Russlands grausamer Krieg gegen die Ukraine

Katja Petrowskaja legt mit „Als wäre es vorbei“ ein erschütterndes, tief bewegendes Buch vor

Von Thorsten PaprotnyRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thorsten Paprotny

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Vor knapp vier Jahren begann der vom russischen Präsidenten Wladimir Putin als „Spezialoperation“ apostrophierte Krieg gegen die Ukraine. Der Aggressor versetzte den Nachbarstaat und seine Bevölkerung in Angst und Schrecken. In Europa wurde ein grausamer, bestialischer Krieg entfesselt. Katja Petrowskaja, gebürtige Ukrainerin und in Berlin lebend, gehört seit einiger Zeit zu den vielbeachteten literarischen Stimmen in Deutschland. Sie ist eine Autorin, die mit hoher Sensibilität und einer oft präzisen Sprache Menschen zu porträtieren und Geschichten zu erzählen weiß. Ein Buch wie dieses ragt gleichwohl aus ihrem Werk hervor, denn sie zeigt Anschauungen vom Krieg, die sprachlos machen, die Leserinnen und Leser bis ins Mark treffen und zugleich die mitleidlose Härte der Invasoren zeigt. Niemand muss den Schrecken gänzlich ausbuchstabieren, um zu sehen, welches Leid Russland über die Ukraine gebracht hat und immer noch bringt. Die bloße Humanität verbietet es, sich an Kriege zu gewöhnen, und so herrscht mitten in Osteuropa, auf gewisse Weise auch vor der Haustür der Europäischen Union, die nackte Inhumanität.

Katja Petrowskaja schreibt im Februar 2022:

Die Realität hat meine schlimmsten Albträume eingeholt. Meine Heimatstadt Kiew wird bombardiert. Wie merkwürdig einfach das klingt. Es gibt ein Lied darüber, aus dem Jahr 1941. Meine Mutter, Swetlana Petrowskaja, Jahrgang 1935, eine verehrte Geschichtslehrerin, die Generationen von Schülern unterrichtet hat, sitzt im Luftschutzkeller. Auf Wohnhäuser auf dem linken Ufer der Stadt Kiew, wo ich aufgewachsen bin, fallen Raketen. Hunderttausende Menschen haben diese Nacht in Kellern, Bunkern und U-Bahn-Stationen verbracht.

Nüchtern beschreibt die fassungslose Schriftstellerin, was sie nicht sieht, aber mitzuerleben scheint. Die Vernichtungsmaschine des Militärs tobt in ihrer Heimat. Es ist eigentlich unvorstellbar, und zugleich ist es so nahe, wie Familienangehörige, Freunde, Bekannte um ihr Leben zittern, verzweifelt Obdach suchen und überleben möchten. Wie schnell kann der Friede zerbersten. Petrowskaja zeigt sich „empört“ – und wer wollte es ihr verdenken, über die „Jahre der Appeasement-Politik“ und die „halbgaren Maßnahmen“, das laue Gerede, „um bloß Putin nicht zu beleidigen und zu provozieren“. Klarsichtig legt sie dar, dass sehr schnell wohlmeinende Sonntagsreden und öffentlich artikuliertes Mitleid nur noch wie eine schändliche Karikatur von Politik wirken. Hunderte Kilometer entfernt sterben Kinder, Frauen und Männer, in Deutschland ringen Parteien und ihre Exponenten um angemessene Reaktionen, sind aber selbst getrieben von Angst. Zornig notiert die Autorin die „Eskalation der putinschen Kriegsverbrechen“ und bezeichnet die Liste der Angriffe, von Tschetschenien bis zur Krim, als „lupenreine Faktographie“.

