Stefanie von Wietersheim über „Vergessene Heldinnen. Frauen, die Geschichte schrieben“
Besprochene Bücher / LiteraturhinweiseWer kennt die erste schwarze Opersängerin, die auf einer prominenten New Yorker Bühne auftreten durfte, nämlich Camilla Williams im Jahr 1946? Wem ist der Name der im Jahr 1868 geborenen Lida Gustava Heymann bekannt – Hamburger Frauenrechtlerin und Pazifistin, die in einer lesbischen Werk- und Lebensgemeinschaft mit der Frauenrechtlerin Anita Augspurg lebte? Wer wusste, dass Clara Immerwahr die erste Frau war, die im Jahr 1900 einen Doktortitel in Chemie bekam? Wer weiß, dass die Wiener Fotografin Dora Kallmus das Bild der in den 1920er-Jahren erscheinenden „Neuen Frau“ in Hosen oder Fliegermontur entscheidend mitprägte und nach dem Holocaust getötete Kreaturen in den Pariser Schlachthöfen fotografierte?
Um derart interessante und unterbelichtete weibliche Lebensläufe darzustellen, porträtiert die Kulturjournalistin und Buchautorin Stefanie von Wietersheim 21 innovative, wegweisende und mutige Frauen aus Europa und den USA in ihrem neuen Band Vergessene Heldinnen. Frauen, die Geschichte schrieben.
Wietersheim erinnert in Texten und historischen Bildern an oft dramatische weibliche Schicksale aus zwei Jahrhunderten: von der 1815 geborenen Mathematikerin Ada Lovelace bis zur 2024 gestorbenen New Yorker Personal Shopperin Betty Halbreich. Gerade die Lebensgeschichten von Frauen der sogenannten Belle Epoque zeigen, wie die Jahre vor und nach der Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert ein Laboratorium für neue weibliche Lebensentwürfe wurden.
Warum derart innovative Frauen in der Geschichtsschreibung und der öffentlichen Wahrnehmung lange Zeit nicht als wichtige Playerinnen vorkamen, damit beschäftigt sich in diesen Tagen gerade eine neue Welle von Geschichtsschreiberinnen und Autoren. Diese machen, wie auch das vorliegende Buch, bei der Erklärung für die bislang fehlende Sicht auf weibliche Lebensläufe auf dominante patriarchalische Strukturen, verlorene Quellen, Rollenstereotype und aktive Diskriminierung aufmerksam.
Die Autorin, die sich für das Buch intensiv mit Biografiearbeit auseinandergesetzt hat und der Frage nachgegangen ist, wie sogenannte Berühmtheit entsteht, was sie ausmacht und wie sie bleibt, kommt zum Fazit, dass Frauen im Gegensatz zu Männern meist keine langfristige Deutungshoheit über ihre persönliche Geschichte besaßen, da sie keine mächtigen Netzwerke an den Schaltstellen im Wissenschaftsbetrieb, in Medien und Unternehmen hatten – und bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts keine Hochschulen besuchen konnten. Wietersheim sieht den Grund dafür, dass viele Pionierinnen vergessen wurden, in häufig fehlenden Rezeptions-Katalysatoren, Ruhmes-Paten und postmortalen PR-Agenten, die für ein Erinnern notwendig sind.
Ergänzt werden die mit vielen Bildern illustrierten Biografien mit Stimmen aus dem Heute: Interviews etwa von der ehemaligen Bundestagspräsidentin Bärbel Bas, der Pariser Modeikone Inès de la Fressange, der Expertin des deutschen Musikrats Anke Steinbeck, der IT-Managerin Christine Regitz oder der Opernsängerin Janet Willams.
Anmerkung der Redaktion: literaturkritik.de rezensiert nicht die Bücher von Mitarbeiter*innen der Zeitschrift, Angehörigen der eigenen Universität oder aus dem Verlag LiteraturWissenschaft.de. Diese Bücher können hier jedoch gesondert vorgestellt werden.
|
||















