Kindersterben
Marie Hermansons Tragödie aus der Zwischenkriegszeit „Im Finsterwald“ handelt davon, wie man sich verläuft
Von Walter Delabar
Krimis, die in den 1920er Jahren spielen, haben vielleicht deshalb so großen Erfolg, weil man quasi im Kleinen, im Ursprung, das durchspielen kann, was heute eben ganz andere Dimensionen hat. Die Zwischenkriegszeit hat mit dem späten 19. Jahrhundert nur noch wenig gemein – Walter Benjamin schrieb dieser Generation zu, nichts unberührt gelassen zu haben, als die Wolken am Himmel und „in einem Kraftfeld zerstörender Ströme und Explosionen, de[n] winzige[n], gebrechliche[n] Menschenkörper“. Das referiert naheliegend am Ende der Weimarer Republik immer noch auf den Großen Krieg, der in Europa wenig nicht berührt hatte. Was in Schweden freilich ein wenig anders aussah, nicht zuletzt weil Schweden 1914 bis 1918 halbwegs neutral geblieben und eben kein Kriegsteilnehmer war.
Dennoch hat die Moderne auch in diesem Land kräftig zugelangt, was dann die Folie von Hermansons Im Finsterwald ist. Der Plot ist relativ einfach: Während eines Besuchs im Naturkundemuseum in Göteborg verschwindet ein kleines Mädchen und bleibt auch verschwunden. Das Kindermädchen, das mit den vier Kindern unterwegs war, ist von den drei anderen, um die es sich fürsorglich kümmert, abgelenkt. Das Kind ist weg, und als es nicht wieder auftaucht, steht es an, ein Verbrechen zu vermuten.
Keine Frage, das Kindermädchen, gerade 17, kümmert sich hingebungs- und sehr phantasievoll um die Kinderschar eines bankrotten Unternehmers. Dieser verschärft seinen Niedergang mit Alkohol. Die Krankheit seiner hinfälligen Frau ist zudem wohl mehr den Opiaten zuzuschreiben, die ein dementer Hausarzt ihr in großen Mengen verschreibt. Aber das Kindermädchen ist eben auch überfordert. Zudem zeigt die junge Frau einige vielleicht grob autistisch zu nennende Züge, die es ihr allerdings erlauben, den ihr anvertrauten Kindern jederzeit sehr attraktive Phantasiewelten zu entwerfen. Dass sie dem alkoholisierten Hausherrn auch zu anderem herhalten muss, kommt nur obendrauf – und hat ein bisschen den Charakter eines naheliegenden Ausstattungselements, dessen es aber eigentlich nicht bedurft hätte. Gelegenheit macht eben auch bei Krimiautor/innen Diebe.
Nach einigen Tagen wird die Leiche des verschwundenen Kindes durch Zufall aufgefunden. Die Ursache für seinen Tod ist einigermaßen banal, und liegt in der Familienkonstellation begründet und im Persönlichkeitsprofil des Kindermädchens, wenn man so viel verraten darf. Also kein Kinderschänder, keine hanebüchenen Ausbeutungsgeschichten oder was auch immer sich da anböte.
Die Familie erlebt eine Wiedergeburt, das Radiogeschäft des Mannes blüht mit einem Mal auf und die Frau wird langsam von ihrer Opiumsucht entwöhnt. Selbst das Kindermädchen mag sich mit dem, was ihm blüht, einigermaßen zufriedengeben. Ein Happy End ist ja auch einmal erholsam.
Die Geschichte hat ein ausgeschmücktes Beiwerk – einen Ermittler, der im Museum eine neue Geliebte findet, die ihn sitzen lässt, seine Ex, die aus merkwürdigen Gründen einen reichen und eleganten Mann heiratet und nun dessen Haushälterin ertragen muss, einen Museumshausmeister, der das ihm anvertraute Haus um einige Exponate erleichtert, weil er so die Behandlung seines epileptischen Sohnes zahlen kann und so weiter. Um so einen Kriminalfall herum gibt’s eben auch eine Menge Lebenswelt zu erzählen, die mit dem Fall eigentlich wenig zu tun hat, aber die Geschichte trägt und füllt.
Ganz aus der Art gefallen ist aber der Klappentext des Bandes, der immerhin bei Insel erschienen ist und bei dem man sich fragt, ob dessen Macher das Buch, das sie da angeblich beschreiben, überhaupt gelesen haben. Der „Familienausflug“, der am Anfang steht, ist keiner, wenn Vater und Mutter zu Familien gehören sollten. Die „Familie“ sucht nach dem Verschwinden des Kindes auch nicht nach „Antworten“, und welche Geschichten und Rätsel die „labyrinthartigen Gänge des Museums und seine unheimlichen Exponate bergen“ sollen, lässt sich zwar fragen, aber nicht aus dem Roman heraus beantworten. Und ganz schlimm und schlichtweg – sorry – eine Veralberung von Lesern ist der Schlusssatz: „Wird es ihnen (also dem Ermittler Nils und seiner Ex Ellen) gelingen, das Mädchen zu finden, bevor die dunklen Schatten der Vergangenheit erneut zuschlagen?“ Ganz im Ernst: Ich will nichts mehr von „dunklen Schatten der Vergangenheit“ lesen. Und erst recht nicht auf dem Umschlag eines Insel-Buches. Der Band ist sicherlich kein Meilenstein in der Krimigeschichte, aber eine solche Gedankenlosigkeit hat er nicht verdient.
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