„Wo der Arzt in Misskredit gekommen ist, schleicht der Scharlatan ins Haus“
Carl von Ossietzky und die Weimarer Republik
Von Günter Helmes
Das im handlichen Format 18,5 x 11,5 gefertigte, aufwendig mit Fadenheftung, Kapital- und Leseband ausgestattete, gefällig gesetzte und auf festem, Hand und Nase schmeichelndem Papier gedruckte Hardcover aus der Reihe „Limbus Preziosen“ des Innsbrucker Limbus-Verlags präsentiert zehn meist in Die Weltbühne erschienene Beiträge von Carl von Ossietzky aus dem Zeitraum 1923 bis 1931: Zunächst fünf chronologisch geordnete, als thematischer Block zu verstehende Beiträge aus dem Jahr 1927, dann einen Beitrag aus dem Jahr 1928, dann zwei Beiträge aus dem Jahr 1931, dann einen Beitrag aus dem Jahr 1923 und schließlich einen Beitrag aus dem Jahr 1928. Im Einzelnen: „Idiotenführer durch die Regierungskrise“, „Demaskierungen“, „Opposition?“, „Republikschutz und andere Lustbarkeiten“, „Wiener Bastillensturm“, „Über Helden und Heldentum“, „Die Farben von Panama“, „Nach der Sintflut?“, „Weltreaktion. Ihr Sinn und Unsinn“ und „Europa macht nicht mit!“. Warum gerade diese Beiträge ausgesucht wurden – in dem zur Rede stehenden Zeitraum hat Ossietzky laut der „Oldenburger Ausgabe“ seiner „Sämtlichen Schriften“ viele Hundert Beiträge veröffentlicht – und warum diese in die vorliegende Reihenfolge gebracht wurden, wird nicht erläutert. Von den Texten selbst her, von denen hier neben dem den Buchtitel abgebenden mit einer gewissen Beliebigkeit der älteste und der jüngste skizziert werden sollen, lässt sich zumindest für die nicht aus dem Jahr 1927 stammenden Texte keine Begründung ableiten.
An die Texte Ossietzkys schließen sich ein „Nachwort“ des Herausgebers Alexander Kluy, eine „Zeittafel“ zu Leben und Werk des Autors sowie „Quellennachweise“ an. Einen Kommentarteil zu den zahlreichen Textstellen, die heute auch bei Kennern keineswegs als verständlich vorausgesetzt werden können, gibt es leider nicht. Das erschwert vor allem dem interessierten Laien die Lektüre – nur an diesen kann sich die vorliegende Ausgabe wenden, der Spezialist greift selbstverständlich bevorzugt zur bereits genannten „Oldenburger Ausgabe“ –, muss er doch beispielsweise hinsichtlich von Namen in der deutlichen Mehrzahl der Fälle ausführlich recherchieren oder sich damit abfinden, nicht zu wissen, wovon des Näheren die Rede ist. Mitunter in die Texte in eckige Klammern eingelassene knappe Erläuterungen insbesondere zu Personen der Zeitgeschichte helfen da auch nicht wirklich weiter, ganz abgesehen davon, dass diese so platzierten Erläuterungen den Lesefluss hemmen und unschön wirken.
„Weltreaktion. Ihr Sinn und Unsinn“ aus der Berliner Zeitung vom 12. Februar 1923 geht von der „Bestandsaufnahme“ aus, dass sich vor dem Hintergrund der alle betreffenden wirtschaftlichen Folgen des Ersten Weltkriegs „ein breiter schwarzer Gürtel enger und enger um die alten und neuen Demokratien Europas“ und deren an systemimmanenter „Altersschwäche“ leidenden „demokratischen Parlamentarismus“ legt. Es sei die Stunde der „moderne[n] politische[n] Scharlatanerie“, die sich in dem „vielfarbigen, vieldeutigen Begriff: Fascismus“ kristallisiere. Der sei „die machtgewordene Furcht des von kapitalistischen und sozialistischen Extremen in seiner Existenz bedrohten und durch die Schieberepochen seit 1914 materiell und moralisch geschwächten Bürgertums.“
Jetzt, wo „die Männer versagen“, rufe man „nach dem Mann“, wachse „die Sehnsucht nach dem Diktator.“ Wer aber ziehe den Nutzen aus dieser Entwicklung? Keineswegs der „Fascismus“ selbst, dessen „ironische Folie“ es nämlich sei, „dass er bei aller Deklamation gegen den Großkapitalismus […] sogar als dessen Kreatur wirkt.“ Als eine „Kreatur“, die allerdings an der Wahl ihrer „Mittel“ und an ihrem „Mangel an realen Zielen“ scheitern werde.
