Es kann den Verstand zerreißen
Oksana Maksymchuks poetisches „Tagebuch einer Invasion“ zeigt das unermessliche Grauen des russischen Angriffskrieges
Von Thorsten Schulte
Vor der Veröffentlichung ihres aktuellen Gedichtbandes Tagebuch einer Invasion publizierte die ukrainische Philosophin und Poetin Oksana Maksymchuk Gedichte auf Ukrainisch. Das Tagebuch einer Invasion verfasste sie hingegen in englischer Sprache, es erschien zuerst unter dem Titel Still City – und anschließend in einer deutschen Übersetzung von Matthias Kniep. Maksymchuk müht sich spürbar um einen Abstand zum rasenden Wahnsinn des russischen Angriffskrieges, von dem sie in ihren Gedichten berichtet. Deswegen wählte sie, erstmals für ihre lyrische Arbeit, anstatt ihrer Muttersprache die Sprache ihrer amerikanischen Wahlheimat, um in der „Illusion einer zeitweiligen Distanzierung“ mit einer „freieren, ausgeglicheneren Stimme“ sprechen zu können. So wird die Dichterin im Nachwort des Bandes zitiert. Dieser Abstand sollte ihr Schutz bieten. Denn das, worüber sie schreibt, kann den Verstand zerreißen.
Das Tagebuch einer Invasion beginnt mit dem Leben vor dem russischen Überfall im Februar 2022, mit einem noch geordneten Leben. Es ist zugleich die Zeit in Erwartung des „Unaussprechlichen“, welches sich unsichtbar und unaufhaltbar nähert. Menschen halten ängstlich inne, starren in den Himmel. Notfalltaschen werden gepackt. Was sollte gerettet werden, was wird mit der Katze geschehen? Dann heulen die Sirenen. Es beginnt das Rennen, sich verstecken, in Deckung gehen: „Während die Nachrichten von Schusswechseln/ und Raketenangriffen/ die Verstecke unserer Gedanken/ zertrümmern“. Das Grauen zeigt sich zunächst auf Social Media. Auf Telegram wird ein Foto gepostet von einer erschossenen Frau und ihrem toten Mops, sie bedeckt mit einem „Laken mit kleinen Rosen“, er mit einem „passenden Kissenbezug“, heißt es im Gedicht „Stillleben einer Person mit Mops“ – was für ein lakonischer Titel. Schließlich säumen Leichen die Verse. Verbrannte Körper. Überreste werden hastig in einem Garten verscharrt. Sie „liefen kürzlich noch umher“, stößt das beobachtende lyrische Ich ungläubig hervor. Es stockt dem Lesenden der Atem, wenn eine Mutter beschworen wird, den Leichensack nicht zu öffnen, weil in ihm Stücke ihres Sohnes liegen. Nur ein Fuß ragt aus dem Sack heraus, denn zur Identifizierung dient ein „Samurai-Katzen-Tattoo“ auf dem Knöchel des Verstorbenen.
Oksana Maksymchuk beschreibt diese unfassbaren Schrecken stets betont ruhig und gefasst. Die Szenerie aus wechselnden Räumen, Raketen und Zerstörung scheint sich in Zeitlupe zu bewegen, beinahe albtraumhaft eingefroren, nicht effektheischend. Ihre Gedichte sind nah am gesprochenen Wort, schmucklos, klar und verständlich. Es sind konzentrierte, verdichtete Texte. Sie zu lesen bedeutet auch, dem blutigen Geschehen nicht ausweichen zu können. Es ist, als stünde der Lesende gemeinsam mit der Dichterin schockstarr in den ausgebombten Städten, sähe die nach einer Druckwelle zerborstenen Fenster, die Splitter, die Leichen, während Maksymchuk mit einem Finger auf die Körper weist. Sie wählt Standbilder aus der Invasion aus und weist präzise und unverstellt auf die Taten hin. Anklagend, deutlich, jedoch ohne laut zu werden. Ebenso schonungslos und ruhig richtet Maksymchuk außerdem den Blick auf die Kinder, die weit von der Frontlinie und ihrer Heimat entfernt ausharren. Ein geflüchtetes Kind fragt, wann es wieder nach Hause darf, wo sein Vater ist, und: „Was sollen wir tun?“. Fragen, die nicht beantwortet werden können. Ihre Vergangenheit ist zersplittert, ihre Zukunft unvorhersehbar. Sie sind verloren in einer Gegenwart, die sie nicht verstehen. Geflüchtete kauern sich zusammen und verfolgen in den Versen Nachrichten aus der Ukraine, sehen Videos von einschlagenden Raketen und Bilder von zerfetzten Körpern auf ihren Handys. Das Grauen verfolgt sie überall hin, in ihren Alltag und in ihre Träume. Krieg kratzt auch in der Ferne Furchen in die Seele. Ob die Verletzungen jemals heilen können, insbesondere in den Seelen der Kinder, bleibt offen. Das lyrische Ich ist versehrt: „[…] vergesse/ langsam,/ wie das geht: atmen“.
