Jeder Abschied ist der letzte

Jasmin Schreibers „Da, wo ich dich sehen kann“ ist mehr als nur ein lesenswerter Roman über die fatalen Folgen eines Femizids

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wie sicher sich Jasmin Schreiber auf dem Feld unterschiedlicher literarischer Genres bewegt, hat sie schon mehrfach unter Beweis gestellt; jüngst etwa mit dem Nahzukunftsroman Endling. Überdies hat die Biologin bereits einige ebenso kenntnisreiche wie unterhaltsame Sachbücher vorgelegt, wie etwa Liebe, Sex und Erblichkeit, das sie gemeinsam mit Lorenz Adlung verfasst hat. Mit ihren literarischen und nonfiktionalen Werken hat die Autorin innerhalb weniger Jahre eine schier unglaubliche Publikationsdichte erreicht, und die Reihe ihrer selbstständigen Publikationen ist mit ihrem jüngsten Erzeugnis, dem Roman Da, wo ich dich sehen kann, zweifellos noch lange nicht abgeschlossen.

Im Zentrum der Handlung des neuen Werks steht ein Femizid. Oder, genauer gesagt, dessen fatale Auswirkungen auf das Leben der nächsten Verwandten und der besten Freundin der von ihrem Mann ermordeten Emma. Anders als bei vielen anderen Romanen, deren Ausgangspunkt ein Verbrechen ist, oder bei der Berichterstattung über reale Femizide richtet sich der Fokus nicht auf den Täter, sondern auf die in den Medien zumeist vernachlässigten Opfer, zu denen nicht nur die Ermordete selbst zählt, sondern, wie der Roman zeigt, auch alle ihre Lieben.

Es sind dies Emmas neunjährige Tochter Maja, ihre Eltern Brigitte und Per sowie ihre „beste Freundin“ Liv, die Emma schon von Kindesbeinen an kannte und die später Majas Patentante wurde. Maja, Brigitte, Per und Liv, sie alle werden von Schuldgefühlen geplagt. Die Erwachsenen, weil sie glauben, sie hätten den Femizid verhindern können, wären sie nur aufmerksamer und achtsamer gewesen. Maja macht sich sogar selbst für den Mord verantwortlich.

Das Geschehen wird multiperspektivisch aus der Sicht von Emmas Familienmitgliedern und derjenigen von Liv erzählt. In zahlreichen Kapiteln werden ihre Trauer, ihre Wut und Verzweiflung sowie ihre Versuche geschildert, das Geschehen zu verarbeiten, weiterzuleben und eine Perspektive gerade auch für Maja zu entwickeln. Aus wessen Sicht jeweils erzählt wird, machen schon die Kapitelüberschriften deutlich, denen jeweils der Name einer der Figuren vorangestellt ist. Außerdem ist den ProtagonistInnen je ein graphisches Sternzeichen zugeordnet, ohne dass dies weiter thematisiert würde. Die Handlungsgegenwart liegt ein gutes halbes Jahr nach Emmas Ermordung, also in den Herbst- und Wintermonaten des Jahres 2025, und erstreckt sich bis in den Januar 2026 hinein.

Verschiedene Kapitel blicken zurück in die Vergangenheit, in der Emma noch lebte. Auch sie sind jeweils aus der Perspektive einer der trauernden ProtagonistInnen erzählt. Ringen Emmas Eltern, ihre Tochter und ihre Freundin in der Handlungsgegenwart damit, nicht an dem Mord Emmas zu verzweifeln, so machen die Rückblenden die Lesenden mit ihrem vorherigen Leben und ihrem jeweiligen Verhältnis zu Emma vertraut. Doch auch Emma selbst tritt wiederholt auf. Denn in einigen Kapiteln wird aus ihrer Sicht von der Zeit ihrer Ehe erzählt. Während die Handlung der Erzählgegenwart im Präsens geschrieben ist, sind die Erinnerungen der Figuren im Präteritum gehalten.

Gegen Ende des Romans treten schließlich auch die Eltern des Mörders auf, wiederum in aus deren Sicht erzählten Kapiteln. Erwähnt werden soll auch, dass einer der Abschnitte aus der Perspektive von Livs Hündin Cloé geschildert ist, in der die Autorin ihrer eigenen, unlängst verstorbenen Hündin ein Denkmal gesetzt hat.