Profiteur der aktuellen Entwicklung sei vielmehr der im Entstehen begriffene „Industriefeudalismus, der an die Stelle der zermürbten Staatsautorität tritt, die ,Diktatoren‘ gelassen beiseiteschiebt und die […] Massen endgültig unter sein Joch bringt.“ Ossietzky schließt (dennoch) mit der Hoffnung auf eine „neue Weltdemokratie“, für die es zu leben gelte.
„Idiotenführer durch die Regierungskrise“ aus der Weltbühne vom 4. Januar 1927 ist in die Abschnitte „Zur Theorie der Krise“ und „Typischer Verlauf eines Krisentages“ unterteilt. Der vorherrschende Tonfall changiert zwischen satirisch und sarkastisch. So heißt es gleich zu Beginn, die junge Demokratie Deutschland sei etablierten Demokratien auf einem „bescheidene[n] Spezialgebiet“, in der „pfleglichen Behandlung der Regierungskrisen“ nämlich, „weit voraus“: „In der künstlerischen Dehnung und Streckung der Krisen zeigt sich eine frühe Meisterschaft des zur Mündigkeit erwachten deutschen Volkes“. Es sei nicht zu bezweifeln, dass Deutschland dem „hohen Ziel deutscher Staatskunst“, der „permanenten Krise“ nämlich, der „absoluten Krise, der Krise an sich“ näherkommen werde.
Im Fortgang dann ist von „feierlicher Kriseneröffnung“ die Rede, davon, dass niemand „Spielverderber“ sein wolle und von daher nichts „Positives“ gesagt werde, davon, dass ein „präsumptiver Külz“ – es wird nicht erläutert, dass von dem Liberalen Wilhelm Külz die Rede ist – „durch Nichtrasur Bereitwilligkeit“ andeute, mit dem Amt [des Reichswehrministers] den Bart zu übernehmen (den Zopf sowieso)“, davon, dass durch hin und her fliegende „Gerüchte“ von vornherein mögliche Krisenlösungen torpediert werden.
Bei all dem sei die „Atmosphäre“ etwas „sehr Wichtiges und Nichteingeweihten schwer Verständliches“. Die gehe allerdings den Kommunisten völlig ab, weshalb sie keine Rolle spielten. Das sei bei den „überall“ antichambrierenden Demokraten anders, zeigten die sich doch bereit, „dem Vaterland das Opfer zu bringen, nicht nur den Kanzler zu stellen, sondern auch alle bisher innegehabten Ministerien zu behalten“. „Die rechte Mittelgruppe der linken Außenseiter des rechten Flügels der Deutschen Volkspartei“ hingegen lehne „grob jede weitere Erörterung“ ab, während die „Sozis“ einmal mehr „Mangel an Verantwortungsfreude“ zeigten. Und zu einem „Rechtsblock“ komme es nicht, weil es das „Verlangen“ der Bayrischen Volkspartei sei, „die bayrische Weltsprache als obligatorisches Lehrfach in den höheren Schulen einzuführen.“
Wie so ein typischer Krisentag endet? „Spät abends treffen sich die Fraktionsführer, freuen sich über die wohlgelungene Krise, drücken alle guten Wünsche aus, haschen sich freudig erhitzt mit den Händchen, machen Ringelreihe“.
Schließlich „Nach der Sintflut?“ aus der Weltbühne vom 14. April 1931. Hier geht es um den „Nibelungenkampf zwischen den großen Herren der Nationalsozialistischen Partei“, der „von den republikanischen Zuschauern dieses heroischen Spektakels […] als Anfang vom Ende der Bewegung gedeutet“ werde: „Morgen wird alles wieder in Ordnung sein und werden, wie es war. So denken die Routiniers demokratischer Niederlagen und sehen die Zukunft trocken und heiter vor sich.“
Vor dem (nicht erläuterten) Hintergrund u.a. des mit weitreichenden Ansprüchen verbundenen, rasanten Anwachsens der SA seit Ende 1930 und von Notverordnungen Kanzler Brünings im März und April 1931 – am Tag vor Erscheinen des Artikels ist die SA verboten worden – stehen Hitler selbst, Goebbels, der Oberste SA-Führer-Ost Walther Stennes, Hermann Göring sowie Heinrich Brüning und Alfred Hugenberg im Zentrum der Betrachtung. Hitler selbst scheine „kaltblütig entschlossen“ zu sein, die „so oft überschwänglich gefeierten S.A.-Helden“ zu opfern – Stennes plädierte im Unterschied zum ‚legalistischen‘ Hitler für Revolution – und sich so „die Freundschaft jener reaktionären bürgerlichen Ordnungspolitiker zu erhalten, die das Recht auf Blutvergießen lieber bei Henker und Militär monopolisiert sehen.“ Auf diese Weise gewinne er an „bürgerlich-kapitalistischer Zuverlässigkeit.“ Dass Brüning Hitler und die NSDAP angesichts der Preisgabe der Stennes und Co. weiterhin toleriere, werde freilich – prophetische Worte – zum Untergang eben dieser bürgerlich-reaktionären Kräfte selbst führen. Ossietzkys abschließende steile, doch allemal bedenkenswerte These:
Die nationalsozialistische Bewegung ist weder durch die Bedeutung ihrer Führer noch durch die Überzeugungskraft ihrer Programme groß geworden, sondern durch die verbrecherische Unzulänglichkeit eine Pseudodemokratie und die Feigheit eines parlamentarischen Regimes, das niemals gewagt hat, eines zu sein.
