Ein Land mit doppeltem Boden
Jina Khayyer erzählt in ihrem Roman „Im Herzen der Katze“ vom Aufstand der Frauen in Iran
Von Günter Rinke
Dieses bewegende Buch hat keinen guten Ausgang und gibt doch Hoffnung. Die Autorin Jina Khayyer hat iranische Vorfahren, ist in Deutschland aufgewachsen und lebt heute in Frankreich. Ihre Familiengeschichte ist der Hintergrund der Ereignisse, die sie in ihrem Buch erzählt. Khayyer hat eine doppelte Identität, (west)europäisch und iranisch, und sie beschreibt das Land, zu dem sie sich hingezogen fühlt und dessen Sprache sie spricht, weil sie in ihrer Familie gesprochen wurde, als Land mit doppeltem Boden. Nach außen herrschen die Mullahs mit Zwang und Unterdrückung, während die private Gesellschaft ganz anders funktioniert. Im privaten Bereich wird anders gelebt, anders gesprochen, anders miteinander umgegangen als in der Öffentlichkeit. Versuche, die private Lebensweise nach draußen zu tragen, führen immer wieder zu Konflikten, die oft brutal ausgetragen werden – allerdings nur von Seiten der Herrschenden.
Ob die Bezeichnung „Roman“ für dieses Buch zutrifft, ist eigentlich zweitrangig. Man zweifelt keinen Augenblick daran, dass alles, was erzählt wird, wirklich stattgefunden hat und dass die Autorin für die Wahrheit einstehen könnte, was für einen nicht-fiktionalen Text spricht. Andererseits gibt das Buch eine bestimmte Sicht auf die Verhältnisse und Entwicklungen wieder, zu der es sicherlich Alternativen gibt. Der Hauptteil der Erzählung ist ein Rückblick auf das Jahr 2000, in dem die Ich-Erzählerin Jina zum ersten Mal nach Iran reist und dort ihre Halbschwester Roya, ihre Nichte Nika und ihre Tanten besucht. Die Art, wie Jina von den Familienmitgliedern empfangen wird, ist überwältigend herzlich und sehr „körperbetont“. Für eher kühle Europäer dürfte die Körpernähe überraschend sein, die im privaten Umgang miteinander gepflegt wird, anders als in der Öffentlichkeit, wo, so die Autorin, „der Körper verboten ist“. Obwohl die Tanten – „Ammen“ genannt, aber nur, wenn sie Schwestern des Vaters sind – Jina bis dahin nur vom Namen und von Fotos kennen, umarmt jede einzelne sie fest und intensiv. Dann werden köstliche Speisen aufgetischt, so dass das Gastmahl zur Feier wird. Die persische Kultur wird als sinnlich, der Umgang miteinander als offen, unterstützend, aber teilweise auch übergriffig dargestellt. Das betrifft vor allem Frauen, die unverheiratet und kinderlos leben und berufstätig sein wollen. Es gibt also auch mindestens einen Berührungspunkt von öffentlichem und privatem Leben.
Sprachliche Eigenheiten unterstützen den Eindruck eines anderen Umgangs miteinander als bei uns und scheinen jenes Relativitätsprinzip zu bestätigen, nach dem die Sprache das Denken beeinflusst. Was sagt es über eine Kultur aus, in der es hundert verschiedene Arten gibt, „danke“ zu sagen? Je nachdem, wofür Dank ausgesprochen wird, ändert sich der Ausdruck: Wenn eine Person etwas für eine andere tut, bedankt diese sich mit den Worten: „Mögen deine Hände nicht schmerzen“, bekommt jemand ein Kompliment, bedankt er oder sie sich mit den Worten: „Deine Augen sind hell“. Jina Khayyer nennt weitere Beispiele für Dankesformeln. Auf Sprachbetrachtungen kommt die Autorin wiederholt zurück und benutzt oft in Kursivschrift persische Wörter, wobei auch hier der doppelte Boden sichtbar wird: „Unsere Sprache ist voller Schönheit und gleichzeitig voller Brutalität“, heißt es. Eine Aufforderung zu schweigen wird mit den Worten ausgedrückt: „Ersticke an dir selbst“. Gegendert wird nicht im Persischen, es gibt nur ein grammatisches Geschlecht.
Die neuere Geschichte Irans wird von einer der Tanten beim Durchblättern eines Fotoalbums als persönlicher Erlebnisbericht resümiert. Da gibt es Überraschendes zu entdecken, ältere Leserinnen und Leser werden sich an die Anti-Schah-Demonstrationen im Juni 1967 erinnern und staunen, wenn sie erfahren:
[D]abei waren die späten sechziger und frühen Siebzigerjahre unsere Blütezeit, so dachten wir jedenfalls. 1963 erhielten wir Frauen das Wahlrecht, wir durften abtreiben, wir durften uns scheiden lassen, ich war bei Weitem nicht die einzige Frau, die mehr wollte als heiraten und Mutter sein, vor der Islamischen Revolution hatten wir zum ersten Mal eine ganze Generation Akademikerinnen.
Das war die Zeit des verhassten Schah Reza Pahlevi, der zweifellos viel Schreckliches zu verantworten hatte, dessen Regime den Frauen aber offenbar auch Positives zu bieten hatte. Positives, das mit der islamischen Revolution schlagartig verlorenging: „Teheran veränderte sich über Nacht“, erzählt die Tante. Kleidervorschriften wurden eingeführt und brutal durchgesetzt, die reformfreudige Bildungsministerin – eine Frau in einem Regierungsamt! – wurde abgesetzt und hingerichtet. Wer konnte, habe das Land verlassen, sagt die Tante, so auch sie mit ihrer Lebensgefährtin.