Das Atmen fällt schwer. Trotzdem bleibt Hoffnung. Denn die Gedichte zeigen nicht nur das Grauen und die Finsternis, sondern sie betonen auch die Widerstandsfähigkeit der Ukraine. Wo gerade Kugeln einschlagen, werden bald wieder Blumen blühen, ist in Tagebuch einer Invasion zu lesen. Die Gedichte sind lebensbejahend, mitten im Krieg: „Was das Leben angeht, es sagt ja/ Immer – ja“. Ukrainerinnen und Ukrainer beeindrucken die ganze Welt mit ihrer Stärke, mit der sie sich dem vermeintlich übermächtigen Gegner entgegenstemmen. Sie halten an der Hoffnung auf eine bessere Zukunft fest, wenngleich der Ausnahmezustand längst zum bedrückenden Alltag geworden ist. Die Wahrheit ist zugleich, dass alle „erschöpft davon, erschöpft zu sein“ sind, heißt es in einem von Maksymchuks Gedichten. Ähnlich formulierten es unlängst andere ukrainische Schriftsteller. Serhij Zhadan schreibt über Menschen, die traumatisiert, erschöpft und leer sind. Artem Tschech klagte in einem Namensbeitrag in der FAZ (Ausgabe 24.11.2025): „Wir alle – und damit meine ich nicht nur Militärangehörige – sind schrecklich müde vom Krieg.“ Aufgeben ist dennoch keine Option. Ende November machte Russlands Präsident Wladimir Putin abermals den Rückzug der Ukraine aus den von Russland völkerrechtswidrig beanspruchten Gebieten zur Bedingung für eine Einstellung der Kämpfe und wiederholte somit seine Forderung nach Kapitulation der Ukraine. Die Ukrainer müssten für immer mit der Schande leben, schreibt Artem Tschech und fragt, wie man das einem Kind, dessen Eltern von Russland getötet und dessen Haus von Russland zerstört wurde, erklären soll – einem Kind wie jenen mit großen, leeren Augen, von denen Oksana Maksymchuk in ihrem Gedichtband Tagebuch einer Invasion berichtet. Wie kann das Grauen also enden? Die Zukunft „widersetzt sich unseren Korrekturen“, heißt es im Gedicht Im Fadenkreuz. Vergeblich wird versucht, Einfluss zu nehmen. Schwindet die Hoffnung auf Frieden etwa? Maksymchuks Gedicht Genesis ist ein Ausdruck von Zuversicht und Stärke. In ihm wird gesucht, nach einer „Formel/ für die Zeit danach – dafür/ wie man neu/ beginnt“. Sie wird aber nicht gefunden. Maksymchuks Gedichte sind Zeugnisse des Krieges, sie regen aber vor allem zum Nachdenken an.
Hilflosigkeit breitet sich im Kopf des Lesenden aus. Denn alle Bemühungen um einen Waffenstillstand sind bisher vergebens. Putin müsse erkennen, dass er keine Chance habe, diesen Krieg zu Lasten der europäischen freiheitlichen Ordnung zu gewinnen, rief Bundeskanzler Friedrich Merz während der Generaldebatte im Deutschen Bundestag am 26.11.2025 aus. Bisher hat Putin es nicht erkannt. Soziologen vermelden indes, dass sich eine Mehrheit der russischen Bevölkerung mit dem Krieg und dem neuen Totalitarismus arrangiert habe. Russen zeigten „mehr Stolz auf ihr Land und weniger Kritik an den Machthabern als vor Beginn der Großinvasion in die Ukraine“, behauptet der Moskauer Soziologe Lew Gudkow. Während Maksymchuks Gedichte im Winter 2025 erstmals in deutscher Sprache gelesen werden können, setzt Russland unbeirrt seine Angriffe mit erbarmungsloser Härte fort. Im Fokus stehen weiterhin zivile Ziele, vor allem Wohnhäuser, Energie- und Wärmekraftwerke. Es ist kein Ende in Sicht. Es kann einem den Verstand zerreißen.
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