Vom Handwerk des Schreibens

Ein Text+Kritik-Band erkundet umsichtig Lutz Seilers Gedichte und Romane

Von Michael BraunRSS-Newsfeed neuer Artikel von Michael Braun

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Was ist das „Woyzeck-Prinzip“? Lutz Seiler hat es auf den Punkt gebracht. In seiner Dankesrede zum Empfang des Büchner-Preises 2023 verband er damit die Figur des Vormärzdichters mit seiner eigenen Herkunftsgeschichte. Das Woyzeck-Prinzip besteht aus den Geschichten vom Leben der „Geringsten“, die bei Büchner wie bei Seiler bis in die letzte Faser von Arbeit beherrscht und gedemütigt werden. Pauperismus im industriellen Zeitalter, verstrahlte Uranhalden im posttechnischen Anthropozän: Solchen Übergängen zwischen Lebenswelten hat Lutz Seiler in Romanen, Essays und Gedichten immer wieder Gestalt gegeben. Höchste Zeit also, den Autor in die gediegene Reihe der Text+Kritik-Hefte aufzunehmen.

Literarische Schwellen- und Brückengänge

Bernard Banoun, Germanistikprofessor an der Sorbonne und einer der profundesten Seiler-Interpreten, hat das Heft herausgegeben und mit einem umsichtigen Gespräch eröffnet. Hier erfährt man, dass der Autor von der Lyrik, die er seit den 1980er Jahren schreibt, zum Erzählen erst über die Brücke autobiographisch fundierter Essays gelangt ist. Die Essays waren ihm eine Vorschule der Romanästhetik, weil sie nach seinen Worten „konzentrierte Anwesenheit“ im epischen und „konzentrierte Abwesenheit“ im lyrischen Schreiben, die Zusammenführung von Bild und Gedanken, verlangten. Dabei spielt für Seiler die Musikalität, der „Groove“ literarischen Sprechens eine aufschlussreiche Rolle. Literatur brauche eine Stimme, auch die eigene beim Vorlesen, um zu ‚stimmen‘. So entstehen sprachstimmige, genreübergreifende Bildfelder wie das vom „Kieferngewölbe“ hinter Seilers Wilhelmshorster Wohn- und Arbeitssitz im Peter-Huchel-Haus oder die vom Uranabbau geschleiften Kindheitslandschaften in Ostthüringen. Womit wir wieder bei Büchner und dem fluiden Kanon von Lutz Seiler wären, für den die Klassifizierung einer „Post-DDR-Literatur“ zu asymmetrisch ist.

Geschichte der Lyrik im Roman

Nicht symmetrisch ist für den Autor auch die Registratur von Gedicht und Erzählung. Beides gehört generisch zusammen. Hervorzuheben ist der Beitrag von Stephan Pabst (Halle-Wittenberg) über den engen Zusammenhang zwischen lyrischem und epischem Werk Seilers. Künstlerromane seien Kruso und Stern 111, Seilers vor und nach dem Mauerfall spielende Romane, weil sie von der Geburt des Lyrikers aus dem Geist der DDR-Avantgarde erzählten. Die Protagonisten in den Romanen verkehren in alternativen Künstlerkolonien, behängen sich mit berühmten Dichternamen, schreiben selbst Aufbruchsgedichte. Und rekapitulieren damit die prekäre, manchmal anachronistische Rolle der Lyrik in einem untergangsgeweihten Land zwischen Nostalgie und Rebellion.

Details on duty und die Tücke des Objekts

Das titelgebende Kofferradio „Stern 111“, das Automobil Shiguli, die Handwerkszeuge des Maurers, der aus einer Werkbank gezimmerte Schreibtisch, die Kiefern im „poetischen Wald“ hinterm Haus in Wilhelmshorst, die Radioaktivität als somatische, mentale und raumzeitliche Materialbasis (so Michael Ostheimer in seinem Beitrag) – das sind zunächst unauffällige Dinge in Seilers Werken, die auf rekursive und poetische Weise aufgeladen werden und von dem künden, was der Schriftsteller Henning Ziebritzki in einem hier abgedruckten Brief an den Autor den „Seiler-Sound“ nennt. Auch die Beiträge von Valentina Di Rosa (Neapel), Lothar Müller (Berlin) und der Schriftstellerin Ilma Rakusa gehen mit mehr oder weniger Intensität darauf ein, was in Seilers Schreiben die Hände mit Handwerk und Hantieren zu tun haben, wie dort das Licht elektrisch angerufen wird und warum es einer „musikalischen Phantasie“ bedarf, um die Dinge im epischen und lyrischen Laufe ihre poetische Pflicht tun zu lassen. Manchmal auch mit der sprichwörtlichen Tücke des Objekts.

Lothar Müller gräbt für Seilers Dienst am künstlerischen Detail einen illustrativen Referenztext aus: Donald Barthelmes Erzählung Am Ende des mechanischen Zeitalters, 1973 erschienen. Hier findet sich der Schlüsselsatz „grace is electricity, science found out“. Der Kurzschluss zwischen Religion und Realität, Transzendenz und Immanenz ist nur scheinbar. Denn Seilers Erzählung Der Ableser (2011), der sich auf Barthelms das Zählwerk ablesenden „Gott“ bezieht, verknüpft beide Welten und macht diese Begegnung zu einem merkwürdigen Schwellenerlebnis. Die „Doppelgesichtigkeit der Dinge“ in Seilers Werken stehe, so Müller, in der Tradition eines modernen Erzählens im technischen Zeitalter. Hier wäre im Gefolge eines material turns der Kulturwissenschaften, der die Dinge aus ihrer Gebrauchs- und Tauschsphäre nimmt und ein „thinking through things“ lehrt, noch einiges zu holen.

Auf der „Höhe der eigenen Schatten“… 

Der Band wird abgerundet mit einem soliden Verzeichnis der Werk- und Forschungsbeiträge. Und aufgemacht mit einem Auszug aus einem Romanmanuskript Lutz Seilers, das neugierig macht. Im Mittelpunkt der siebenseitigen Erzählpartie begegnet Carl, den wir als Protagonisten aus Stern 111 kennen, einer „Fellstiefelfrau“ aus Asien, die zwischen Muse und Wahrsagerin schillert und den Erzähler mahnt, „auf Höhe der eigenen Schatten zu bleiben“. Und natürlich tauchen auch hier, wie könnte es anders sein, vertraute Leitmotive auf: die Hand, das Licht, ein bunter Gürtel – Geschenk der ‚Fellfrau‘, der in Carls Wohnung zweckentfremdet und dingbewusst im januarkahlen Weihnachtsbaum hängt.

Titelbild

Bernard Banoun / Carola Hähnel-Mesnard: Text und Kritik 249: Lutz Seiler.
edition text & kritik, München 2025.
103 Seiten , 28,00 EUR.
ISBN-13: 9783689301224

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