Neben dieser ganz persönlichen Geschichtsdarstellung ist der Mittelteil des Buches fesselnd, der mit vielen landeskundlichen Details ins „Herz der Katze“ führt. Das Land Iran erinnere durch seine Umrisse an eine liegende Katze, meint die Ich-Erzählerin. Zu dritt machen Roya, Jina und die orts- und landeskundige Fahrerin Iman, eine junge Frau mit abrasierten Haaren, die als Mann auftritt, eine Reise von Teheran ins Landesinnere, an historische Stätten wie Persepolis, dessen Ruinen sie in glühender Hitze ganz für sich haben, bis zur alten Stadt Yazd im Landesinneren. Dieser Reisebericht liest sich wie ein Gegenentwurf zu dem, was die Mullahs aus Iran gemacht haben. Durch engstirnige Reglementierung des Alltags haben sie ein offenes, freundliches Land mit uralter Kultur und Landschaften von überwältigender Schönheit in ein Gefängnis verwandelt.
Davon betroffen sind vor allem die Frauen. Aber auch die Männer bleiben von den Zwängen nicht unberührt, wenn sie sich mit Frauen in der Öffentlichkeit zeigen. Unbeschwert als Liebespaar durch die Straßen zu flanieren, womöglich sogar Zärtlichkeiten auszutauschen, ist streng verboten. Die Kleidervorschriften für Frauen zwingen zu ständiger Vorsicht, denn die Auslegung, ob das Auftreten von Personen den Regeln entspricht oder nicht, unterliegt reiner Willkür. Eine Methode der Machtsicherung ist das Schüren von Unsicherheit und Angst. Das Ausmaß der Gewalt, die phasenweise, nicht immer, auf offener Straße ausgeübt wird, übersteigt fast unser Vorstellungsvermögen. Drastisch schildert die Autorin, wie bewaffnete Basij (Sittenwächter) auf Mopeds durch die Straßen rasen, plötzlich anhalten, Menschen aus Autos zerren und vor aller Augen krankenhausreif schlagen.
Den Rückblicken in die Geschichte der eigenen Familie und des Vielvölkerstaats Iran gibt die Erzählerin einen Rahmen, mit dem ein Licht auf die heutigen Verhältnisse geworfen wird. Das Buch setzt ein nach der Ermordung der kurdischen Iranerin Jina Mahsa Amini durch Sittenwächter – ein Ereignis das weltweit Entsetzen auslöste und in iranischen Städten zu großen Straßenprotesten führte. Das Vergehen der jungen Frau bestand darin, ihren Hidschab angeblich nicht korrekt getragen zu haben. In den sozialen Medien sieht man ein Bild des tödlich verletzten Mädchens, dessen Schicksal die Erzählerin auch wegen der Gleichheit des äußerst seltenen Vornamens bewegt.
Jina ist am Bildschirm dabei, wenn Roya und Nika sich auf Protestaktionen vorbereiten. Sie sind voller Euphorie, dass sie diesmal Erfolg haben werden, dass es also gelingen werde, die Mullahs zu stürzen. Bekannt geworden ist die Parole, die von den demonstrierenden Frauen gerufen wurde: „Zan, Zendegi, Āzādi, Frau, Leben, Freiheit!“ Schon während der großen Reise hat die als Mann verkleidete Iman den Mullah-Staat mit dem Staat des Großen Bruders in Orwells 1984 verglichen und war überzeugt: „Ohne die Kontrolle über unsere Körper gäbe es keine Islamische Republik.“ Jetzt vertritt Jinas Nichte dieselbe Auffassung. Während Roya vorsichtig bleibt, ist Nika voller Zuversicht und Begeisterung. Der Ausgang des Machtkampfs ist allerdings ungewiss. Auf Instagram verfolgt die Ich-Erzählerin, wie dieser Kampf ausgetragen wird und mit welchen Mitteln die Herrschenden die Bevölkerung einzuschüchtern versuchen. Zwar gelingt es ihnen immer schlechter, aber Jina hat wachsende Angst um ihre zu allem entschlossene Nichte. Erstens hat sie einmal, im Jahr 2009, die Erfahrung einer lebensbedrohlichen Situation auf Teherans Straßen gemacht. Zweitens gibt es immer wieder Rückschläge, etwa die Verhaftung der Mädchen von Ekbatan, die auf einem öffentlichen Platz mit offenen Haaren getanzt haben. Ekbatan ist ein Stadtteil Teherans und war die Hauptstadt des alten Mederreichs. Wieder klingt hier die Frage an, ob und wie sich die jahrtausendealte Hochkultur der Perser mit der Herrschaft der Ayatollahs vereinbaren lässt.
Die in die unmittelbare Gegenwart reichende Erzählung wird zum Schluss immer packender, wenn in kurzer Taktung bei Instagram verbreitete Ereignisse dokumentiert werden. Trotz des Optimismus, der offenbar in großen Teilen der jungen Generation vorherrscht, ist der Ausgang des Konflikts keineswegs sicher. Offensichtlich hat das außenpolitisch geschwächte Regime derzeit die Zügel gelockert, man sieht Fernsehbilder von Frauen ohne Kopftuch und in modischer Kleidung zwischen anderen, die noch im schwarzen Tschador herumlaufen. Das Buch endet mit dem Kampfruf „Zan, Zendegi, Āzādi.“ Er drückt Hoffnung aus, aber ein Siegesruf ist es noch nicht. Das emotional berührende und zugleich informative Buch ist nachdrücklich zur Lektüre zu empfehlen.
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