Von seltsamen und liebenswerten Dichtern
Lebhaft erzählt Michael Krüger von seinen Freundschaften mit Dichtern, von Günter Bruno Fuchs bis Hans Magnus Enzenberger, von Guntram Vesper bis Günter Grass
Von Georg Patzer
Wenn einer 60 Jahre lang im Buchgeschäft ist und davon 45 Jahre im Hanser Verlag und lange, von 1986 bis 2013, Leiter des Verlags, dann kann er was erzählen. Wenn er so gut wie Michael Krüger, der 1943 in Wittgendorf im Landkreis Zeitz geboren wurde, erzählen kann, dann entfaltet sich eine ganze literarische Welt. Nach seinem Buch Verabredung mit Dichtern hat er jetzt ein neues Plauderbuch veröffentlicht, in dem er noch einmal, über 600 Seiten lang, von seinen Begegnungen und Freundschaften mit Dichtern erzählt.
Wieder geht er chronologisch vor, anhand seiner Wohnungswechsel innerhalb von München und später an den Starnberger See, wo er während der Covid-Zeit seine Leukämie bekämpfte. Wieder erzählt er von Begegnungen, die so unterschiedlich sind wie die Dichter, die sich immer mal wieder bei ihm einquartierten, eingeladen waren und einfach nicht mehr gingen, wie der rumänische Dichter Oskar Pastior, den Martin Walser einmal mitbrachte. Vor allem sah Pastior tagsüber, wenn Krüger arbeiten gegangen ist, fern, um die deutsche Sprache zu lernen, dann fing er auch an zu schreiben, und schließlich mussten Krüger und seine Freundin eine größere Wohnung suchen, die für drei passte: „Oskar kam und blieb. Fast ein Jahr. Er ging nicht mehr weg“.
In Krügers Erzählungen eingebettet sind Preisreden, etwa für den von ihm und seinen Freunden Nicolas Born, Bazon Brock, Hubert Burda und Peter Handke gegründeten Petrarca-Preis, Rezensionen, Vor- und Nachworte und leider auch immer mehr Nachrufe, denn viele Dichter hat er bis zu ihrem Tod begleitet. Auch Pastior, der noch einmal kurz seine Rede zur Verleihung des Büchner-Preises im Oktober 2006 überarbeiten wollte und dann plötzlich tot neben der Kommode lag: „Ich habe unter größtem Herzklopfen im Theater in Darmstadt seine Dankesrede verlesen müssen.“
Aus den anekdotenreichen, anschaulich präsentierten Erzählungen und den Reden entsteht eine lockere, subjektive und unterhaltsame Literaturgeschichte, denn sofort wird die Vergangenheit lebendig. Zudem war der Hanser Verlag (und ist noch) einer der wichtigsten deutschen Verlage. Nicht nur, dass viele Nobelpreisträger unter den Hanser-Autoren sind (14 davon hat Krüger betreut), vor allem kümmerte sich Hanser auch und ganz besonders um die Lyrik – nicht nur, aber auch, weil auch Michael Krüger Gedichte geschrieben hat. So hat er etwa die Zeitschrift Akzente dreißig Jahre lange herausgegeben. Und wie es scheint, wollte er sie auch alle kennenlernen, mit vielen war er befreundet, auch wenn sie manchmal seltsam waren.
Das allerschönste an diesem reichen, dicken, ausufernden Band ist wohl die Wiederentdeckung von Autoren, die längst vom Buchmarkt verschwunden sind oder dort nie so richtig präsent waren und von denen Krüger ausgiebig und gern zitiert. Wie Jürgen Becker: „Die Pappeln flirren im schwindenden Licht, und man/ spürt den Abschied von etwas, das noch nicht da ist“ hat er einmal geschrieben. Oder der polnische Dichter Zbigniew Herbert, der ein so „wunderbar altmodisches Deutsch“ sprach, der serbische Dichter Danilo Kiš, der seinem in Auschwitz ermordeten Vater in seiner Enzyklopädie der Toten ein Denkmal gesetzt hatte.
Oder der ganz eigene und eigenartige Günter Bruno Fuchs: „Er hatte einen mächtigen Kopf mit riesiger Stirn wie Balzac, einen Leibesumfang wie Theodor Däubler, einen Durst wie Johannes Bobrowski und Uwe Johnson zusammen und außerdem das große Herz eines erstaunten Kindes. Er war pazifistisch wie Paul Scheerbart, dessen Katerpoesie er auswendig konnte („Guten Morgen, sprach das Menschentier / und mancher Schuft trinkt jetzt noch Bier!“), er beherrschten den Holzschnitt wie die alten Meister und die Feder wie Kubin, er liebte alte Holzlettern und die Poesie vom deutschen Barock über Francois Villon bis zu Peter Hille, er stellte wunderbare Pressendrucke in seiner Rixdorfer Werkstatt her und war überhaupt ein Büchernarr. Was dieser freundliche Dichter Günter Bruno Fuchs nicht besaß: Geld, Eitelkeit, Neid, Mitgliedschaft in der Akademie.“ Sofort möchte man wieder etwas von Fuchs lesen, zum Beispiel den Bahnwärter Sandomir.
So lebhaft erzählt Krüger von den vielen Bekanntschaften, von Gerschom Scholem, der ihm ein Buch klaute, von Werner Herzog, Lichtenberg und „Max“ Sebald und immer wieder von den unbekannteren wie Guntram Vesper, Reinhard Lettau oder Ernst Meister, John Burnside, Philippe Jacottet oder den feinen, stillen und beobachtenden Karlsruher Walter Helmut Fritz. Viel und zärtlich erzählte er von Hans Magnus Enzensberger und lobt dessen schnelle Auffassungsgabe, auch auf gemeinsamen Reisen nach Australien oder Arabien.
Nicht alle Dichter kommen gut weg: Ob man den kleinen, korpulenten, eitlen Elias Canetti kennengelernt haben möchte, weiß man nicht. Oder Günter Grass, der sich mehr für sich als für andere interessierte.
Dankbar ist man ihm, dass er es auf sich genommen hat, Maler Nolten zu lesen, als er selbst den Mörike-Preis bekommen hat, und ihn ausführlich nacherzählt und ganz freundlich analysiert. Denn auch Krüger ist, wie Fuchs, ein freundlicher Mensch, der, anders als dieser, in viele Akademien aufgenommen worden ist, viel auch selbst veröffentlicht hat, erst bei Hanser, dann lieber in anderen Verlagen.
Auffällig ist aber auch, dass nur wenige Dichterinnen vorkommen: Christine Lavant, Ilse Aichinger, Inger Christensen und Valzhyna Mort aus Belarus. Und das ist bei der Fülle an wunderbaren Dichterinnen denn doch schade. Vielleicht kommen sie im dritten, nächsten Band etwas mehr vor, denn Krüger schreibt am Ende: „Jetzt ist Schluss. Warum eigentlich?“
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