? Woher kommen Shakespeares serielle Motive? Sind sie seine Erfindung? Wie hat die Konkurrenz gearbeitet?
Fazit: Bronfens Studie ist von beeindruckender Material- und Argumentationsfülle, die kein serielles Motiv auslässt und uns die einleuchtende Erkenntnis beschert, dass die zwischen den Dramen bestehende Serialität für ein offenes Denken steht und deshalb in Shakespeares Denkwelt kein endgültiges Erledigen existiert. Das Unabschließbare der Stücke ist, wenn man so will, ihr Markenzeichen. Eine historische Einordnung indes fehlt und wäre wünschenswert gewesen.
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