Emmas Eltern sind in ihren Fünfzigern und betreiben eine kleine Pension mit Garten. Ihr Vater arbeitet außerdem als Handwerker. Nach dem Mord an ihrer Mutter lebt Maja bei dem Großelternpaar und findet in Liv eine Freundin. Die hat sie auch sehr nötig, wird sie doch von Alpträumen geplagt und fürchtet, dass ihre tote Mutter sich an ihr rächen und mit ins Grab ziehen will, weil sie ja schuld an deren Tod sei. Schuldig fühlt sich das Mädchen, weil es von ihrem manipulativen Vater, ohne dass Maja es merkte, gegen die Mutter in Stellung gebracht wurde; etwa indem er ihr alles erlaubte, was diese ihr aus guten Gründen verbot.

Emma selbst hatte vor ihrer Ehe „große akademische Pläne gehabt“ und auch durchaus die besten Aussichten, sie verwirklichen zu können. Dann aber wurde sie mit gerade einmal zwanzig Jahren ungewollt schwanger und hat den sechzehn Jahre älteren Kindesvater geheiratet, obwohl sie ihn kaum kannte. Damit war ihre wissenschaftliche Karriere beendet, bevor sie überhaupt begonnen hatte. Auch dauerte es nicht allzu lange, bis ihr stets unzufriedener Mann begann, sie wegen Geringfügigkeiten zu kritisieren und bald darauf zu beschimpfen. Im Laufe der Jahre gaslightete er sie nicht nur immer mehr, sondern begann auch, sie regelmäßig zu verprügeln. Und als sie mit dem zweiten Kind schwanger war, hat er sie schließlich ermordet.

Zwar tat Emma ihren Eltern und Liv gegenüber immer so, als sei alles in bester Ordnung. Dennoch zweifeln diese, ob sie nicht irgendwelche Anzeichen für den ehelichen Terror hätten bemerken müssen. Hätten sie sich in bestimmten Situationen doch nur anders verhalten, wäre es nicht zu dem Mord gekommen. Diese schulderfüllten Phantasien rettender Interventionen folgen in eigenen Kapiteln auf Erinnerungen an bestimmte Gespräche mit Emma, von denen sie sich im Nachhinein sagen, sie hätten sich anders verhalten können, sollen, ja müssen, und alles wäre gut.

Die Autorin hat diese weiß auf schwarz gedruckten Passagen in mehrfacher Hinsicht geschickt eingebaut. Zum einen sind sie so angelegt, dass die Lesenden geneigt sind, den von Schuldgefühlen geplagten Hinterbliebenen zuzustimmen und zu denken: Ja, hättest du dich nicht nur mal so verhalten… Zum anderen zeigt sich später, dass auch das wohl kaum zur Rettung Emmas geführt hätte, die Schuldgefühle also tatsächlich alles andere als angebracht sind. Denn schuld ist immer einzig und allein der Mörder. Und zum dritten korrespondieren diese Abschnitte phantasierter Alternativen damit, dass Liv Astrophysikerin ist und der faszinierten Maja von möglichen Paralleluniversen erzählt. In einem von ihnen könnte Emma also noch leben und sie alle glücklich sein, hofft das Mädchen unter Zustimmung Livs. So suchen beide Trost in der Vorstellung, dass in einem anderen Universum alles besser sein könnte, auch wenn es unmöglich ist, aus dem Universum, in dem wir leben, dorthin zu gelangen. Dass es in den anderen Universen nicht etwa besser, sondern ebenso viel schlechter sein könnte, wird von ihnen allerdings nicht in Betracht gezogen. So bleibt unerörtert, ob Leibniz mit seiner These, wir lebten in der besten aller möglichen Welten richtig lag, oder nicht vielleicht doch Schopenhauer, der ihm entgegenhielt, nein, es sei die schlechteste.

Liv erklärt ihrem Patenkind nicht nur die Möglichkeit von Paralleluniversen, sondern auch, dass das Licht anderer Sterne so weit entfernt ist, dass man sie gar nicht so sieht, wie sie gegenwärtig sind, sondern wie sie einmal waren. Denn das Licht ist zwar unglaublich schnell, für die großen Strecken, die zwischen der Erde und den Sternen liegen, braucht es jedoch sehr lange Zeit. Maja ist begeistert und stellt sich vor, durch ein Fernrohr ihre Mutter sehen, ja, vielleicht mit ihr reden zu können. Dann würde sie ihr endlich sagen, wie lieb sie ihre Mutter hat.