Das gerade einmal fünf Seiten umfassende Nachwort des Herausgebers, eher eine Nachbemerkung, ist ohne Auszeichnung und Erläuterung irritierender Weise mit „Schwertgeklirr und Wogenprall“ überschrieben. Also mit einer Formulierung aus der ersten Strophe des doch zumindest der Rezeption nach wohl eher nationalistisch-militaristisch als patriotisch zu nennenden, im Kaiserreich als inoffizielle Nationalhymne gehandelten Liedes Die Wacht am Rhein. Wo soll da der Zusammenhang mit Carl von Ossietzky sein, dem Friedensnobelpreisträger des Jahres 1935?
Die Irritation nimmt zu, wenn man die Eingangssätze des Nachwortes von Alexander Kluy liest:
Ist das nicht dieser sehr Linke? Der Vaterlandsverräter?
Ein kleiner Test ergibt selbst bei Gebildeten noch heute stets die zwei selben Fragen, die weniger (Antwort-)Fragen sind denn Verdikte über Carl von Ossietzky.
Mir sind diese beiden Fragen weder „stets“ noch in irgendeiner signifikanten Häufigkeit begegnet, schon gar nicht unter „Gebildeten“.
Im Fortgang dann liefert das Nachwort zwar einige Hinweise auf Leben und Werk Carl von Ossietzkys, wirkt aber aufgrund von Abschweifungen diverser Art insgesamt eher unkonzentriert. Immerhin werden aber Begründungen angeboten, warum man Ossietzky heute noch lesen sollte. U.a. heißt es, seine „intensiven Analysen“ seien „überzeitlich“ und angesichts der „weltpolitischen Realität“ „fingernagelbrennend aktuell“. Darüber hinaus sei sein Stil „leichtfüßig und bildungssatt, seine Ironie bezaubernd und schwirrend, weil sein Geist funkelte und er voller Esprit war.“ Inwiefern diese Begründungen überzeugen, mag jeder Leser für sich entscheiden.
Die eigentliche Schwäche des Nachworts liegt aber darin, dass auch nicht ansatzweise versucht wird, die wiedergegebenen Texte zeit- und diskursgeschichtlich zu kontextualisieren und mit der durchaus kontroversen Rezeption des politischen Engagements von Carl von Ossietzky bekannt zu machen. Auf kritische Stimmen über die Rolle der Weltbühne und Ossietzkys beim Niedergang der Weimarer Republik beispielsweise von Seiten eines prominenten Historikers wie Hans-Ulrich Wehler hätte aufmerksam gemacht werden müssen, droht doch sonst die Gefahr, dass Wertschätzung zu Lobhudelei gerinnt.
Die „Zeittafel“ liefert erste Anhaltspunkte insbesondere zum Leben Carl von Ossietzkys, weist aber einige zeitliche Lücken auf. Erfreulich ist, dass das „Quellenverzeichnis“ Ort und Zeitpunkt der Erstveröffentlichung benennt, auch wenn die bibliographischen Angaben nicht vollständig sind – es fehlen die Seitenangaben. Allerdings beschleichen mich angesichts zuvor vorgetragener editorischer Anstände Zweifel, ob der vorliegenden Edition tatsächlich diese Erstdrucke zugrunde gelegt worden sind, würde das doch den unmittelbaren Zugriff und die intime Bekanntschaft beispielsweise auf fünf Jahre bzw. mit fünf Jahren Weltbühne voraussetzen. Ob nicht doch auf eine oder mehrere der antiquarisch ebenso leicht wie wohlfeil zu erstehenden Ossietzky-Editionen oder sogar auf die „Oldenburger Ausgabe“ zurückgegriffen worden ist?
Wie dem auch sei: Ossietzky zu lesen, lohnt allemal, auch dann, wenn man sich nicht wie der Herausgeber in häufiger vorschnell anmutenden Aktualisierungsbemühungen „von ihm warnen“ lassen möchte, sondern ihm ‚nur‘ als einem ebenso scharfsichtigen wie scharfzüngigen Analysten und Essayisten begegnen möchte.
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