Das Buch ist mit Bildern aus dem Krieg illustriert: Sie zeigen dunkle Wolken, vereinsamte Menschen und Augenblicke der Angst. Die Fotografien sprechen ihre eigene Sprache. Der Krieg weise eine „mythische Dimension“ auf, formuliert Petrowskaja. Sie sucht nach Anschauungen und fragt sich, welches das passende „Bild des Krieges“ sei: Zerstörte Wohnhäuser? Eine Frau, die während des Luftalarms in einem Keller ihr Kind geboren hat? Flüchtlinge, die nach Westen aufbrechen? Die Welt scheint sich schnell an den Krieg zu gewöhnen, an steigende Opferzahlen ebenso wie an eine beliebige Statistik. Petrowskaja erregt sich über die Ostermärsche in Deutschland, auf denen nur von einem Konflikt anstatt von einem Krieg gesprochen wird, einem Krieg, der die „Vernichtung der Zivilbevölkerung“ zum Ziel hat. Doch mitten in diesem Grauen entdeckt die Autorin auch lächelnde Menschen, so etwa das Bild einer Mutter mit Tochter aus der zunächst russisch besetzten, dann befreiten Stadt Irpin. Zwei Menschen, die so glücklich wirken, „als wären sie allzeit von Liebe und Wärme umgeben“– und die zumindest vorübergehend in Sicherheit sind. Sie wirken wie ein Symbol der „spontanen, sich selbst formenden und souveränen Freiwilligenbewegung in der Ukraine“, die nichts anderes möchte als selbstbestimmt, angstfrei und in Freiheit zu leben. Dafür stehen sie ein, dafür kämpfen sie, aber finden sie ausreichend Unterstützung? Wer dieses Buch liest, gerät immer wieder ins Zweifeln: Die Ukraine erhielt zwar viel öffentlich bekundete Sympathie, aber neben der ostentativ bekundeten Empathie mit den Obdachlosen des Krieges bleibt die Frage offen, ob das von dem mörderischen Krieg überzogene Land auch die nötige militärische Hilfe erhalten hat oder heute erhält. Erinnern wir uns also: In Deutschland rief der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz im Bundestag vollmundig die „Zeitenwende“ auf, sprach von militärischer Unterstützung, und kurzfristig wurden 5.000 Schutzhelme für ukrainische Soldaten geliefert. Die Ukraine wurde also gerade am Beginn des Krieges von ihren ängstlichen Freunden in Europa im Stich gelassen. Vor Augen treten die Ärzte, die ohne Pause und mit wenig Schlaf die Verletzten versorgen, oder die jungen Männer, die in den Schützengräben zu Tode kommen oder lebenslang an posttraumatischen Belastungsstörungen und an Kriegsverletzungen leiden werden.

Mitten in diesem Krieg berichtet Katja Petrowskaja von einem Regenbogen, den sie in Berlin sieht. Ein Hoffnungszeichen, das für ein paar Momente den Traum erfahrbar macht, dass „Vielfalt, Hoffnung und Frieden“ wieder Raum gewinnen könnten und dass der Sturm der Verwüstung eines Tages endgültig vorübergeht. Von selbst aber wird der Krieg nicht zu Ende gehen, das wissen alle Beteiligten, und das wissen auch alle bekümmerten Zuschauer in der Ferne. Katja Petrowskaja schreibt:

Es fällt schwer, über den Krieg zu reden, denn es schmerzt. Es gibt kein Bild, das die akkumulierten Schmerzen des Krieges darstellen kann, wir sehen immer nur einen Teil der Wunde. Die Nachrichten wirken wie Schüsse, man wird von ihnen durchlöchert. Man denkt über das Geschehen nach, oder nein, es ist kein Darübernachdenken, sondern Schmerz, selbst der Schmerz schmerzt, er prallt ab wie eine Kugel und trifft auch noch jemand anderen.

Auch dieses ebenso eindrucksvolle wie traurige Buch lässt ins Bewusstsein treten, was im Alltag so oft verdrängt wird – es herrscht Krieg, und manchmal scheint es, als hätte sich die Welt daran gewöhnt. Darum ist es gut, wichtig und unverzichtbar, dass Katja Petrowskaja die Wunden zeigt. In dieser tieftraurigen Prosa des Daseins wird das Leid anschaulich. Zugleich beschreibt die Autorin unsere Zeit, in der Europa lange auf die vermeintliche Friedensdividende gehofft hat, die Zeit nach dem Fall der Mauer, dem Ende des Kalten Krieges, sie schreibt über Kooperation auf dem Kontinent und den Geist des guten Willens. Petrowskaja macht alle Leserinnen und Leser mit den Trümmern ihres Heimatlandes vertraut. Dieses schmerzhafte Buch ist eine Desillusionierung für all jene, die nach der Auflösung der Sowjetunion auf einen dauerhaften Frieden gehofft haben. Der Geist des Humanismus lebt in den Schilderungen von Katja Petrowskaja. Möge ihr wichtiges Buch eine große Leserschaft finden.

Titelbild

Katja Petrowskaja: Als wäre es vorbei. Texte aus dem Krieg | Mit vielen Abbildungen.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2025.
217 Seiten, 25,00 EUR.
ISBN-13: 9783518432341

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