Ebenso wie Emma hat auch Liv ihre wissenschaftlichen Ambitionen begraben. Denn sie hat zwar nicht geheiratet und auch kein Kind bekommen, aber sie hielt dem Druck des patriarchalen Wissenschaftssystems und dem misogynen Verhalten der meisten ihrer Kollegen nicht stand. Daher hat sie die akademische Karirere an den Nagel gehängt und arbeitet nun als Lehrerin. Außerdem hat sie große Probleme mit ihrer Mutter, die eine egozentrische Nervensäge ist und überhaupt in denkbar ungünstigem Licht erscheint – bis die Lesenden erfahren, was in ihr vorgeht und warum sie so ist, wie sie ist. Auch sie hat einen Femizid erlebt. Ein denkbar gutes und vertrauensvolles Verhältnis hat Liv hingegen zu ihrem Bruder.

Schreiber erzählt dies alles oft mithilfe direkter Rede, was das Geschehen für die Lesenden sehr lebendig macht. Doch versteht die Autorin es auch, sie in die Gefühlswelt ihrer vom Femizid betroffenen Figuren eintauchen zu lassen. In krassem Gegensatz dazu steht die schwer erträgliche Kälte der in den Erzähltext eingeflochtenen fiktionalen Dokumente wie etwa des Sektionsgutachtens Emmas Leiche betreffend, der Anwaltsschreiben und der Beschlüsse des Familiengerichts, wem das Sorgerecht für Maja zusteht.

Schreibers Roman ist überdies nicht zuletzt ein lautstarkes Plädoyer dafür, sich nicht zu scheuen, falls nötig eine Psychotherapie in Anspruch zu nehmen. Alle Hinterbliebenen Emmas sind, zu Beginn, teils widerstrebend, in psychotherapeutischer Behandlung. Gegen Ende des Romans stellt sich sogar noch heraus, dass eine resilient und gelassen erscheinende Nebenfigur schon fast die ganze Zeit ihres Erwachsenenlebens in Psychotherapie ist und das verheimlicht hat. Das ist dann aber vielleicht doch etwas zu viel des Guten, oder in diesem einen Fall nur gut gemeinten.

Noch ein weiterer, hier aber nicht sonderlich bedeutender Kritikpunkt ist, dass Feminismus als rein individuelle Wahlfreiheit dargestellt wird – ohne dass davon die Rede ist, dass Feminismus eben auch gesellschaftliches Engagement bedeutet. Zum Beispiel, sich für die Rechte aller Frauen einzusetzen und dafür, dass diese Rechte auch gelebt werden können. Stattdessen aber wird wiederholt darauf beharrt, dass die feministische Freiheit der Wahl auch die eines Lebens als Hausfrau beinhalten kann. Natürlich bedeutet Feminismus auch Wahlfreiheit, erschöpft sich jedoch nicht darin. Patriarchatskritik ist nicht minder wichtig.

Zuletzt noch ein, zwei kritische Bemerkungen zum Lektorat. Dieses hätte vielleicht bemerken können, dass der Planet Neptun keineswegs vier Milliarden Lichtjahre entfernt ist, wie ausgerechnet der Astrophysikerin Liv in den Mund gelegt wird, sondern gerade einmal 4,5 Milliarden Kilometer. Ein Lichtjahr aber ist nicht weniger als 9,5 Billionen Kilometer lang. Hätte Liv also von Kilometern gesprochen, wäre sie der Sache schon nähergekommen. Unklar ist auch, was es heißen soll, wenn jemand eine Frau „auf grafischste Art und Weise vergewaltigt“.

Das aber sind angesichts der literarischen Qualität des Romans nur Quisquilien. Viel wichtiger ist, dass Schreiber ein Buch gelungen ist, dessen Lektüre zwar angesichts seines Themas keineswegs ein Vergnügen ist, genau das den Roman aber zu einem der wichtigsten und bedeutendsten der letzten Jahre macht.

Titelbild

Jasmin Schreiber: Da, wo ich dich sehen kann. Roman.
Eichborn Verlag, Köln 2025.
427 Seiten, 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783847902232

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