„Tende Strömfeld Simonetta“
Der SDS-Vorsitzende und Hölderlin-Verleger KD Wolff hetzt in autobiografischen Aufzeichnungen durch sein Leben
Von Georg Patzer
Was hätte das für ein spannendes Buch sein können: KD Wolff, SDS-Bundesvorsitzender, Verleger des Verlags Roter Stern, dann Stroemfeld mit grandiosen Ausgaben von Hölderlin, Kafka, Kleist, Günderode … was für ein Leben. Leider ist die Autobiografie des jetzt über 80-Jährigen vor allem eine Sammlung von name-droppings und langweilig. Vielleicht mögen es Menschen, die sich auch an diese Zeit erinnern: ach ja, damals. Jüngeren kommt das vor wie Erzählungen vom Krieg inklusive dem Feiern der eigenen Person: wie toll er doch war. Und das ist schade, denn diese Zeit, von der Wolff auch erzählt, den sechziger Jahren, war bei allen Verirrungen auch eine sehr einflussreiche Zeit, die Grünen sind ohne sie ebenso wenig denkbar wie die Frauenbewegung und die RAF-Terroristen, die Spontis und die taz. Vielleicht nicht einmal die Wiedervereinigung.
Klaus Dieter Wolff wurde 1943 in eine bürgerliche Familie in Marburg geboren, schon früh nannte er sich KD. Ein Trauma bestimmte seine frühe Kindheit, bei einem Unfall im Mai 1944 verbrühte er sich mit kochendem Kaffee, den er mit der Tischdecke im Esszimmer heruntergerissen hatte: Nach drei Tagen hat seine Mutter ihn endlich ins Krankenhaus gebracht: „Da über die Hälfte meiner Haut zerstört war, dachten alle, ich würde sterben. Ich blieb fast ein halbes Jahr.“ Im Krieg geboren waren er und seine Freunde „Ruinenkinder“, so heißt das erste große Kapitel passenderweise, denn dort spielten sie auch: „Unsere Eltern bekamen die gefährlichen Ausflüge zwar mit, erzogen uns aber buchstäblich wie abwesend. Seltsam, wie stark und intensiv mir diese Sommer und Winter im Edertal in Erinnerung geblieben sind. Ich glaube, die spätere Revolte meiner Generation war in gewisser Weise wie ein Versuch, dieses Lebensgefühl direkt nach dem Krieg zu wiederholen. Meine Generation wusste, dass unsere Eltern, unsere Väter den Krieg verloren hatten. Diese Ohnmacht der Väter war immer vorhanden: Entweder waren sie gestorben oder auf andere Weise geschwächt.“ Vom Krieg, gar vom Massenmord an den Juden wurde nicht geredet: „Es ist heute kaum noch vorstellbar, wie die Restauration in den Fünfzigerjahren die Haltung der deutschen Gesellschaft bestimmte. Die Nürnberger Prozesse galten als ‚Siegerjustiz‘ – diesen Ausdruck kannten wir als Kinder ganz genau.“ Erst die Auschwitzprozesse und eben die Studentenbewegung änderte das.
Was Wolff nachhaltig prägte, war seine Reise in die USA, 1959 als Schüleraustausch in eine Highschool. Dort lernte er eine politische Haltung kennen, die trotz unterschiedlicher Meinungen die andere oft gelten ließ. Trotz Protesten gegen den Vietnamkrieg und Einreiseverbote wurde Wolff deshalb auch nie ein Antiamerikaner: „Ich würde mich immer noch als einen der größten und engsten Freunde der USA bezeichnen.“ Nach zwei Jahren bei der Bundeswehr studierte er in Marburg, Freiburg und dann in Frankfurt und geriet in die Studentenbewegung, wurde sogar Vorsitzender des Sozialistischen Studentenbunds SDS, auch wenn Rudi Dutschke immer der heimliche oder nicht so heimliche Anführer und Wortführer war, mit seiner Rhetorik war er unschlagbar – kein Wunder, dass er zum Feindbild der Springerpresse wurde, bis jemand auf ihn, aufgehetzt, schoss, an den Folgen dieser Schüsse starb er Jahre später.
Spätestens in Frankfurt setzte sich Wolff mit der Kritischen Theorie auseinander, Georg Lukács, Wilhelm Reich und der „Dialektik der Aufklärung“ bis hin zur Besetzung des Instituts für Sozialforschung 1969, das von Adorno geleitet wurde: „Vermutlich wusste Adorno gar nicht, wie sehr wir ihn eigentlich liebten. Er war eine Lichtgestalt für uns. Alles, was wir gelesen, alles, mit dem wir uns beschäftigt hatten – dafür stand er als Person ein. Mit Blick auf die Kritische Theorie verkörperte niemand für uns eine derartige moralische Integrität wie er.“
1970 begann ein neuer Abschnitt seines Lebens: nach einer Zeit bei Jörg Schröder, dem Verleger des März Verlags, gründete er den Verlag „Roter Stern“. In diesem Kapitel erzählt Wolff rückblickend von seiner Arbeit, die er engagiert, selbstausbeutend und mit hohem politischem Anspruch ausführte. 1974 publizierte er das Räuberbuch über Friedrich Schiller, sein erstes germanistisches Buch. Und ein Jahr später begann er mit D. E. Sattler die Hölderlin-Ausgabe, für die er dereinst in den literaturwissenschaftlichen Himmel kommen wird. Karl-Heinz Bohrer etwa benutzte sie schon früh in seinen Seminaren in Bielefeld: eine Ausgabe, die keine definitiven Texte herstellt, sondern alle Schichten von Hölderlins Schreiben frei- und offenlegte, eine der aufregendsten Veröffentlichungen der Germanistik, die alle weitere Editionstechnik bis heute beeinflusste und bestimmte. Dem Außenseiter Wolff ging es vor allem darum, das konservative Bild dieses revolutionären Dichters zu zerstören: Andere Lesarten sollten mit seinen Texten möglich sein, ebenso bei seinen späteren Ausgaben von Kleist, Karoline von Günderode, Gottfried Keller, Georg Trakl und Franz Kafka: „Im Grunde ging es mir darum, die Allmacht von germanistischen Großordinarien zu brechen, die dachten, sie allein hätten die Fähigkeit, Texte zu analysieren, zu deuten.“ Bis 2008 ging die Arbeit am Hölderlin. Witzigerweise bekam er 1993 auch Geld von Helmut Kohl, der Hölderlin liebte.
Was Wolff finanziell immer wieder rettete, war das zweibändige Buch Männerphantasien von Klaus Theweleit, ein Bestseller von 1977, der untersuchte, wie die Unterdrückung des Körpers zu den Freikorps und dem Faschismus führte. Dieses Buch stand in den siebziger und achtziger Jahren in fast jeder Wohngemeinschaft. Mit diesem Geld finanzierte Wolff Autoren wie Peter Kurzeck und Klaus Heinrich, kaufte eine alte Villa im Frankfurter Nordend, in der nicht nur seine Familie wohnte, sondern auch eine Menge von Gästen, auch der Verlag residierte dort.
1979 gründete Wolff zusätzlich zu seinem Verlag in Frankfurt die Stroemfeld Verlag AG in Basel. Der Name geht auf die ersten Zeilen eines Textes von Friedrich Hölderlin („Tende Strömfeld Simonetta“) zurück. 1993 musste Wolff Konkurs anmelden, konnte aber sein Programm weiterführen, indem er die Stroemfeld Fördergesellschaft in Basel gründete. Industrielle, Politiker und Mäzene ermöglichten ihm, das Programm weiterzuführen. Bis 2018, wo er wieder Konkurs anmelden musste. Viele seiner Bücher wurden verramscht oder kamen zum Altpapier, kurz danach musste auch die Sozialistische Verlagsauslieferung SOVA aufgeben: Leben, Buchhandel und Verlagslandschaft hatten sich verändert.
Ein spannendes Leben also, das der 82-Jährige erzählt, der sich vorgeschriebenen Rollen immer verweigert hat, der sich immer wieder neu definiert hat und neue Mitstreiter für seine Projekte fand und dessen Bücher sogar in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung prominent besprochen wurden. Leider ist seine Autobiografie in viele, kleine Häppchen zerlegt, durch die Wolff hetzt, anders kann man es nicht nennen. Es scheinen Erzählungen gewesen zu sein, die der Redakteur Dietegen Müller, der aus der Finanzbranche stammt, aufgeschrieben und versammelt hat.
Leider fehlen sowohl theoretische als auch kulturgeschichtliche Einordnungen und Reflexionen. Ständig wirft Wolff Namen in seine Erzählung, die oft gar nicht erläutert werden, die manchmal auf einer Seite auftauchen oder öfter in nur einem Satz. Drei Sätze für Bernardine Dohrn, ein paar Seiten über Rudi Dutschke, dreimal wird Einaudi erwähnt, ein Absatz über Eldridge Cleaver, ein Satz über Oskar Negt. So kommt ein Flickenteppich zustande, aber keine lesbare und aufschlussreiche Autobiografie. Zum Glück erzählt er von seiner Verlagsarbeit sehr viel ausführlicher, von seiner Arbeit an der Hölderlinausgabe vor allem.
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